Lebensmittelkauf ohne Verpackung Aus der Region, biologisch, und ohne Müll

Selbstbedienung ist im Unverpackt-Laden in Burgstetten rund um die Uhr möglich. Foto: Gottfried Stoppel

Ein Verein betreibt seit Sommer 2020 einen Unverpackt-Laden – auf Vertrauensbasis: Kunden wiegen eigenverantwortlich ab und bezahlen per EC-Karte. Funktioniert das? Und wie sieht es woanders aus?

Burgstetten - Eine rasante Entwicklung hat der Verein Nahtur-Laden in Burgstetten genommen. Gerade einmal neun Mitgliedern zählte er bei seiner Gründung Ende April des vorigen Jahres, inzwischen sind es rund 120. Vor allem nachdem man im Juni den Laden mit unverpackten Waren eröffnete, habe man einen starken Zulauf an Interessenten verzeichnet, berichtet die stellvertretende Vorsitzende Malin Ludwig.

 

Auch jetzt noch würden immer wieder Menschen dem Verein beitreten, um im Laden einkaufen zu dürfen. Denn das im ehemaligen Backhaus der Gemeinde im Teilort Burgstall eingerichtete Geschäft steht üblicherweise nur Mitgliedern offen. Das allerdings per Zugangschip täglich rund um die Uhr. Interessierten jedoch biete man nach Absprache an, für einen Schnuppereinkauf sich von einem Vereinsmitglied alles zeigen zu lassen. „Ansonsten funktioniert der Laden auf Vertrauensbasis.“ Sprich: die Nahtur-Laden-Mitglieder füllen sich in selbst mitgebrachte Gefäße von den Waren so viel ab wie sie möchten, wiegen alles alleine und bezahlen selbstständig per EC-Karte.

Am Anfang gab es durchaus Skepsis

Zu kaufen gibt es angefangen von Äpfeln und anderem saisonalen Obst und Gemüse über Backwaren, Honig, Nüsse und Mehl bis hin zu Quark und weiteren Milchprodukten sowie Schnaps, Seifen und Waschmittel praktisch alles, was bio und regional ist – und vor allem unverpackt beziehungsweise in Mehrweggefäßen von Ehrenamtlichen des Vereins direkt von Produzenten beschafft werden kann. Insbesondere Letzteres ist dem Verein wichtig. Schließlich ist genau dies sein Sinn und Zweck, um Müll zu vermeiden. Entstanden sei die Idee für den Unverpackt-Laden im Oktober 2019 im Arbeitskreis Klima und Umwelt, kurz Akku, der örtlichen Initiative Nachhaltiges Burgstetten, welche es bereits seit 1991 gebe, erklärt Malin Ludwig: „Der Hintergrund war, dass es in Burgstall seit Längerem keine Einkaufsmöglichkeit gab.“ Daher sei der Nahtur-Laden auch gleich super angenommen worden. Lediglich wegen des Konzepts, dass man seinen Einkauf selbst abrechnen muss, habe anfangs Skepsis bestanden, berichtet die Vereinsvorsitzende Jasmin Schwarz. Doch die erste Jahresrechnung habe bewiesen, dass das Prinzip klappe.

Wie ein Laden Menschen zusammenbringt

In naher Zukunft wird der Nahtur-Laden allerdings einen großen Konkurrenten bekommen: Am Ortsrand ist ein Supermarkt im Bau. Vor diesem fürchte man sich nicht, sagt Schwarz selbstbewusst: „Wir glauben, dass unser Konzept Bestand hat.“ Zumal es gelungen sei, auch Menschen, die zuvor keinen Wert auf Bio-Produkte gelegt hätten, davon zu überzeugen. „Sie haben festgestellt, dass Bio-Waren besser schmecken. Und viele waren überrascht, was alles in der Gegend produziert wird.“ Denn im Nahtur-Laden bleibt kein Erzeuger anonym. In einem Ordner, in dem alle mit Fotos und Texten über ihre ökologischen Gedanken vorgestellt werden, kann man jeweils erfahren, wer hinter den Waren steht.

Zudem komme es dem Verein nicht darauf an, Profit zu machen, ergänzt Malin Ludwig: „Es geht um die Idee, nicht um den Umsatz.“ Daher habe man sich auch mitten im ersten Lockdown entschieden, einen Unverpackt-Laden aufzubauen, „trotz oder gerade wegen Corona“. Nun schätzten viele die Möglichkeit, meist ganz allein beim Einkaufen im Nahtur-Laden zu sein. Junge Familien nutzten dabei das Angebot des Nahtur-Ladens ebenso wie Singles und Senioren, berichtet Jasmin Schwarz: „Der Laden hat das Dorf zusammengebracht.“ Darüber hinaus unterstützten aber auch Menschen aus dem Umland den Laden.

Wie läuft das Geschäft für Existenzgründer im Rems-Murr-Kreis?

„Ich bin am kämpfen“, sagt Stefan Krämer über seine wirtschaftliche Situation. Im vergangenen Mai hat er einen der ersten Unverpackt-Läden im Rems-Murr-Kreis nach Jahren der Planung in der Backnanger Uhlandstraße eröffnet, in dem er regionale Produkte zum Abfüllen in mitgebrachte Behältnisse anbietet. Doch Corona hat dem Existenzgründer einen gehörigen Strich durch die Rechnung gemacht. Die ersten Monate seien ein Auf und Ab gewesen, berichtet Krämer. Doch seit Beginn des aktuellen Lockdowns fehle es durch die Schließung von mehr als 80 Prozent der Geschäfte in der Innenstadt an Publikumsverkehr für seinen Laden in der Fußgängerzone. „Dementsprechend sind die Umsätze eingebrochen.“ Denn noch seien es relativ wenige Kunden, die so sehr hinter dem Konzept des unverpackten Einkaufens stehen, dass sie dafür gezielt seinen Laden ansteuerten. Sollte der Lockdown jetzt noch länger andauern, blicke er pessimistisch in die Zukunft.

Ebenfalls im Mai machte Larissa Berger ihre Bergerei in Schorndorf in der Karlstraße auf. „Der Fokus liegt auf Bio-Produkten, möglichst regional oder mit Fair-Trade-Siegel“, erklärt die junge Geschäftsfrau das Prinzip ihres Unverpackt-Ladens. Darüber, ob sich ihr Laden wirtschaftlich trage, könne sie noch nichts sagen. Ein wichtiger Teil ihres Geschäftsmodells sei eigentlich ein Café-Bereich, „um den Kunden die Möglichkeit zu geben, die Produkte zu probieren und zu erleben“. Dass sie diesen schließen musste, mache ihr schon zu schaffen.

Vor Weihnachten hat es sich besonders gelohnt

Für Martina Mohr und ihre Geschäftspartnerin erweist es sich derweil als Vorteil in Corona-Zeiten, dass sie noch keine Ladenräume gefunden haben. Aufgrund dessen verkaufen sie ihre unverpackten Waren auf den Wochenmärkten in Waiblingen, Winnenden und Fellbach-Schmiden. Da viele derzeit lieber an der frischen Luft einkauften als in geschlossenen Räumen, fehle es nicht an Kundschaft, berichtet Mohr: „Die Resonanz ist gigantisch. Wir haben schon Stammkundschaft.“ Insofern lohne sich der Auf- und Abbau ihres Standes. Vor allem im Dezember sei es für sie super gelaufen. Denn neben unverpackten Lebensmitteln hätten sie auch Thermosflaschen, Seifen, Shampoos, nachhaltige Kalender und Bienenwachskerzen im Angebot gehabt, die gerne als Geschenke gekauft worden seien.

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