Leben mit Tic-Störung „Viele Tourette-Klischees sind Quatsch“ – ein Betroffener erzählt

Das Tourette-Syndrom äußert sich in motorischen und vokalen Tics. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Der Mannheimer Musiker und KI-Experte Bernd Korz hat das Tourette-Syndrom. Er kann seine Impulse nicht immer kontrollieren und eckt ständig an. Heute ist er erfolgreicher Unternehmer.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Bernd Korz fehlt ein Teil seines Fingers. „Irgendwo einfach reinlangen, das mache ich immer mal wieder“, sagt er. Oder auf die Herdplatte fassen, weil er glaubt, er sei schneller als die Hitze – auch das ist schon vorgekommen. Der 56-jährige Musiker und Unternehmer aus der Kurpfalz leidet am Tourette-Syndrom. Das macht ihn mal impulsiv, mal lässt es ihn Dinge tun, die andere nicht nachvollziehen können.

 

Seine Frau hält das aus. Seit 33 Jahren. Als sie Bernd Korz kennenlernte, merkte sie gleich, dass bei ihm etwas anders ist. Sie sagte ihm: „Ich habe mich in dich verliebt. Damit lebe ich jetzt.“ Sie hält es aus, wenn er sie wegschiebt mit den Worten: „Ich kann das jetzt nicht, es macht mich verrückt“. Oder wenn er mit seinen zwei Hunden spazieren geht und 50 bis 60 Mal auf den Boden spucken muss. „Meine Frau sagt, man könnte da auch eine Null dranhängen“, sagt Korz. Und sie hält es aus, wenn er in Geschäftsterminen zu Mitarbeitern plötzlich sagt: „Was ist los mit dir, heute noch nicht gefickt?“

Viele Klischees halten Betroffene für Quatsch

Verbale Ausfälle wie „Drecksau, Hure, Hitler“ – das seien die typischen Klischees, die man über das Tourette-Syndrom kenne. „Manche sind Quatsch-Klischees und das ist auch nur ein Teil davon, was Tourette ist“, sagt Bernd Korz. „Ich kann das schon auch, wenn wir jetzt darüber reden, muss ich mich beherrschen.“ Er spiele dann oft mit seinen Händen herum. Auch während des Video-Calls macht er das immer wieder. Manchmal schüttelt er plötzlich seinen Kopf.

Der Musiker Bernd Korz leidet seit seiner Kindheit am Tourette-Syndrom. Foto: PR/ Holger Orf

Korz muss sich ständig räuspern. „Ich habe eine ganze Bandbreite an Tics“, sagt er. Für Betroffene selbst ist es deshalb das Gefühl, ständig sozial anzuecken, was sie belastet. Viele ziehen sich deshalb komplett zurück, um nicht in der Öffentlichkeit aufzufallen.

Das Tourette-Syndrom – oder kurz TS genannt – ist eine neuropsychiatrische Erkrankung. Der Name stammt von dem französischen Arzt, der dann 1885 eine ausführliche Beschreibung dieser Erkrankung gab: Georges Gilles de la Tourette.

Was ist das Tourette-Syndrom?

Das Tourette-Syndrom ist vornehmlich genetisch bedingt. Es äußert sich in motorischen und vokalen Tics – also neurologischen Symptomen. Diese sind: ständiges Blinzeln, Naserümpfen, Zuckungen, Grimassen schneiden. Vokale Tics können bedeutungslose Laute, Husten oder das Nachahmen von Tiergeräuschen sein.

Auch komplexe Tics wie das Nachahmen von Handlungen anderer oder obszöne Ausdrücke kommen vor. Sie manifestieren sich in den allermeisten Fällen schon vor dem 18. Lebensjahr, heißt es auf der Website der Tourette Gesellschaft Deutschland.

Mit sechs Jahren ging es los

So war es auch bei Bernd Korz: Dass ihn andere irritiert anschauen – und denken: „Was war das?“ – dieses unangenehme Gefühl begleitet ihn schon fast sein ganzes Leben lang. Es fing bei ihm mit etwa sechs Jahren an, wurde aber erst viel später medizinisch diagnostiziert. „Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, wo man sich damit nicht so auseinandergesetzt hat. Ich wusste schon sehr früh, was es wohl ist. Aber ich war schon in den 30ern, als ich eine offizielle Diagnose erhalten hatte“, sagt Korz.

Er ist in einem gewalttätigen Umfeld aufgewachsen. Das kommt zu seiner Krankheit dazu. Seine Kindheit und Jugend beschreibt er als „hart“. Er war immer ein Außenseiter, wenig bis gar keine Freunde, kein Halt, aus Gruppen war er oft ausgeschlossen.

Er ist in einem kleinen Dorf in der Pfalz groß geworden. Dort ist er natürlich aufgefallen. Für andere sei es natürlich verwunderlich, wenn jemand ständig zwei Schritte vorgehe, sich wie bei einer Pirouette einmal um die eigene Achse drehe, bevor er weiterlaufe. Wenn man im Dorf auf der Hauptstraße an der Schule vorbeilaufe und das mache, sei das auf einmal nicht mehr „witzig“, sagt Korz.

