Leben mit Autisten Manchmal zeigen sie sogar Mitgefühl

Für Autisten ist der Alltag ein ständiger Balanceakt. Sie müssen lernen, die Gefühle anderer richtig einzuschätzen. Foto: dpa

Autismus zeigt sich auf sehr unterschiedliche Weisen. Einige Kinder sind laut und aggressiv, andere eher in sich gekehrt, nur wenige sind hochbegabt. Eltern, Lehrer und Erzieher aus Stuttgart erzählen von ihrem Alltag.

Plieningen/Degerloch - Die zurzeit bekannteste Autistin heißt Greta Thunberg. Die 16-jährige Schwedin hat es geschafft, über Grenzen hinweg Jugendliche zu motivieren, sich für den Klimaschutz einzusetzen. Welche Leistung es ist, dem Medienrummel standzuhalten, wissen diejenigen, die täglich mit Autismus konfrontiert sind. Wie zum Beispiel Jonas und seine Familie.

 

Den Tag, an dem alles anders wurde, wird Irena Avilova nie vergessen. Als sie ihren eineinhalbjährigen Sohn Jonas (Name von der Redaktion geändert) von der Kindertagesstätte abholen wollte, merkte sie, dass er sich anders verhielt als sonst. Er nahm seine Mutter nicht wahr, streifte mit der Hand am Zaun entlang und reagierte nicht auf Zurufe. „Bis dahin hatte er sich normal entwickelt“, sagt Avilova, „aber von da an hat er nicht mehr gesprochen“.

Nur wenige sind hochbegabt

Die Bandbreite der Autismus-Spektrum-Störung, von der man heute in Fachkreisen spricht, ist groß. Es gibt Kinder, die sich im Supermarkt schreiend auf den Boden werfen und nicht zu bändigen sind. Es gibt Kinder, die sich völlig in sich zurückziehen. Begriffe wie Asperger-Syndrom oder frühkindlicher Autismus werden in der Regel nicht mehr verwendet, da die Grenzen dieser genetisch bedingten Entwicklungsstörung fließend sind. Nur ein kleiner Teil der Betroffenen ist wirklich hochbegabt. Das gesellschaftliche Bild ist stark geprägt von Filmen wie „RainMan“ (1988), in dem Dustin Hoffman einen Autisten mit mathematischer Inselbegabung spielte. „Darstellungen wie diese werden fast schon inflationär“, kritisiert Karin Pohl, die in Plieningen für die Schneckenhäuser zuständig ist, in denen Kinder mit einer Autismus-Spektrum-Störung parallel zum Unterricht an der Dietrich-Bonhoeffer-Schule in kleinen Gruppen betreut werden. „Der Durchschnittsautist“, beklagt sie, „wird nicht wahrgenommen“.

Es dauerte eine Weile bis zur Diagnose

Beim kleinen Jonas dauerte es bis zur Diagnose. „Wir dachten erst, er hört schlecht oder hat einen Gehirntumor“, erzählt Irena Avilova. Doch die energische junge Frau ließ nicht locker, sie wollte rechtzeitig eine Frühförderung für den Sohn beantragen. Mittlerweile berät sie selbst im Regionalverband Autismus Stuttgart Familien und ermuntert sie, sich Hilfe zu holen. „Wir bekommen viel Unterstützung vom Jugend- und Sozialamt“, lobt sie die Behörden. Sie gehört zu den wenigen, die in Bezug auf ihren Sohn von einer Behinderung sprechen. Für viele Eltern ist es ein langer Weg, zu akzeptieren, dass ihr Kind anders tickt.

Im Fall der Familie Avilova gelang es einem Therapeuten, mit dem Jungen zu üben, Blickkontakt aufzunehmen. Etwas skeptisch beobachtete die Mutter, wie man ihren Sohn „dressierte wie ein Hündchen“. Was andere Kinder im Alltag intuitiv begreifen, müssen Autisten wie eine Fremdsprache mühsam lernen. „Doppeldeutigkeiten oder Ironie verstehen sie einfach nicht“, sagt Karin Pohl von den Schneckenhäusern. Sie erzählt von einer Autistin, die ein Lexikon der Redewendungen durchgeackert hat, um ihre Mitmenschen zu verstehen.

