Wer an einer Unfallstelle gafft, fotografiert oder filmt, handelt nicht nur ethisch fragwürdig, sondern behindert auch die Lebensrettung. Die Johanniter-Unfallhilfe startet nun einen neuen Versuch, dies zu unterbinden.

Lokales: Armin Friedl (dl)

Stuttgart - Allen Mahnungen und Bestrafungen zum Trotz: Nach wie vor gibt es Menschen, die bei Unfällen nicht möglichst zügig weitergehen oder weiterfahren, sondern stehen bleiben, um zuzuschauen, um zu fotografieren. Das ist in ethischer Hinsicht ein fragwürdiges Verhalten, aber vor allem hindert es die Rettungskräfte daran, ihre Arbeit zu tun: Menschenleben zu retten, Verletzte zu bergen. Außerdem entstehen durch Gaffer oft weitere Unfälle.

Freiheitsstrafen zwischen ein und zwei Jahren

Vieles wird dagegen unternommen: Unfallorte werden, wenn möglich, vor den Blicken von Unbeteiligten abgeschirmt, es gibt Lautersprecherdurchsagen vor Ort, auch im Verkehrsfunk. Das Phänomen des Gaffens scheint freilich hartnäckiger zu sein als alle Warnungen und Strafandrohungen. Freiheitsstrafen zwischen ein und zwei Jahren hat der Gesetzgeber vorgesehen.

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Die Johanniter Unfallhilfe beschreitet nun einen neuen Weg. Zunächst einmal versuchsweise hat sie einen ihrer Rettungswagen komplett mit einem QR-Code beklebt, also einem Bildcode, der digitale Informationen enthält. Wenn Kameras der jüngeren Smartphone-Generation solch einen QR-Code erkennen, fokussiert sich die Kamera auf die Entschlüsselung dieses Codes. Das Resultat: Der Fotografierende sieht auf seinem Gerät nicht das Unfallszenario, sondern die grell ausgemalte Warnung „Gaffen tötet“.

Bundesweit sind etwa 30 Rettungswagen der Johanniter mit diesem QR-Code beklebt, einer davon hat von diesem März an seinen Standpunkt in Stetten auf den Fildern, ist also im gesamten Landkreis Esslingen unterwegs. Dazu erklärt der Rettungsdienstleiter Alfred Kühn: „Wir unterstützen das Projekt, denn Schaulustige, die an Unfallorten das Geschehen beobachten, fotografieren oder filmen, erschweren und behindern oft die Arbeit der Rettungskräfte. Sie verzögern den Arbeitsablauf und gefährden nicht nur sich selbst, sondern auch das Leben der Unfallopfer, denn wenn ein Leben auf dem Spiel steht, zählt oft jede Sekunde.“

Auf der Autobahn wie auf der Landstraße

Der Landkreis Esslingen ist gut gewählt für solch eine Erprobung, denn hier gibt es alles, wo ein Rettungswagen eingesetzt werden kann: Städte mit ihren Hauptverkehrsachsen bis zu Anliegerstraßen und Fußgängerzonen, kleinere Orte mit Durchgangsstraßen, Land- und Bundesstraßen sowie Autobahnen. Und parallel zum praktischen Test auf der Straße gibt es auch eine wissenschaftliche Studie der Akkon-Hochschule für Humanwissenschaft zum Phänomen Gaffen. Schließlich fehlt schon seit Jahren eine belastbare Studie mit bundesweit belegbaren Zahlen zu diesem Thema. Und dem widmet sich ein fünfköpfiges Team mit der gebotenen Gründlichkeit unter den Aspekten der Notfall-, Sozial- und Motivationspsychologie. Das ist dann zugleich auch der Praxistest für die QR-Codes auf den Rettungswagen, denn hier werden auch die Daten der Rettungseinsätze ausgewertet sowie die Klickzahlen, die durch den QR-Code generiert werden. Hinzu kommen noch Daten, die aus Befragungen des Rettungsdienstpersonals sowie der Bevölkerung erhoben werden. Als Vergleich dazu dienen die Einsätze von 43 Rettungswagen im bisher vertrauten Design, die demselben Prozedere unterworfen werden.

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Eine unübersichtliche Situation

Aktuell ist die Situation für das Rettungspersonal sehr unbefriedigend: „Wenn die Einsatzkräfte vor Ort ankommen, ist die Situation oft unübersichtlich und unklar. Die Hauptaufgabe der Einsatzkräfte besteht erst mal darin, sich zu Beginn jeden Einsatzes auf Grundlage bestimmter Algorithmen und Abläufen einen vollumfänglichen Eindruck zu verschaffen“, erläutert die Johanniter-Kommunikationsreferentin Mareen Kupka von der Dienststelle Göppingen die Eingangssituation. Dazu gehört also beispielsweise die Feststellung, wie viele Verletzte es gibt und welche konkreten Beschwerden und Verletzungen vorliegen. Hier fallen die wichtigen Entscheidungen, um Leben zu retten.

Und genau in dieser Phase können Gaffer am ehesten Fotos oder Videos machen. Kupka: „Später im Verlauf des Einsatzes, sofern eine Lebensgefahr ausgeschlossen ist, gehen die Einsatzkräfte, wenn es die Situation möglich macht, auch auf die Gaffer zu und verweisen diese von der Einsatzstelle.“ Da schreiten dann vor allem Polizei und Feuerwehr ein, damit sich die Rettungskräfte ungestört um die Verletzten kümmern können, doch dazu müssen ja diese Kollegen erst einmal vor Ort sein und die Lage überblicken. Erst dann ist wieder eine zügige Weiterbehandlung der Verletzten gewährleistet.

Die Johanniter haben 2020 mehr als 740 000 Notfalleinsätze absolviert, es wurden mehr als 350 000 Patienten durch Krankentransporte befördert. Bundesweit sind die Johanniter in 289 Rettungswachen aktiv.