Leben mit Schlafstörungen Was tun, wenn ich nicht einschlafen kann?

, aktualisiert am 03.04.2023 - 09:00 Uhr
Schlafprobleme können auf Dauer sehr belastend sein. Foto: Unsplash/Ben Blennerhassett

Was tun, wenn Schäfchen zählen nicht mehr weiterhilft und die Lebensenergie immer weniger wird? Der Stuttgarter Psychologe Oliviero Lombardi spricht mit uns über Schlafstörungen.

Das mit dem Schlaf, das ist kompliziert: Manche Menschen finden ihn überall und schlafen super schnell ein. Andere plagen sich stundenlang bis sie den Weg ins Traumland finden. Dabei sind Schlafstörungen nichts Triviales, sondern ein ernst zu nehmendes Problem, denn die nächtliche Regeneration ist sehr wichtig für unsere Gesundheit.

 

Aber welche Wege aus der Schlafstörung gibt es und wieso ist es so wichtig, sich Hilfe zu holen? Wir haben darüber mit dem Stuttgarter Psychologen Oliviero Lombardi gesprochen.

Manche Menschen können auf Punkt und Stelle einschlafen, andere brauchen mindestens eine Stunde. Was ist gesund?

Gesund ist es, zu schlafen, wenn man müde ist. Doch diese einfache Formel hat es in sich, denn zu einer gesunden Müdigkeit kommen nur noch die wenigsten Leute. Das liegt oft an mangelnder körperlicher Betätigung oder der hohen inneren Anspannung, die einen trotz Müdigkeit nicht zur Ruhe kommen lässt.

Was sind Ihrer Erfahrung nach die häufigsten Gründe für Schlaflosigkeit?

Grübeln ist Gift fürs Einschlafen, insbesondere dann, wenn über Ärgerliches gegrübelt wird oder man versucht, Probleme zu lösen. Beides macht wacher und nicht müder. Das ist ja auch logisch, denn um Probleme zu lösen, muss man sich anstrengen. Zur Ruhe kommen und Loslassen ist das Gegenteil davon.

Eine andere Form der Schlaflosigkeit ist es, wenn Menschen gegen vier Uhr morgens ungewollt wach werden und nicht mehr einschlafen können. Das liegt daran, dass nachdem sich der Körper ein Mindestmaß an Erholung geholt hat, die Anspannung und Sorgen wieder die Oberhand gewinnen. Dadurch wird ein Aufwachen provoziert. So kann es passieren, dass schon im Schlaf oder Halbschlaf über Dinge geträumt und nachgedacht wird, die belastend sind. Wenn das Grübeln schon im Halbschlaf beginnt kann sich der Mensch schlecht dagegen wehren.

Welche gesundheitlichen Auswirkungen hat akuter Schlafmangel auf unser Leben?

Schlaf ist zur Regeneration entscheidend wichtig. Vernachlässigt man seinen Schlaf, muss man mit gesundheitlichen Folgen rechnen.

Sind Schlaftabletten wichtige Hilfestellung oder eher Problembetäubung?

Ein natürlicher Schlaf und der Schlaftabletten-Schlaf sind nicht vergleichbar. Zum Beispiel träumt man unter Schlaftabletten gar nicht oder anders, was eine gute Verarbeitung des Lebens verhindert. Auch die Schlafqualität ist leider nicht gleichwertig. Folglich ist auch die Regeneration unter Schlaftabletten nicht so gut.

Kritisch ist auch, dass der Mensch sich an diese „Problemlösung“ schnell gewöhnt, meistens erst psychisch, dann körperlich. Folglich wird immer schneller zu Schlafmittel gegriffen. Aus meiner Sicht ist es also zwingend erforderlich zu lernen, auf natürlichem Wege zur Ruhe zu kommen.

Was können Sie Patient:innen in einer Verhaltenstherapie mitgeben?

Man kann sich bei Schlafstörungen verhaltenstherapeutisch sehr gut helfen lassen, indem man aktiv lernt, Gedanken zu kontrollieren oder durch Übungen die Psyche und den Körper zur Ruhe zu bringen. Allein dadurch ist es möglich, aufgeräumter, besser und tiefer zu schlafen. Aber auch nachts wieder einschlafen zu können, kann verhaltenstherapeutisch erlernt werden.

Lieber im Bett hin und her wälzen oder aufstehen?

Weder noch! Man muss sich zu Ruhe zwingen, denn nur die Ruhe bringt den Schlaf. Je mehr Aktivität, desto schlechter. Also: Nicht auf die Uhr schauen, nicht aufs Handy schauen, kein Licht anmachen, nicht auf Toilette gehen, schon gar kein Fernseher anmachen oder Musik hören. Auch kein Buch lesen.

Was helfen Methoden, wie Schäfchen zählen, Handy aus dem Schlafzimmer verweisen oder Lüften?

Das hilft schon mal. Insbesondere Schäfchen zählen ist eine ruhige, monotone Tätigkeit, die genau aus diesen Gründen zu Müdigkeit und Schlaf führt.

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Welche Probleme verstecken sich oft hinter Schlafstörungen, wenn körperliche Probleme ausgeschlossen sind?

Ein Phänomen, was natürlich kontraproduktiv für ausreichend Schlaf ist, ist das viele Arbeiten. Oft gilt es als schick, viel zu arbeiten und kaum zu schlafen. Gegebenenfalls wurden diese Glaubenssätze schon von Eltern an Ihre Kinder vermittelt, nach dem Motto: „Schlafen kannst du, wenn du tot bist“.

Um gut schlafen zu können, benötigt es aber auch ganz schlicht und ergreifend ein anständiges Bett, eine gute Matratze und gute Kissen, um gut zu liegen.

Wann sollten Betroffene die Notbremse ziehen?

Das ist leicht zu spüren: Spätestens, wenn man aufgrund des Schlafmangels körperliche und oder psychische Probleme bekommt, sollte gehandelt werden. Klüger wäre es natürlich vorher einzuschreiten und präventiv die Schlafqualität zu verbessern.

Hier geht es zur Homepage von Oliviero Lombardi.

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