Ein Plätzchen zum Wohlfühlen und für die Nachbarschaftspflege: Die Wanderbaumallee macht gerade im Leonhardsviertel Station. Dort werden die temporären Sitzgelegenheiten aber kaum genutzt. Ist die Standortwahl ein Fehlgriff?

Stuttgart - Noch bis zum 3. Juli befindet sich die Wanderbaumallee mit seinen zehn jungen Obstbäumchen samt Sitzbänken am Leonhardsplatz. Doch ob die Bäume an diesem Ort, mitten in einem der sozialen Brennpunkte der Stadt, gut platziert sind, ist nun in der Diskussion. Denn die Vision, die hinter den Wanderbäumen gegenüber des Züblinparkhauses steckt, scheint mit der Realität nicht zusammenzupassen.

Eigentlich müsste auch im Leonhardsviertel alles passen. Gerade jetzt: Denn überall dürfen sich nun wieder Menschen im Freien treffen. Das Projekt Wanderbaumallee schafft gerade dafür besondere Orte – jeweils einen Monat lang. Dann geht es weiter.

Sozialer Brennpunkt als geeigneter Standort?

Nach Monaten coronabedingter Isolation sehnt sich manch einer nach einem nachbarschaftlichen Plausch. Die Bedeutung von Nachbarschaft ist durch die Pandemie für alle fühlbar geworden. Nun, da die Inzidenzen endlich gefallen und die Temperaturen gestiegen sind, bietet die Wanderbaumallee am Leonhardsplatz genau dazu Gelegenheit. Das allerdings klingt idyllischer als es ist. Denn hier – im Dreieck Leonhardskirche, Züblin, Rotlichtviertel – bewegt man sich in einem Milieu, das nicht ausschließlich, aber eben zu einem Teil durch Straßenprostitution, Drogenkonsum und Obdachlosigkeit gezeichnet ist. Ein sozialer Brennpunkt eben. Wer hier nichts zu schaffen hat, geht daher in aller Regel zügig weiter. Er verweilt ungern. Passt das Konzept der Begegnung und Kommunikation da überhaupt ins Viertel?

Leonhardsviertel als „Herausforderung“

Heinrich Huth, ein Bezirksbeirat und der Vorsitzende des Ortsvereins SPD-Mitte, kennt und liebt das Viertel. Auf die Frage, ob die Ortswahl dieses Mal vielleicht ein Fehlgriff ist, entgegnet er mit einem entschiedenen „Nein“. Er gibt aber zu: „Der Ort ist eine Herausforderung. Daher ist es wichtig, genau hier Aspekte moderner Urbanität zu thematisieren: Stadtverdichtung, Anonymisierung, Hektik, Insektensterben, Begrünung, Erholung, Belebung.“

Dennoch wirken die Wanderbäume und ihre meist verwaisten Sitzgelegenheiten hier etwas verloren. Wer sich an den verlorenen Kampf der Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle (Grüne) vor einem Jahr um einen zweiten Halt der Wanderbäume in der Stadtmitte erinnert, mag sich ebenfalls fragen: Wäre ein anderer Standort in der City nicht besser, weil dort das Interesse an den Bäumen größer ist? Denn: Wären andere Bürger nicht froh, wenn die Wanderbäume in ihrem Kiez Halt machen würden?

Fünf Standorte in der Innenstadt

Als soziales und ökologisches Projekt soll die Wanderbaumallee mitbürgerliche Kommunikation und innerstädtische Lebensqualität fördern. Mobile Holzkonstruktionen bieten zum einen den Pflanzen Substrat und Halt, zum anderen den Anwohnern und Passanten eine Sitzgelegenheit. Anfang Mai ist die Allee in ihre dritte Saison gestartet, die auch in diesem Jahr wieder Ende September zu Ende gehen wird. Während dieser Zeit werden die Bäume an fünf verschiedenen Orten ihren Schatten spenden. Am jeweils ersten Samstag eines jeden Monats wechselt die Allee ihren Standort – immer im Rahmen angemeldeter Demonstrationen. Bevor sie in die Leonhardsvorstadt kam, war sie in der Haußmannstraße zwischen Ostendplatz und Achalmstraße zu sehen. In einigen Wochen wird sie in den Stuttgarter Westen umziehen. „Die einzelnen Module lassen sich nach dem Schubkarrenprinzip kinderleicht transportieren“, erklärt Annika Wixler von der ehrenamtlichen Initiative Wanderbaumallee Stuttgart.

Alte Obstbaumsorten als Treffpunkt

In diesem Jahr besteht die Allee aus Obstbäumen, es sind alte, regionale Sorten dabei. In einem kleinen Beet wachsen wilde Erdbeerchen. Die Initiatoren wollen mit dem Projekt die Vision einer menschengerechten Stadt erlebbar machen. Das wiederum erfordert viel ehrenamtliches Engagement, insbesondere seitens der Anwohner. Diese haben das Projekt in ihr Viertel eingeladen. Nun hegen und pflegen sie es. Es gibt Gießdienste; gerne haben einige in der Nachbarschaft ihren Wasseranschluss oder einen Lagerplatz für Material zur Verfügung gestellt.

Mit dieser Idee von Nachbarschaft und Ökologie hat sich die Wanderbaum-Initiative inzwischen einen sehr guten Ruf in der Stadt erworben. Manche nennen sie daher nicht mehr Wander-, sondern Wunderbäume. Und in diesem Sinne steht auch Annika Wixler zu der Wahl der Ortes: „Der von manchen befürchtete Vandalismus blieb bisher aus. Stattdessen ist das Engagement im Vergleich zu anderen Standorten überdurchschnittlich.

Allee lädt noch zwei Wochen zum Verweilen ein

Das wiederum könne daran liegen, dass sich die Menschen mit ihrem Viertel sehr verbunden fühlen – gerade weil es hier viel zu tun gibt und weil sich daraus aber auch immer wieder neue Chancen ergeben. In diesem Sinne haben die Bürger und Besucher des Viertels noch knapp zwei Wochen lang die Chance, die Bäume auch zum Verweilen zu nutzen.

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