Lebensversicherer in der Kritik Zweifel an Kundennutzen bei etlichen Produkten
Die Finanzaufsicht knöpft sich Lebensversicherer vor: Bei etlichen Produkten gebe es Zweifel am Kundennutzen. Verbraucherschützer sprechen kategorische Warnungen aus.
Die Finanzaufsicht knöpft sich Lebensversicherer vor: Bei etlichen Produkten gebe es Zweifel am Kundennutzen. Verbraucherschützer sprechen kategorische Warnungen aus.
Hohe Kosten, maue Renditen: Mit der Lebensversicherung steht ein deutscher Altersvorsorgeklassiker in der Kritik. Die Finanzaufsicht Bafin ermahnte jüngst eine Reihe von Anbietern wegen Produktmängeln. Die öffentliche Schelte kommt für die Versicherer zur Unzeit. Denn die Branche hofft nach schwierigen Jahren eigentlich wieder auf bessere Geschäfte.
Während die Zinsen bei Tages- und Festgeldkonten nach der geldpolitischen Wende der Europäischen Zentralbank (EZB) im Sommer schon wieder sinken, kommt das insgesamt dennoch weiterhin erhöhte Zinsniveau bei Lebensversicherungskunden langsam erst an. Erstmals seit rund 30 Jahren soll der sogenannte Höchstrechnungszins, ein Richtwert für die Verzinsung neuer Versicherungsverträge, im kommenden Jahr steigen – und zwar von 0,25 auf 1,0 Prozent. Die Branche erhofft sich davon Rückenwind und versprüht Optimismus.
Allerdings hagelt es seit Wochen Kritik. „Lebensversicherungen sollen den Absicherungsbedürfnissen und den Renditeerwartungen der Kundinnen und Kunden gerecht werden. Das klingt wie eine Selbstverständlichkeit, ist es aber leider nicht“, monierte die Exekutivdirektorin der Bafin, Julia Wiens, bei einer „Handelsblatt“-Konferenz.
Die Finanzaufsicht hatte bereits im Mai 2023 Bedenken geäußert und ein Merkblatt zu aufsichtsrechtlichen Anforderungen an kapitalbildende Lebensversicherungen veröffentlicht. Im Vordergrund steht der Kundennutzen. Auf dem Kieker haben die Regulierer insbesondere Effektivkosten, Abschlussprovisionen und Stornoquoten. Nach einer vertieften Überprüfung der Policen von 13 Lebensversicherern zog Wiens ein Zwischenfazit: „Was wir da bislang herausgefunden haben, gefällt uns überhaupt nicht“. Manche Anbieter würden die Vorgaben des Merkblatts bei Weitem nicht erfüllen und müssten „dringend nachbessern“.
Dabei sind viele Kritikpunkte keineswegs neu. Mit Beschwerden über undurchsichtige und für Kunden unvorteilhafte Produkt- und Vertriebsstrukturen sowie hohe Kosten, die zulasten der Renditen gehen, muss sich die Branche seit Jahrzehnten auseinandersetzen. Als besonderer Aufreger gelten dabei etwa hohe Abschlussprovisionen, die bei langfristigen Verträgen zuerst anfallen und statt dem Aufbau von Sparvermögen der Kunden dem Produktvertrieb der Versicherer zugutekommen. Die Bafin legt den Finger jetzt erneut in diese Wunde.
Zudem seien einige der untersuchten Lebensversicherungen durch sehr hohe Stornoquoten aufgefallen – speziell in den ersten Jahren nach Vertragsabschluss, in denen ein großer Teil der Kosten anfalle. Das weckt Zweifel am Vertrieb. „Wenn ein angemessener Kundennutzen fehlt, wenn ein Produkt also nicht den Bedürfnissen des Zielmarkts entspricht, dann ist das ein Missstand“, stellte Wiens klar. Die Aufseherin droht mit Konsequenzen bis in die Chefetagen: „Wir können den Vertrieb von Produkten untersagen oder Maßnahmen gegenüber einzelnen Vorstandsmitgliedern verhängen“.
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft GDV versucht, den Eindruck branchenweiter Verfehlungen zu zerstreuen. „Es ist gut, dass die Bafin sich Ausreißer genauer anschaut und im Einzelfall Anpassungen verlangt“, sagt Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen. Kunden müssten Vertrauen ins Preisleistungsverhältnis von Renten- und Lebensversicherungen haben können. Asmussen verweist zugleich auf „umfassende gesetzliche Informationspflichten“ zu den Kosten der Produkte.
Grundsätzlich gelte, dass Versicherungen im Kollektiv funktionieren. „Abschläge für frühe Kündigung bewahren das Versichertenkollektiv davor, die Rechnung dafür zu zahlen.“ Asmussen betont, dass die Versicherer Versicherte „angemessen“ an Überschüssen beteiligten. „Im Mittel erfolgt eine Beteiligung von 95 Prozent an den Kapitalerträgen, Risiko- und Kostenüberschüssen.“
Der GDV geht indes nicht konkret darauf ein, inwiefern hohe Frühstornoquoten einzelner Produkte mit Vertriebsanreizen zusammenhängen könnten, die möglicherweise nicht im besten Kundeninteresse sind. Ein Stein des Anstoßes sind auch Rückvergütungen, die etwa bei fondsgebundenen Policen als zusätzliche Provisionen an den Vertrieb fließen, aber von Kunden bezahlt werden.
Verbraucherschützer wie der Bund der Versicherten (BdV) warnen: „Eine kapitalbildende Lebensversicherung abzuschließen, ist ein Fehler. Denn davon profitieren letztlich nur der Vertrieb und die Versicherer“. Drei Punkte machten sie unattraktiv, sagt BdV-Vorständin Bianca Boss: Intransparenz, schlechte Rendite und mangelnde Flexibilität in der Ansparphase. Aber auch fondsgebundene Lebens- und Rentenversicherungen seien wegen der hohen Kostenbelastung ungeeignet für die Altersvorsorge.
Geschäftsklima
Während die deutschen Wirtschaftsindikatoren im Sinkflug sind, hellt sich die Stimmung der Versicherer auf. Eine vom Ifo-Institut erstellte Branchenumfrage zeigt einen kräftigen Anstieg der Geschäftserwartungen, sie liegen mittlerweile weit über ihrem langfristigen Mittelwert.
Zinsoptimismus
„Insgesamt ist der Sektor noch mal optimistischer geworden“, sagte GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen. Besonders die Lebensversicherung mache Mut. „Zinssenkungserwartungen haben die Verzinsung langfristiger Vorsorgeprodukte gegenüber kurzfristigen Sparprodukten zuletzt attraktiver gemacht.“