Wenige Tage nach der Tat: ein Holzkreuz mit Kerzen und Blumen an der Stelle, wo man die junge Frau fand. Foto: Jürgen Gruler/Schwetzinger Zeitung
Ein Ehepaar aus dem Rhein-Neckar-Kreis lernt eine schwangere Ukrainerin und ihre Mutter kennen. Es tötet beide, um an das neugeborene Mädchen zu kommen. Dabei hat es eigene Kinder. Jetzt sind beide zu lebenslanger Haft verurteilt worden.
Alina (28), das ist die Frau, die Maria am 3. Februar 2024 in einer Klinik in Speyer geboren hat. Um die 4000 Gramm schwer bei der Geburt und gesund war das Kind – und wunderschön, wie die Kinderärztin später sagte. Alina ahnte nicht, was hinter ihrem Rücken geschah. Denn es war Ina O. gelungen, Maria unter anderem Namen Ende Februar als ihr Kind eintragen zu lassen.
Alina dachte sich nichts dabei, dass ihre neue Freundin Ina O. (44) den Säugling immer mal wieder auslieh, um mit ihm etwa zur Bank zu gehen, weil man einen Kredit angeblich nur bekam, wenn man ein Kind vorweisen konnte. Sie vertraute der Frau, die sie über die Telegramgruppe „Help Ukraine Heidelberg“ im Januar 2024 kennengelernt hatte und die ihr als Spätaussiedlerin mit ihren Russischkenntnissen bei der Geburt und auch sonst schon geholfen hatte. Sie wusste nicht, dass sie durch ihre Schwangerschaft und die bevorstehende Geburt einer Tochter ins Fadenkreuz eines ihr nicht wohl gesonnenen Ehepaares geraten war.
Alina war noch nicht lange in Deutschland. Aus der Gegend um Charkiw war sie vor dem Krieg in der Ukraine erst in die Slowakei und dann weiter nach Deutschland geflohen. Seit September 2023 wohnte die junge Frau in einem als Flüchtlingsunterkunft genutzten Hotel in Wiesloch im Rhein-Neckar-Kreis. Unterstützt wurde sie von ihrer Mutter Jeva, die im November 2023 nachgekommen war. Auf nur wenigen Quadratmetern eines Doppelzimmers wohnten die beiden Frauen, die in Deutschland Schutz suchten.
Sie will das Kind stillen
Die zweite Mutter Marias, das ist Ina O., die Frau, die das Mädchen unbedingt zu ihrem eigenen Kind machen wollte. Der Wunsch nach einer gemeinsamen Tochter trieb sie und ihren Ehemann an. Sechs Tage lang wurde nun gegen Ina O. und ihr Mann Marco O. (43) wegen Mordes und der Entziehung Minderjähriger vor dem Landgericht Mannheim verhandelt. Denn Marias Mutter und Großmutter überlebten den alles Mitgefühl ausblendenden Kinderwunsch des Ehepaars nicht. Ina und Marco O. gingen dafür über Leichen – und lebten nach den Morden eine Woche mit der geraubten Maria, als sei es ihre eigene Tochter. Ina O. versuchte sogar, sie zu stillen. „Ich will das noch einmal erleben“, schrieb sie ihrem Mann.
Schon in der Zeit, in der Ina O. sich mit gefälschten Bescheinigungen und der erfundenen Geschichte von einer spontanen Hausgeburt eine Geburtsurkunde für Maria erschlich, ging sie mit ihr zur Vorsorgeuntersuchung zu einer Kinderärztin. Alina lebte da noch. Es war der 27. Februar 2024, als Ina O. amtlich beglaubigt Marias Mutter wurde. Deren wirklicher Mutter und Großmutter blieben von da an noch neun Tage am Leben.
Prozessauftakt vor dem Landgericht Mannheim Foto: dpa/Uwe Anspach
Zu diesem Zeitpunkt liefen die Pläne zu ihrer Ermordung schon auf Hochtouren. Marco O. kundschaftete die Tatorte an der NATO-Rampe am Rhein in Hockenheim und an einem See in Bad Schönborn aus. Er betankte einen Reservekanister mit Benzin und besorgte einen Gummihammer, das Tatwerkzeug. „Er war eher für das Grobe zuständig“, sagt die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer. Ina O. suchte derweil im Internet nach schwer sedierenden Medikamenten, spielte ihrem Hausarzt Angstzustände vor, bekam das Schlaf- und Beruhigungsmittel Tavor verschrieben und besorgte es in der Apotheke an ihrem Wohnort Sandhausen.
