Lebensbilder: Regine Richter Steine aus gefaltetem Papier

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Lebensbilder: Regine Richter lebt und arbeitet in Bad Cannstatt sowie in Fellbach, stellt in Stuttgart-Vaihingen, Stuttgart-Ost oder Schorndorf aus.

Regine Richter hat in ihren Beitrag zum Thema „Kunst gegen Rechts“ persönliche Erinnerungen einfließen lassen. Foto: Sabine Schwieder
Regine Richter hat in ihren Beitrag zum Thema „Kunst gegen Rechts“ persönliche Erinnerungen einfließen lassen. Foto: Sabine Schwieder

Vaihingen - Auf dem Boden des schmalen Ateliers liegen große Steine. Grau und Schwarz und Rot. Sie sind umflossen von einem weißen Netz, das sich wie ein Wasserfall von der Wand auf den Boden ergießt. Doch der Schein trügt: Die Steine sind nicht so schwer, wie sie wirken, das Wasser ist nicht wirklich lebendig. Die Künstlerin Regine Richter hat ihre Installation „Wasser vom Berg“ aus mit viel Geduld gefalteten Papieren und aus zerschnittener und geknüpfter Folie geschaffen. So wurde aus Zeitungspapier, Werbeprospekten und Plastik die Darstellung schmelzender Gletscher. „Eine Wahnsinnsarbeit“, sagt die Urheberin, die nach dem mühsamen Fälteln ihr Material mit farblosem Lack unempfindlich gemacht und die Farbe mit Pinsel und Tusche aufgebracht hat.

Regine Richter lebt in Bad Cannstatt, arbeitet seit etwa 20 Jahren in ihrem Atelier in Fellbach und ist seit langem Mitglied der Kunstvereine in Schorndorf und Stuttgart-Vaihingen. Für die Themenausstellung des Kunstvereins Kultur am Kelterberg mit dem Titel „Stadt-Land-Fluss“ hat sie drei Arbeiten beigetragen. Das Foto von Gras aus ihrem Garten hat sie mit einem getuschten Ziegenkopf versehen. In einem Waschbecken perlendes Wasser hat sie zu dem Thema Fluss angeregt. Ein Berg aus Zeitungen wurde um die Umrisse von Hochhäusern ergänzt.

Schwarz und Weiß und „Das neue Braun“

Am Kelterberg ist Regine Richter seit ihrer Ausstellung „Memories/Das Erinnern“ im April 2015 gut bekannt. Bei ihren Zeichnungen und Objekten überwiegen Schwarz und Weiß oder gedämpfte Farben, unter denen nur gelegentlich ein kräftiges Rot hervorsticht.

Das ist auch der Fall bei ihrem Beitrag für eine Ausstellung in der Galerie Zero Arts in der Stuttgarter Ostendstraße, die sich unter der Überschrift „Das neue Braun“ gegen rechtspopulistische Entwicklungen in der Gesellschaft richtet (von 26. Januar an). Regine Richter hat zwei großformatige Collagen geschaffen, die Zeitungsausschnitte, dunkle Bilderstreifen und Fotos vereint. „Sie sind wie Spickzettel oder Notizen“, erläutert sie. Dadurch, dass sie viele, viele Blätter übereinander gelagert hat, gab sie der Arbeit Volumen. Durch die überwiegende Verwendung von Schwarz, Weiß oder Braun, haftet ihrer Arbeit etwas Düsteres an. Quer über dieses Sammelsurium hat sie in Rot die Worte „Don’t forget“ gemalt. „Man sollte nicht vergessen, was war,“ findet Regine Richter, „diese Verherrlichung des Nationalsozialismus macht mir Angst und macht mich auch aggressiv“.

Dabei empfindet sie sich nicht als politischen Menschen. „Ich bin eher ein Träumer“, meint sie nachdenklich. 1943 durch einen Zufall im heutigen Polen geboren, hat sie in ihrem Leben vieles erlebt, das sie der nachkommenden Generation nicht wünschen möchte. Flucht, Vertreibung, immer wieder Ortswechsel. Einen Vater, den sie nie kennengelernt hat. Als 20-Jährige kam sie nach Stuttgart, wo sie, weil sie gut zeichnen konnte, im Bereich der Mode landete. „Aber eigentlich hat mich das nicht interessiert“, erzählt Regine Richter.

Ihr künstlerisches Leben begann im Grunde erst, als der Sohn zwölf Jahre alt war und sie an der Freien Kunstschule lernen konnte. Für die Akademie, erinnert sie sich ein bisschen wehmütig, war sie damals schon zu alt. Und doch ist sie oft bei Ausstellungen in der Region vertreten.

Porträts und Hände zwischen Papierarbeiten

Lange Zeit beschäftigte sie sich intensiv mit Leben und Werk des italienischen Poeten und Regisseurs Pier Paolo Pasolini, dessen Kunst sie bei einer Veranstaltung im römischen Trastevere so berührte, dass Motive bis heute immer wieder in ihrer Arbeit auftauchen. Und auch hier geht es ihr weniger um den politisch aktiven Künstler, sondern um dessen poetische Seite.

Nachdem sie lange vor allem abstrakt gearbeitet hat, nimmt sie zur Zeit öfter den Pinsel oder Zeichenstift in die Hand, um Menschen zu porträtieren oder Hände in vielfaltiger Weise darzustellen. Am Kelterberg fielen ihre Hände aus gefaltetem Papier auf, die, einander zugewandt, „Komm zu mir“ zu rufen schienen. Für diese Papierarbeiten hat Regine Richter viel Geduld entwickelt. An ihren großen Steinen mit dem hellen Wasserfall, die im Atelier auf ihre Vollendung warten, arbeitet sie seit zwei Jahren. Im Januar nächsten Jahres soll das Ergebnis dieser Arbeit in der Galerie der Stadt Fellbach zu sehen sein.

Wer Arbeiten von Regine Richter sehen möchte, hat dazu derzeit Gelegenheit in Vaihingen und in Stuttgart-Ost. Sie ist beteiligt an einer Ausstellung des Kunstvereins Kultur am Kelterberg zum Thema „Stadt-Land-Fluss“, die vom 21. Januar an in der Galerie, Kelterberg 5, gezeigt wird. Die Schau ist bis zum 12. Februar freitags, samstags und sonntags von 15 bis 18 Uhr geöffnet. Die Collage „Don’t forget“ ist Teil der Ausstellung, „Das neue Braun. Kunst gegen Rechts“, die am 26. Januar in der Galerie Zero Arts, Ostendstraße 16, eröffnet.

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