Lebensversicherer mit zehn Millionen Kunden Der Allianz-Leben-Chef ist nicht auf Risiko aus

Mit Blick auf die Stuttgarter Innenstadt: Allianz-Leben-Chef Andreas Wimmer steht in seinem Büro. Foto: Leif Piechowski

Jede zweite neue Lebensversicherung in Deutschland wird bei der Allianz abgeschlossen – ein Grund sind nicht unumstrittene Policen. Der neue Allianz-Leben-Chef Andreas Wimmer will die Produkte für Kunden verständlicher machen.

Geld/Arbeit: Daniel Gräfe (dag)

Stuttgart - Nein, eine Risikosportart habe er nicht, außer dass er einmal in Kroatien Gleitschirmfliegen war, angehängt an einen Trainer, sagt Andreas Wimmer in seinem gläsernen Büro hoch über der Stuttgarter Innenstadt. Aber das Risiko habe er schon vor seinem Antritt als neuer Chef der Allianz Leben nie gesucht, betont er. Er sei auf Aufgaben aus, brauche sinnvolle Beschäftigungen, berufliche Bestätigung: „Ich könnte mir nicht vorstellen, dass ich ohne ein Projekt ein Jahr lang mit dem Wohnmobil durch die Welt reise.“

 

Seit Januar führt Wimmer den größten Lebensversicherer in Deutschland und gibt unserer Zeitung sein erstes Interview als Chef. Seriös, aber durchaus eine Spur jugendlich wirkt der Vater zweier Teenager, der in der Nähe des trendigen Stuttgarter Marienplatzes wohnt. Im Grunde so, wie sich die Allianz Leben ihre neuen Policen wünscht: zukunftsfähig.

Verbraucherschützer warnen vor zu hohen versteckten Kosten

Seit Jahren wird die Branche totgesagt: Zu wenig Rendite würden Lebensversicherungen abwerfen, heißt es, denn der aktuelle Garantiezins für Neuverträge liegt nur noch bei 0,9 Prozent und könnte weiter sinken. Dazu warnen Verbraucherschützer mantramäßig vor zu hohen versteckten Kosten und raten stattdessen, das Geld für die Altersvorsorge in breit gestreuten Fonds anzulegen. Und doch zählte der Branchenverband GDV im vergangenen Jahr 87,1 Millionen Verträge bei Lebensversicherern, Pensionskassen und Pensionsfonds. Zahlen für das erste Halbjahr 2020 liegen nicht vor.

Dass die Zahl der Verträge leicht rückläufig ist, liegt sicherlich nicht an der Allianz. Jede zweite neue Lebensversicherung in Deutschland wird derzeit bei der Allianz Leben abgeschlossen. Die Zahl ihrer Kunden stieg im vergangenen Jahr um 200 000 auf rund 10,3 Millionen. Der Marktanteil der Allianz Leben liegt derzeit bei 29 Prozent und wächst weiter. 2019 erzielte sie weitaus mehr Einnahmen als die folgenden Lebensversicherer R+V Leben, Aachen Münchener, Debeka und Zurich Deutscher Herold Leben zusammen, wie eine Auswertung der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) für unsere Zeitung ergab.

Ein guter Markenname, keine Skandale – auch deshalb legen viele bei der Allianz ihr Geld an

Dass die Allianz Leben im Vergleich zur Konkurrenz auch die Corona-Krise besser meistern wird, gilt in der Branche als ausgemacht – auch wenn die Zahl der Neukunden zuletzt sank, weil den Vertretern für die Vertragsabschlüsse der so wichtige persönliche Kundenkontakt fehlte. „Die Allianz hat einen sehr guten Markennamen, keine Skandale wie die Deutsche Bank und auch keine Staatsbeteiligung wie die Commerzbank. Deshalb legen bei ihr auch in der Krise viele ihr Geld an“, sagt LBBW-Versicherungsexperte Werner Schirmer.