„Und da habe ich dann auch mal eine Backpfeife gekriegt“

Sätze, die er ständig gehört hat: „Bleib ruhig sitzen, zappel nicht so.“ Er sei ja permanent angetrieben gewesen. „Und da habe ich dann auch mal eine Backpfeife gekriegt, weil ich ja nie ruhig war.“ Mit 14 ist Korz von der Schule abgegangen, weil sein Vater meinte, die Hauptschule reiche doch für ihn auch aus. Er könne doch auf dem Bau oder so arbeiten.

Korz geht heute mit seiner Erkrankung offen um, auch auf seiner Website spricht er darüber. Er will zur Aufklärung beitragen und um Verständnis für Betroffene werben. „Wir brauchen ein Sprachrohr“, sagt er und fügt hinzu: „Viele Kinder werden deswegen schlecht behandelt und ausgegrenzt.“

Trotz Tourette hat er viel erreicht im Leben

Er glaubt, dass er gerade wegen seiner schwierigen Kindheit heute ein „Macher“ geworden ist. Der 56-Jährige hat die mehrsprachige Content-Plattform alugha gegründet, die heute rund 40 Mitarbeiter hat. Parallel ist er als Singer-Songwriter aktiv. „Ich wollte allen beweisen, dass aus mir doch etwas wird“, sagt Korz. Er ist im Wirtschaftsrat der CDU engagiert und sitzt in der Bundesfachkommission für Künstliche Intelligenz.

Mit 50 hat er seine Liebe zur Musik entdeckt. „Meine Musik ist eine Kraftquelle, die mir hilft, mit meinem Tourette-Syndrom umzugehen“, sagt Korz. Wenn er Songs schreibt und komponiert, ist sein Gehirn beschäftigt. Dann nimmt er seine Tics gar nicht mehr wahr. „Für mich ist das Tourette-Syndrom kein Hindernis, sondern ein Geschenk“, sagt Korz. Es begleite ihn „mit unbändiger Energie durchs Leben“.

Das Leben mit Tourette bleibt eine Herausforderung

Heute kann Bernd Korz durchaus auch mal ein paar Minuten ruhig sitzen, aber nur kurz. Und auch nur für seine Verhältnisse „ruhig“, dazu muss er sich auch extrem fokussieren. Seine Impulse zu kontrollieren, das fällt ihm schwer. Die Geschichte mit dem fehlenden Fingerteil ist nur ein Beispiel dafür, wie ihn das Tourette-Syndrom im Alltag begleitet.

Trotzdem seien viele Menschen, die er mit Tourette kenne, sehr besonders, auch außergewöhnlich kreativ. Er habe auch noch keinen Menschen mit Tourette kennengelernt, von dem er dachte: „Was für ein Dummbratz“. In seiner Firma merke er oft, dass er drei Schritte weiter sei als andere, oft schneller im Kopf.

Eine Sache hilft im tatsächlich

Nur die ständigen Zuckungen belasten ihn. Wie wenn sich sein Körper ständig entladen muss, sagt er. „Manchmal ist das so extrem, dass ich auch nicht Auto fahren kann.“ Dagegen hat er auch schon allerlei probiert: Omega 3, medizinisches Cannabis. Nichts hat ihm auf Dauer geholfen. Bis er durch Zufall aufgrund einer Hustenerkrankung Codein-Tropfen einnehmen musste. Nach zehn Minuten war er so platt, dass die unkontrollierten Bewegungen aufhörten. Sein ganzer Körper hatte sich entspannt.

Allerdings sind die Tropfen nicht für den ständigen Gebrauch geeignet, erklärt Korz. Sie machen abhängig. Und er trinkt und raucht nicht einmal. „Ich bin da sehr straight in solchen Sachen.“

Meistens geht er jede Woche zur Physiotherapie, um die Verspannungen zu lösen, die aufgrund der permanenten Zuckungen in seinem Körper entstehen. „Manchmal ist mein ganzer Rücken steinhart“, sagt er. Oft münde dies in heftigen Kopf- und Nackenschmerzen.

Treffen mit anderen Betroffen? Da geht er mit mehr Tics heim als davor

Aber er lässt sich nicht mehr abwertend behandeln wegen seines Tourettes. Er mache heute sein Ding. Zu Treffen mit anderen Betroffenen geht er allerdings nicht mehr. „Danach bin ich oft nach Hause und hatte lauter neue Tics, weil die anderen das dort hatten“, sagt Korz und lacht. Und nach einem dieser Treffen habe seine Frau gesagt: „Ach du Scheiße, was ist denn mit dir passiert?“ Seine Frau hat übrigens kein Tourette.

Das sei vielleicht für Menschen mit Tourette auch das Wichtigste: Dass ihr Umfeld sie toleriert und akzeptiert. Und erkennt, dass sie nicht anders sind. Sondern nur ein paar Tics haben. So wie seine Frau das tut – seit über 30 Jahren.

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