Offenbar haben Lebensmittelkontrolleure einen besonderen Humor. Wie sonst wäre es zu erklären, dass deren Leiter Thomas Stegmanns die Bilanz der Dienststelle jedes Jahr kurz vor der Mittagspause serviert – mit Einblicken in Betriebe, die aufgrund eines Ekelfaktors vorübergehend stillgelegt wurden. Er kann jedoch beruhigen: „Die können schon putzen.“
Denn wenn die Kontrolleure da waren und den Finger auf die Wunde gelegt haben, dann gehe es oft sehr schnell und der Laden sei wieder sauber. „Da rücken dann auf einmal zehn bis 15 Leute an und helfen, nach drei Tagen sieht man nichts mehr.“ Doch da davor kein eifriger Putztrupp am Werk war, kommt es eben immer wieder zu ekelerregenden Funden.
Der Spitzenreiter in Stuttgart ist im zurückliegenden Jahr ein Sushi-Lokal gewesen, berichtet Stegmanns. Das wurde dann auch teuer für den Betreiber: Er zahlte eine Strafe in Höhe von 5000 Euro. Dass es so viel wurde, liegt daran, dass er mit einem Bußgeld in Höhe von 2750 Euro nicht einverstanden war. Er legte Einspruch ein, die Sache ging ans Amtsgericht. Als die Richter und die Staatsanwaltschaft die Aufnahmen aus dem Lokal sahen, wurde ein Strafbefehl daraus – und das kostete den Wirt 5000 Euro.
Das klingt heftig, aber es ging auch um mehr als ein paar schmutzige Spüllappen: Als die Kontrolleure beim rohen Thunfisch eine Temperatur von knapp 9 Grad gemessen hatten, unter anderem einen ungenutzten Reiskocher mit darin klebenden Speiseresten sahen, schauten sie genauer hin, schildert Stegmann. Sie zogen die Saladette (ein Edelstahlmöbelstück mit Kühlmöglichkeiten), von der Wand weg, und fanden nicht nur Abfall und Mäusekot, sondern auch eine tote Maus dort.
An fast jedem Arbeitstag wurde in Betrieb geschlossen
167 Betriebe wurden im vergangenen Jahr geschlossen. „Das ist bei 220 Arbeitstagen fast jeden Tag einer“, sagt Stegmanns. Die Beanstandungsquote sei gestiegen. Entgegen der Erwartung, dass es durch den zeitweise ruhenden Betrieb während der Lockdowns und den Außer-Haus-Verkauf nicht so viel Schmutz in den Lokalen und deren Küchen geben würde, fanden die Kontrolleure mehr. „Es war nicht regelmäßig jemand da, dann hat man sich aufgrund der geringen Einnahmen auch nicht regelmäßig die Schädlingsbekämpfung geleistet“, nennt der Leiter der Lebensmittelüberwachung einen der Gründe, warum man häufiger auf Schädlingsbefall stieß. – der sich in den Schließzeiten auch ungestört ausbreiten konnte. Außerdem mache sich auch im Bereich der Sauberkeit die Personalknappheit in der Gastronomie bemerkbar. Wenn vergammelte Speisen gefunden werden, bleiben die Fachleute so lange dabei, bis diese in Mülleimer gekippt sind. „Dann machen wir noch eine Schicht Spüli drauf“, sagt Stegmanns. Das ist kein Hausfrauentrick gegen Müllgeruch, sondern eine Maßnahme um sicherzustellen, dass nichts wieder aus der Tonne gefischt wird: „Mit Spüli drüber ist alles ungenießbar, und das bekommt man auch nicht mehr weg.“ Zu den weggekippten Sachen zählten etwa gekochte Eier in einer schimmeligen Lake oder Oliven in einer Dose, an deren Entnahmeöffnung schon flauschiger Schimmel wuchs.
Die Oliven gehörten zum Betrieb, der in Sachen Bußgeld Platz zwei belegte: Als man den Betreibern erklärte, dass Müllberge im Hof Ratten und anderes Ungeziefer anlocken würden, trauten die Kontrolleure ihren Augen kaum: Noch während sie da waren, stellten die Mitarbeitenden Aufläufe und andere Speisen zum Abkühlen vor die Küchentür auf den Boden und die Treppen – quasi als Willkommensgruß für Schädlinge. 1000 Euro zahlte hier der Betreiber, die Spülhilfe musste 150 Euro bezahlen, weil ihr Arbeitsplatz nicht in Ordnung war.
In 4379 Betrieben der 11 678 Lebensmittelbetriebe in Stuttgart wurde im Jahr 2021 nach dem Rechten geschaut. Das waren weniger als in Zeiten vor Corona – was sich durch Schließungen und den Wegfall von Großveranstaltungen erklären lässt.
Die Beanstandungsquote lag bei 57 Prozent und damit fünf Prozent höher als im Vorjahr. Allerdings waren es meist kleine Verstöße, welche die Betreiber schnell beheben konnten. Die Zahl der 167 geschlossenen Betriebe lag ebenfalls deutlich über dem Wert des Vorjahres, als 131 Betriebe vorübergehend dicht gemacht worden waren.
53 Gäste meldeten Krankheitssymptome beim Amt
Nicht nur die Mitarbeitenden der Lebensmittelüberwachung können bemerken, dass etwas nicht stimmt. Auch Gäste melden sich mitunter zu Worte. Das waren im Jahr 2021 insgesamt 245 Meldungen über unhygienische Zustände. 2020 waren das noch 282 Fälle. Mit Krankheitssymptomen nach einem Gastronomiebesuch meldeten sich 53 (2020: 57) Stuttgarterinnen und Stuttgarter beim Amt. Auch das lasse sich mit der Pandemie erklären, sagte Stegmanns. Es sei eben weniger auswärts konsumiert worden.