Und doch sinken die Zinsen auch bei der Allianz, wie überall in der Lebensversicherungsbranche, von den Nullzinsen auf den meisten Bankenkonten ganz zu schweigen. Tun da dem Allianz-Leben-Chef die deutschen Sparer nicht manchmal leid? Wimmer denkt lange nach. Ihm kommen sein Vater und seine Mutter in den Sinn, 91 und 87 Jahre alt. „Sie haben ihr Leben lang gespart und immer Zinsen bekommen – das fällt jetzt weg. Sie verstehen schlichtweg nicht, was da jetzt passiert. Das geht inzwischen vielen Verbrauchern so.“ Dass die Zeiten hoher Zinsen einmal wiederkommen, damit rechne er so bald nicht: „Die Zinsen werden länger niedrig bleiben, als viele es sich wünschen. Darauf müssen wir alle unsere Produkte und Kapitalanlage ausrichten.“

Die Allianz hat früher als andere neue Policen auf den Markt gebracht

Das hat die Allianz nach Ansicht von Branchenexperten besser gemacht als die Konkurrenz. Als die Zinsen fielen und es für die Versicherer schwieriger wurde, geeignete Anlagemöglichkeiten für ihre Versicherungsgelder zu finden, reagierte sie schneller. Sie brachte eine Police auf den Markt, die höhere Renditen, aber auch weniger Garantien versprach. Inzwischen macht sie neun von zehn neu verkauften Lebensversicherungen aus.

Die Allianz bietet mittlerweile verschiedene Modelle an, die 100 Prozent, aber auch nur 60 oder 80 Prozent der eingezahlten Beträge garantieren – und im Idealfall eine „attraktive Rendite“ bieten, wie es heißt. Die neuen Policen gibt es inzwischen auch in Italien; Spanien solle bald folgen, betont Wimmer: „Bei der Internationalisierung der Allianz-Gruppe soll die Allianz Leben einen ganz wichtigen Beitrag leisten. Das wird hier auch zu mehr Wachstum führen.“

Ein Wachstum, das aus Sicht des Bundes der Versicherten (BdV) zu Lasten der Verbraucher geht – weil sich für Kunden durch sinkende Garantien nicht nur Chancen sondern eben auch Risiken ergeben. Der BdV warnt davor, Lebensversicherungen für die Altersvorsorge abzuschließen. „Jetzt wird das Garantieniveau heruntergefahren und im Gegenzug werden noch mehr Risiken auf die Kunden abgewälzt, nur die Versprechungen nehmen zu“, sagt Vorstandssprecher Axel Kleinlein. Dass Lebensversicherungen nach wie vor für die Altersvorsorge abgeschlossen würden, sei das Ergebnis von „Lobbyarbeit der Unternehmen, dem Druck der Vertreter und der Unsicherheit der Verbraucher“, so Kleinlein.

Die Unternehmenskultur sei extrem auf Langfristigkeit ausgerichtet, betont Wimmer

Die Kritik der Verbraucherschützer kann Wimmer nicht nachvollziehen: Können sich so viele Kunden irren? Wimmer will die Lebensversicherungssparte der Allianz nach dem Baukastenprinzip effizienter und einfacher machen. Bei den Produkten gehe es darum, diese „noch verständlicher und erlebbarer zu machen“, wie er es nennt – eine Mammutaufgabe. „Aber die Unternehmenskultur in Stuttgart ist extrem auf Langfristigkeit ausgerichtet, was ja auch einen langen Atem bedeutet, das schätze ich sehr.“

Praktisch sein ganzes Berufsleben hat der 46-Jährige bei der Allianz gearbeitet, vor 16 Jahren fing er als Assistent des Finanzvorstands der Allianz Leben an. Inzwischen kann er sich selbst vorstellen, seine Karriere dort mit der Laufzeit einer Lebensversicherung zu versehen: „Ich habe ehrlicherweise nie daran gedacht, von der Allianz wegzugehen.“

Hintergrund: Allianz stellt auch in der Corona-Krise Mitarbeiter ein

Stiller Riese
Derzeit ist der Konzern die Nummer 4 im deutschen Dax, was den Börsenwert angeht, und sticht selbst Autobauer wie VW, Daimler und BMW aus. Das Geschäft mit den Lebensversicherungen ist der größte der drei Geschäftszweige der Allianz, zu denen auch die Schaden- und Unfallversicherungen und die Vermögensverwaltung zählen. Sitz der Allianz Leben ist seit fast 100 Jahren Stuttgart.

Auf Wachstumskurs Während Branchenexperten mit einer weiteren Konsolidierung der Versicherungsbranche in der Corona-Krise rechnen, wird die Allianz Leben nach eigenen Angaben die Krise in diesem Jahr nicht nur „schadlos überstehen“, sondern auch etwas mehr Mitarbeiter einstellen. Gefragt seien vor allem Berufe wie Aktuare, aber auch Daten-Wissenschaftler und IT-Entwickler, heißt es. Die Allianz zählt 26 350 Mitarbeiter in Deutschland. Im Südwesten sind davon 5200 beschäftigt – 4100 am Allianz-Leben-Hauptsitz in Stuttgart. Dazu kommen mehr als 1100 der bundesweit 8200 Vertreter.

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