Die Eltern brauchen eine Engelsgeduld

Jonas, mittlerweile neun Jahre alt, hat unter anderem mithilfe von Bildern gelernt, sich zu äußern. Er geht auf die Karl-Schubert-Schule in Degerloch, eine heilpädagogische Waldorfschule. Dort wird der Junge, der oft sehr unruhig ist, von einer persönlichen Assistentin unterstützt. Ihre Aufgabe ist es, ihn in den Unterricht einzubinden und zu helfen, dass er nicht stört. Er spricht nun in ganzen Sätzen und lernt Lieder und Gedichte auswendig. Nach wie vor aber versteckt er sich hinter Wiederholungen. „Er muss an Oberflächen kratzen, jedes zweite Auto anfassen, auf jeden Gullydeckel springen“, erzählt seine Mutter. Das fordert den Eltern oft eine Engelsgeduld ab.

Betroffenen Kindern ist gemeinsam, dass sie schnell überfordert sind und darauf mit Aggression reagieren. Für Außenstehende gelten sie dann als schlecht erzogen. Wer von ihren Schwierigkeiten weiß, merkt, wie hilflos diese Kinder Eindrücken von außen ausgesetzt sind.

Als ob die Buchstaben aus dem Mund purzeln

„Manche Kinder sind da sehr empfindlich, es wird ihnen schnell zu laut, zu unübersichtlich“, berichtet Anja Ott von den Schneckenhäusern in Plieningen. Die Sozialpädagogin erzählt von einem Jungen, der Gespräche mit seinen Eltern empfindet, als ob ihnen Buchstaben aus dem Mund purzeln. Eine leichte Berührung kann schon als Schlag empfunden werden. Andere müssen sich besonders stimulieren und wedeln deshalb mit den Händen in der Luft.

Die Mutter einer 16-Jährigen, die auf ein reguläres Gymnasium geht, musste erfahren, dass jegliches Betreten des Kinderzimmers als Übergriff angesehen und mit Geschrei beantwortet wurde. Das Mädchen selbst weist die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung von sich. Das ist nicht ungewöhnlich, weiß die Mutter: „Menschen wie sie haben keine Selbstreflexion.“ Normale Erziehungsmaßnahmen, sagt die Mutter, die anonym bleiben will, funktionierten nicht. Mit fünf Jahren gab es wegen des ungewöhnlichen Verhaltens des Mädchens erste Tests. Ärzte und Psychologen warfen der Familie zunächst vor, sich nur anzustellen. „Wenig feinfühlig“, findet die Mutter. Erst mit acht Jahren bekam das Mädchen die Diagnose und eine stationäre Behandlung. „Je höher die Intelligenz, desto besser können die Betroffenen ihre Behinderung kompensieren“, sagt Anja Ott. Deshalb werde Autismus nicht immer gleich erkannt.

Die Diagnose nicht akzeptiert

Das größte Problem sei momentan, dass die Tochter immer zu spät zur Schule komme, seufzt die Mutter. Dafür gibt es einen Grund: Das Mädchen will, dass alle schon auf ihren Plätzen sitzen, dann ist das Klassenzimmer nämlich aufgeräumt. Die Mitschüler, so erzählt die Mutter anerkennend, erwiesen sich als echte Hilfe: „Manchmal erklären sie Lehrern, warum unsere Tochter gerade nicht auf eine Frage antwortet“, berichtet sie.

Heilbar ist die Autismus-Spektrum-Störung nicht. Aber mit Erleichterung bemerken Eltern Verbesserungen. Eine Mutter, deren Kind in den Schneckenhäusern betreut wird, freut sich, dass der Sohn nicht mehr so oft ausbüchst. Bei der 16-jährigen Regelschülerin haben das Sozialtraining und der Umgang mit Mitschülern viel bewirkt. Sie macht bei der Theater-AG mit und geht zum Geigenunterricht. Und sie zeigt sogar Mitgefühl, wenn die Mutter traurig ist.

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