Lebensmittelretter Supp_optimal Das Küchen-Hopping ist jetzt vorbei

Der gastronomische Leiter von Supp_optimal, Julian Schaber, und der Projektleiter Johannes Nöldeke (rechts). Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Supp_optimal hat in Degerloch endlich eine feste Küche gefunden. Was das für die Lebensmittelrettung und die Zukunftspläne des Projekts der Stuttgarter Bürgerstiftung bedeutet.

Freizeit und Unterhaltung: Theresa Schäfer (the)

„Ich habe noch nie mit Ausblick gekocht.“ Bisher stand Julian Schaber immer in Küchen im Erdgeschoss oder Souterrain, jetzt schaut der 35-Jährige von seinem Platz am Herd über die Dächer von Degerloch. Nach mehr als zwei Jahren haben die Lebensmittelretter von Supp_optimal jetzt eine eigene Küche. Damit hat das Küchen-Hopping endlich ein Ende.

 

Die Idee für Supp_optimal, ein Projekt der Bürgerstiftung, entstand während der Coronapandemie: Damals mussten die Essensausgaben für bedürftige Menschen in Stuttgart von jetzt auf gleich schließen. Supp_optimal brachte das Essen zu ihnen – im Glas mit Schraubdeckel. Die Pandemie war irgendwann vorbei, das Konzept blieb. Vier Mal die Woche gibt Supp_optimal an sieben Orten im ganzen Stadtgebiet das Essen im Glas aus. Im März, wenn die Vesperkirche schließt, geht es bei Supp_optimal wieder in Volllast los.

„Für uns ist das wirklich ein Gamechanger. Wenn wir jetzt eine riesige Menge Gemüse bekommen, müssen wir sie nicht gleich komplett aufbrauchen.“

Julian Schaber, gastronomischer Leiter bei Supp_optimal

Am Anfang kaufte Supp_optimal das Essen bei Restaurants und Kantinen ein, 2023 wurde Julian Schaber gastronomischer Leiter, seither wird selbst gekocht. Und zwar aus geretteten Lebensmitteln vom Wochenmarkt, aus Restaurants, Supermärkten oder von den Herstellern. Eine eigene Küche hatten Schaber und sein zweiter Koch aber nie. Sie kochten mal in der Küche der Evangelischen Gesellschaft, mal in der Cannstatter „Commons Kitchen“ oder der Kochschule „Marinella in Cucina“.

Damit ist jetzt Schluss: Seit Kurzem mietet Supp_optimal die Küche und Kantine der Baugenossenschaft Flüwo in der Degerlocher Löffelstraße. „Für uns ist das wirklich ein Gamechanger“, sagt Julian Schaber. Denn weil er jetzt kein Küchen-Hopping mehr betreiben muss, kann er nun Lebensmittel lagern. „Wenn wir jetzt eine riesige Menge Gemüse bekommen, müssen wir sie nicht gleich komplett aufbrauchen“, sagt der 35-Jährige und macht wie zum Beweis einen der beiden mannshohen Gefrierschränke auf, in dem gerade dutzende Gefrierbeutel mit Kürbispüree liegen. „Wir haben 400 Kilogramm Kürbis bekommen – früher hätten wir davon nur einen Bruchteil retten können.“ Auch tonnenweise gespendete Nudeln können sie jetzt ins Lager räumen.

Die Gläser von Supp_optimal. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Für Supp_optimal war die Flüwo-Kantine auch wie ein Sechser im Lotto, weil sie die Einrichtung komplett und kostenfrei übernehmen konnten. „Von den Küchengeräten bis zu den Schüsseln und Schöpfkellen – alles, was man hier sieht, war schon drin“, erzählt Schaber. „Als der Betreiber in den Ruhestand ging, war uns wichtig, dass die Kantine weiterhin sinnvoll genutzt wird“, sagt Andreas Hahn, der bei der Flüwo als Prokurist für die Unternehmensentwicklung und Kommunikation zuständig ist. „Die Arbeit von Supp_optimal ist wertvoll und wichtig. Für uns hat sich das gleich sehr stimmig angefühlt.“

Harrys Ernte – Umwandlung in gemeinnützige GmbH

Nach dem Umzug steht jetzt noch eine zweite Veränderung an: Aus dem Zweig Lebensmittelretten und Kochen bei Supp_optimal soll eine gemeinnützige GmbH werden – Harrys Ernte. „Als ‚social business’ können wir uns vielfältiger aufstellen“, sagt Schaber. Langfristig wollen sie mehr Caterings aus geretteten Lebensmitteln anbieten, Rescue-Dinner veranstalten, einmal im Monat soll es in den Räumen in Degerloch auch einen Mittagstisch geben, für die Leute, die rund um die Löffelstraße wohnen oder arbeiten. Im Stiftungskontext seien solche Veranstaltungen, für die die Gäste Geld zahlen, schwieriger zu realisieren. Dabei helfen gerade sie, das Thema Lebensmittelverschwendung stärker ins Bewusstsein zu holen. „Der Aufklärungsgedanke ist uns ganz wichtig“, erklärt der Koch, der einst in der Sterneküche vom Landhaus Feckl in Ehningen gelernt hat. „Wir wollen Menschen anstiften – wenn sie bei uns gesehen haben, was man aus geretteten Lebensmitteln alles machen kann, führen sie das hoffentlich zu Hause fort.“

„Unsere Basis bleibt das Essen im Glas“, betont Schaber. „Aber mit unseren anderen Geschäftsfeldern wollen wir unser Gläser zu einem gewissen Teil auch querfinanzieren, sodass die weiterhin kostenlos bleiben können.“ In der gGmbH wird die Bürgerstiftung die einzige Gesellschafterin sein.

„Unsere Gäste bei den Gläserausgaben werden das nicht merken“, betont der gastronomische Leiter von Supp_optimal. „Für sie bleibt alles beim Alten.“ Den ein oder anderen wird es freuen, dass es künftig ab und zu Fleisch im Glas geben soll. „Wir finden das Thema Sonntagsbraten sehr spannend“, sagt Schaber. „Früher konnten wir kein Fleisch retten, weil wir nicht die Möglichkeit hatten, einzufrieren. Aber Fleisch vor dem Wegschmeißen zu bewahren hat auch klimaschutzmäßig einen riesige Wirkung.“ Also soll künftig etwa einmal im Monat auch ein Gericht mit Fleisch ins Glas.

Harrys Ernte soll also noch mehr Lebensmittel retten. Davon gibt es mehr als genug. Und auch die Zahl der bedürftigen Menschen in Stuttgart nimmt nicht ab, eher im Gegenteil. „Wir merken es bei unseren Essenausgaben – die Schlangen werden länger.“

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