In der Nacht von 6. auf 7. März 2024 tötet das Ehepaar dann beide Frauen. Der 6. März ist Marco O.s Geburtstag und ein unverdächtiger Anlass für einen Ausflug. Ina und Marco O. laden Alina und deren Mutter Jeva zu einem Geburtstagsessen nach Bruchsal ein. Nach dem Essen gehen alle miteinander noch eine Runde spazieren. Bei dieser Gelegenheit bieten Ina und Marco O. ihren Gästen Saft an, den sie mit dem Schlaf- und Beruhigungsmittel präpariert hatten.
Offenbar rechnet das Paar nicht damit gerechnet, dass dieses Treffen dokumentiert werden könnte: Alina schickt ihrem Freund an diesem Tag sowohl ein Video vom Chinarestaurant als auch ein Foto von sich mit einer Flasche Rotbäckchensaft. Denn so wenig vernetzt wie ihre Mörder glauben, ist die Frau aus der Ukraine nicht. Sie schreibt täglich mit ihrer Schwester Chrystyna. Alina wird – anders als die beiden Täter gehofft haben – sehr wohl vermisst werden.
Als es Jeva immer schlechter geht, bieten die Gastgeber an, ihre Tochter Alina und ihre Enkelin Maria in die Unterkunft zu bringen und dann mit der benommenen Frau ins Krankenhaus zu fahren. Sie fahren jedoch ans Krumme Loch, den ausgespähten See. Ina O. steuert den VW Sharan. Dort angekommen, zerrt Marco O. sein Opfer Jeva aus dem Auto. Die Rechtsmedizinerin berichtet von Einblutung am Rücken, vielleicht von Tritten, und mindestens vier Schlägen auf den Kopf, die zu tödlichen Verletzungen geführt haben. Mit einem Stahlseil, das er seinem Opfer um den Hals legt, zieht Marco O. die Frau ins Wasser. Zu Hause wechselt er die blutigen Schuhe. Dann brechen er und Ina O. noch einmal auf. Wie immer hat Marco O. an diesem Tag Kokain und Amphetamine intus.
Von kurz vor Mitternacht stammt eine Sprachnachricht, die Alina ihrem Freund geschickt hat. Ihre Mutter habe einen Herzinfarkt erlitten. Mit dieser Falschinformation haben Ina O. und Marco O. die von den Medikamenten müde Alina dazu gebracht, weit nach Mitternacht noch einmal aufzubrechen, um ihre Mutter im Krankenhaus zu besuchen. Mit einem „Gute Nacht, ich muss jetzt schlafen“, gesprochen mit verwaschener Stimme, verabschiedet sie sich zuvor von ihrem Freund. Es ist das letzte Mal, dass er von Alina hört. Die Nachrichten, die er in den Folgetagen an sie schickt, kommen nicht mehr bei ihr an. „Da war immer nur ein Haken“, sagt er. Das Foto, das die Polizei von Alinas Zimmer gemacht hat, deutet auf einen überstürzten Aufbruch hin.
Das Ehepaar fährt mit Alina an den Rhein. Dort stirbt auch sie durch mindestens vier Schläge auf den Kopf. Diesmal überschüttet Marco O. die Tote mit Benzin und zündet sie an. Ein Spaziergänger findet die verkohlte Leiche am nächsten Morgen.
Lückenlose Beweiskette
Minutiös haben die Ermittler so gut wie jedes Detail dieser Taten zu Tage befördert. Sie haben Funkdaten der Mobiltelefone ausgewertet. Ebenso den Chatverlauf. Bilder und Videos gesichtet. Die Kriminaltechnik hat Beweisstücke untersucht, die Rechtsmedizin die schweren Verletzungen begutachtet. So gründlich waren diese Ermittlungen, dass sogar die Verteidigung der Kriminalpolizei Respekt zollt. Am 13. März 2024 werden Ina O. und Marco O. verhaftet. Der Beamte, der sie festgenommen hat, erinnert sich, dass Ina O. als Erstes gesagt hat: „Ich habe eine Geburtsurkunde.“
Das Tatmotiv bleibt rätselhaft. Warum zwei Menschen, die laut psychiatrischen Gutachten bis dahin ein sozial unauffälliges Leben führten, eine so monströse Tat begangen haben, das lässt sich noch immer nur oberflächlich beantworten. Denn der gelernte Koch und die Fußpflegerin waren nicht etwa kinderlos. Sie hatten bereits einen gemeinsamen, heute neun Jahre alten Sohn. Und aus ersten Ehen hatte Marco O. eine Tochter und Ina O. zwei Söhne.
