Leben mit Bulimie in Stuttgart „Mein Körper hat nach Nahrung geschrien“

Das Jahr 2014 wird für  Stuttgarter Bernadeta Salini  immer ein besonderes sein. Foto: Holowiecki
Das Jahr 2014 wird für Stuttgarter Bernadeta Salini immer ein besonderes sein. Foto: Holowiecki

Mehr als die Hälfte ihres Lebens hat Bernadeta Salini gegen ihre Bulimie gekämpft. Und sie hat gesiegt. Ihre Erfahrungen verarbeitet sie nun in einem Buch. Außerdem will die Heumadenerin künftig Betroffene coachen.

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Stuttgart - Wenn Bernadeta Salini lacht, dann kräuselt sich ihre Nase, und ihre braunen Augen strahlen. Es ist ein befreites Lachen. Bernadeta Salini wirkt zufrieden und selbstbewusst. „Ich bin happy“, sagt sie. Punkt. Kein Nebensatz. Bis hierher aber war es ein weiter Weg. Die Heumadenerin hebt Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand, wie zum Peace-Zeichen. Diese zwei Finger haben 20 Jahre lang ihr Leben bestimmt. Mehrmals täglich hat sie sich diese Finger in den Hals gesteckt, um sich zu erbrechen. Zwei Jahrzehnte Bulimie liegen hinter ihr.

Auslöser war seinerzeit eine Diät. Bernadeta, die alle nur Benia nennen, war 16, wog bei 1,60 Meter 60 Kilo. Ein normaler Teenager. Aber die Angst, die erste Liebe zu verlieren, trieb sie zum Hungern. Weniger Essen, weniger Kilos, „das hat mir gefallen“. Irgendwann lag die Tagesration nur noch bei zwei Äpfeln. „Mein Körper hat nach Nahrung geschrien, aber ich wollte nichts essen“, erinnert sie sich. Dann las das Mädchen in der „Bravo“ über Bulimie, über Gleichaltrige, die maßlos Lebensmittel in sich hineinstopfen, um dann alles wieder auszuspucken, „das hat mich total angefixt, das war die Lösung“. Rasch wird die Ess-Brech-Sucht ein Teil von ihr.

16 000 Kalorien am Tag

Im weißen Sommerkleid sitzt sie da und erzählt schonungslos. Wie sie sich gut und gerne 16 000 Kalorien am Tag – das Achtfache des Normalbedarfs –, in Form von Süßigkeiten und Backwaren einverleibt und bis zu acht Mal täglich alles wieder hochgewürgt hat. Wie die Magensäure langsam die Haut an ihren Fingern verätzte, wie die Speiseröhre schmerzte, der Magen krampfte und der Zahnschmelz sich abnutzte. Wie sie sich heimlich Essen kaufte und auf geplanten Routen, immer an Toiletten vorbei, allein durch die Stadt geisterte. „Ich hätte mir einen Porsche kaufen können“, sagt sie über das Geld, das sie in all den Jahren buchstäblich das Klo hinuntergespült hat. Heute weiß die gebürtige Polin, dass es eine Sucht war, die sie im Griff hatte und sie als Gymnastiklehrerin und Inhaberin eines Sportstudios in ein absurdes Doppelleben trieb. „Ich habe Frauen Tipps gegeben und mich selbst an nichts gehalten“, bekennt sie. Sie spricht von permanenten Schuld- und Schamgefühlen. Die Salinis haben zwei Kinder. Selbst die Schwangerschaften konnten sie nicht stoppen. „Smiec“, sagt sie auf Polnisch. Abfall. So habe sie sich gefühlt.

2014 kam Bernadeta Salinis Tiefpunkt – und zugleich die Kehrtwende. Nach der Geburt des zweiten Kindes fiel sie in eine Art Depression, und selbst das Spucken, das stets geholfen hatte, sich stark und lebendig zu fühlen, brachte keinen Auftrieb. „Das war der Augenöffner. Ich sagte ,entweder du bleibst im Bett, oder du machst was’“. Sie besuchte Persönlichkeitsseminare. Wer bin ich, warum handle ich so, wie will ich leben? Diese Fragen stellte sie sich in einer Art Selbsttherapie. Heute glaubt Bernadeta Salini, dass vieles in ihrer Vergangenheit zu suchen ist. Sie erzählt von physischer und psychischer Gewalt in der Familie. „Ich war völlig in der Opferrolle gefangen“, sagt sie. Die Bulimie sei wie ein Ventil gewesen, eine Art, die Kontrolle wieder zu erlangen.

Die Gedanken kreisen viel ums Essen

Vor etwas mehr als einem Jahr war sie bereit, den Kreis zu durchbrechen, von jetzt auf nachher. Ihre Ernährung stellte sie um. Zucker, Alkohol und weißes Mehl strich sie vom Speiseplan. Dinge, die zu Fressattacken führen können, weil ihre Zusammensetzung das Belohnungszentrum im Gehirn anregt. Stattdessen gab es fortan Frisches, Eiweißreiches, Unverarbeitetes. Anfangs sei sie wie auf Entzug gewesen, doch schon nach Wochen habe sie sich ausgeglichener, fitter gefühlt. Auch heute noch kreisen Bernadeta Salinis Gedanken viel ums Essen. Aber ums gesunde, wie sie betont.

Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts zeigt jeder fünfte elf- bis 17-jährige Jugendliche in Deutschland Anzeichen einer Essstörung. Bernadeta Salini will helfen - mit einem Buch. Einen Verlag hat sie gefunden, noch dieses Jahr soll „Seelenkannibalin“ fertig werden. Außerdem will sie Betroffenen in Coachings und Online-Seminaren beiseite stehen. Sie glaubt an eine Berufung. „Ich denke, es ist einfacher, wenn du jemanden vor dir hast, der dasselbe erlebt hat.“

Ihre Mitarbeiter im Studio, Freunde, Familie, alle wissen Bescheid. Bernadeta Salini hat sich bewusst dafür entschieden. „Ich wusste, wenn ich es öffentlich mache, dann kann ich nie mehr zurück.“




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