Es ist schwierig, geduldig zu bleiben, wenn ein Angehöriger unverständliche Dinge tut. In Herrenberg gab es Tipps. Foto: Stock Adobe/ArTo
Eine Demenzerkrankung ist für Betroffene und Angehörige herausfordernd – insbesondere kommunikativ. Es gibt jedoch Strategien, wie Gespräche wertschätzend und deeskalierend gestaltet werden können, was nun ein Vortrag in Herrenberg zeigte.
Käthe Ruess
17.03.2025 - 13:22 Uhr
Pflegenden Angehörigen durch mehr Hintergrundwissen die Lebenssituation von Demenzerkrankten begreifbarer zu machen, ist das Anliegen von Andrea Buck. „Menschen mit Demenz verstehen“, lautete daher der Titel eines gut besuchten Vortrags der Pflegewissenschaftlerin, die auch Fachkraft für Geriatrie und Gerontologie ist. Sie ist zugleich Leiterin der Fachstelle für Gesundheit, Alter und Pflege der Stadt Herrenberg.
„Wenn wir wissen, dass sie uns nicht ärgern, sondern es nicht anders können, hilft uns das“, ist sie überzeugt. Denn das oftmals in Gesprächssituationen als „aggressiv“ empfundene Verhalten von Demenzbetroffenen sei nicht persönlich gegen das Gegenüber gerichtet, sondern ein Ausdruck des Gefühls der Verzweiflung und Bedrängung.
Wie ein Regal, das zerbröselt
Für Menschen, die an Demenz erkrankt sind, würden deren Identität, die unter anderem auf Beziehungen zu Familie, Freunden sowie Nachbarn und der materiellen Sicherheit beruht, zu bröckeln beginnen. Aus der daraus resultierenden Verunsicherung entstehen dann Vermeidungsstrategien: „Die Identität unserer demenzbetroffenen Menschen schwankt“, betont Andrea Buck.
Ein Bücherregal aus Holz, in dem die Lebensgeschichte der Menschen samt Erinnerungen und Fähigkeiten in vielen Büchern gebunden steht, verwendet sie als Bild: Bei Demenzbetroffenen würden als erstes die Regalteile zerbröseln, in denen Erinnerungen aus dem Kurzzeitgedächtnis stehen, später dann die im Langzeitgedächtnis gespeicherten.
Andrea Buck Foto: Käthe Ruess
Für Angehörige sei es wichtig zu wissen, dass Demenzerkrankte immer im „Hier und Jetzt“ agieren, weil sich deren Zeitgefühl verändert. Außerdem würden sie eigene Strategien benutzen, um ihre Fassade aufrechtzuerhalten. Für herausfordernde kommunikative Situationen bedeute dies, dass Demenzerkrankte „aus dem Bauch heraus“ reagieren und Gegenargumenten und Erklärungsversuchen nicht mehr zugänglich seien. Manchmal sei nonverbale Kommunikation hilfreich, so Buck.
Beispiel: Thema Trinken. Hier könne es leichter funktionieren, einfach das Wasserglas zu reichen, anstatt mit der noch nicht erreichten täglichen Trinkmenge zu argumentieren.
Lieber den Raum verlassen
Angehörige seien in vielen Lebenssituationen „Lotsen“, die dann nicht mehr „Was willst Du anziehen?“ fragen, sondern nur noch zwei Pullover zur Auswahl hinhalten. Gleichzeitig gelte es für sie auch, Detektiv zu sein, um ein Stück weit herauszufinden, was in der Welt der Erkrankten vor sich geht.
Wenn zum Beispiel Sätze wie „Ich will nach Hause“ fallen, könne es hilfreich sein, sich vom Gegenstand dieser Sehnsucht erzählen zu lassen. Ihr genereller Tipp: Bevor Gespräche eskalieren oder die x-te Wiederholung derselben Frage zu viel wird, ist das Verlassen des Raums eine adäquate Strategie.
Wann sich der Gang zum Hausarzt lohnt
Aus Andrea Bucks Sicht ist eine gesicherte Diagnose unerlässlich. Diese mache es einfacher, weil dann darüber geredet werden könne, ist sie überzeugt. Dabei unterstreicht sie, dass nicht jede Vergesslichkeit eine Demenz ist. Wenn Menschen jedoch über mehr als ein halbes Jahr immer wieder Gesprächen nicht mehr folgen können, mehrmals nicht mehr heimfinden oder sich zurückziehen, sei der Gang zum Hausarzt angeraten.
Sie ermunterte zudem, sich mit den Demenzerkrankten – rund 1,8 Millionen Menschen leben mit der Diagnose in Deutschland – nicht aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. Um dort in schwierigen Situationen nicht in Erklärungsnot zu kommen, hat Andrea Buck einen Tipp: Die Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg gibt kleine Hinweiskarten heraus.
„Ich bitte um Verständnis! Mein Angehöriger lebt mit einer Demenz“ steht auf der einen und auf der anderem für Menschen mit beginnender Demenz „Ich bitte um Verständnis! Mein Kopf lässt mich manchmal im Stich.“
Eine Krankheit und ihre Ursachen
Definition Der Begriff Demenz leitet sich vom Lateinischen „Demens“ ab, was übersetzt so viel wie „ohne Geist“ bedeutet. Er beschreibt somit das Symptombild, das alle Demenzerkrankungen gemeinsam haben: die Verschlechterung der kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten.
Formen Grundsätzlich werden zwei Formen von Demenz unterschieden. Primäre Demenzen beruhen auf hirnorganischen Ursachen und sind nicht heilbar. Die Alzheimerkrankheit gehört zu dieser Kategorie. Sekundäre Demenzen können unter anderem durch Vitaminmangel, Schilddrüsenfehlfunktion oder Depressionen ausgelöst werden. Diese sind in der Regel behandelbar und teilweise sogar reversibel.