Seit 2020, so sagt es die Anklage, sei bei Ina O. der Wunsch nach einer gemeinsamen Tochter aufgekommen. Ab 2022 habe auch Marco O. diesen Kinderwunsch gehabt. Doch nach einer Sterilisation Ina O.s, dem offenbar missglückten Versuch, sie rückgängig zu machen, gescheiterter künstlicher Befruchtung, der Unmöglichkeit einer Adoption, gab es für beide zunächst nur einen Weg: Sie wollten ein Kind entführen.
Ehepaar hat Kinder
Marco O. erzählt einem Freund davon. In der Schweiz und Tschechien recherchieren sie Kliniken mit Neugeborenenstationen und spionieren Adressen von Eltern aus. Ein Foto beweist, dass sie vor einem ausspionierten Haus standen. Im Februar 2023 erleidet Ina O. eine Fehlgeburt. Der Kinderwunsch scheint übermächtig zu werden, entwickelte seine todbringende Dynamik.
Weil sie drei Tage nichts mehr Alina gehört hat, schreibt ihre Schwester Chrystyna im März 2024 aus der Ukraine an die Polizei in Wiesloch: Sie vermisse ihre Schwester und ihre Mutter. Der Schmuck, den die Ermittler bei der verkohlen Leiche am Rheinufer gefunden haben, sieht aus wie der Schmuck auf dem Profilbild Alinas auf Instagram. Weitere Untersuchungen bringen dann Gewissheit, dass sie die Tote vom Rheinufer ist.
Ihre Schwester Chrystyna macht sich auf den Weg nach Deutschland. Die 20-jährige Studentin spricht weder Deutsch noch Englisch. Das Jugendamt hat ihre Nichte Maria in einer Pflegefamilie untergebracht. Die ist so gastfreundlich, dass sie auch ihre Tante aufnimmt. Chrystyna erlebt, wie am 19. März nach einem Hinweis ihrer Mörder die Leiche ihrer Mutter gefunden wird.
Geständnis am ersten Prozesstag
Zehn Monate später, Landgericht Mannheim: In der immer gleichen dunkelroten Nickijacke sitzt die Angeklagte Ina O. jeden Verhandlungstag neben ihrer Rechtsanwältin. Oft zieht sie die Jacke übers Kinn, als wolle sie in dem Kleidungsstück verschwinden. Die dunklen Haare hat sie streng am Hinterkopf zusammengebunden. Ihr Ehemann Marco O., das graue Haar kurz geschnitten, die Augen in den Höhlen versunken, sitzt ebenso den Blick nach innen gewendet neben seinem Anwalt.
Beide Angeklagte hatten die Taten am ersten Prozesstag durch eine von ihrem Anwalt und ihrer Anwältin verlesene Erklärung gestanden. Beide stehen danach voller Entsetzen und Abscheu vor dem, was sie getan haben. Das sagen sie auch in ihrem Schlusswort. Sie haben nicht nur Marias Familie, sondern auch ihre eigene Familie zerstört. Ina und Marco O.s gemeinsamer Sohn muss nun bei seinen Großeltern aufwachsen.
Kind lebt jetzt in der Ukraine
Im Juni machte sich Chrystyna mit ihrer Nichte Maria auf den Heimweg in die Ukraine. Mit im Gepäck: die Urnen mit der Asche von der ermordeten Schwester und und der ermordeten Mutter. Inzwischen hat Chrystyna geheiratet und Maria adoptiert. Das Mädchen hat wieder ein Zuhause. „Wie sie aber einmal mit ihrer Lebensgeschichte umgehen wird, wissen wir nicht“, sagt Chrystyna.
Am Montag hat das Landgericht Mannheim die beiden Angeklagten zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt und stellte die besondere Schwere der Schuld fest. Das bedeutet, dass Ina und Marco O. mit Sicherheit mehr als fünfzehn Jahre im Gefängnis verbringen werden.
*Die Namen der beiden Mordopfer und deren Angehörigen wurden geändert.