Leere Regale in Stuttgart Mehr Kunden, aber weniger Waren im Tafelladen

Seit Beginn der Coronapandemie bilden sich vor den Tafelläden Schlangen, weil weniger Kunden hineindürfen. Nun sind sie noch ein bisschen länger geworden. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Flüchtlinge aus der Ukraine erhöhen den Druck auf die Tafelläden in Stuttgart. Dort sind die Regale momentan sowieso schnell leer. Der Lebensmitteleinzelhandel schickt seine Spenden in das Kriegsgebiet, ist einer der Gründe.

Böblingen: Kathrin Haasis (kat)

Patrick Röhrle nickt, als die Kundin auf die Packung mit gefrorenen Pommes frites zeigt und „Kartoplya“ sagt. Beim Fisch erkennt er ihre Frage an den Fingerzeichen: Darf sie eine Packung nehmen oder zwei? Der stellvertretende Leiter der Möhringer Filiale der Schwäbischen Tafel streckt ihr zwei Finger entgegen. „Zum Glück haben wir zwei Mitarbeiter, die Ukrainisch sprechen“, sagt Röhrle, nur kurz vor Ladenschluss hatten die beiden schon Feierabend. Täglich kommen rund 20 Flüchtlinge aus dem Kriegsgebiet in das Geschäft. Die Schlangen vor den Tafelläden sind zwar schon seit der Coronapandemie lang – und nun aber noch etwas gewachsen. Zu kaufen gibt es momentan allerdings viel weniger.

 

Um bis zu 30 Prozent sind die Lieferungen der Supermärkte an die Tafelläden zurückgegangen. Aus den Nachrichten hat Hilli Pressel erfahren, dass der Einzelhandelsverband die überschüssigen Waren teilweise in die Ukraine schickt. Das findet die stellvertretende Projektleiterin vom Stuttgarter Tafelverein auch richtig. „Wir wollen nicht Not mit Not vergleichen“, betont sie. Allerdings kommen zum bisherigen Kundenstamm von 1200 Personen nun zahlreiche neue dazu – bei einer bereits wachsenden Nachfrage. Denn die steigenden Lebensmittelpreise treiben die Betroffenen verstärkt in Filialen, wo beispielsweise eine Packung Toastbrot für zehn Cent zu haben ist. „Für die Kundschaft verschärft sich die Situation“, sagt Hilli Pressel.

Auch die Schwäbische Tafel kämpft mit den Kosten

Der Verein Schwäbische Tafel kämpft ebenfalls mit den steigenden Kosten. Mit den 20 Fahrzeugen müssen täglich 2500 Kilometer zurückgelegt werden, was bei den hohen Spritpreisen auf Dauer teuer wird. Auch die Stromrechnung für die Kühlhäuser und Kühltruhen ist exorbitant gewachsen. „Wir können die Mehrkosten nicht an die Kunden weitergeben“, erklärt die Vize-Projektleiterin. Deshalb sei der Verein vermehrt auf Geldspenden angewiesen. Und der Lebensmitteleinzelhandel reagiere auf diese Entwicklung mit einer besseren Kalkulation und weniger Ausschuss. „Wir begrüßen die Entwicklung eigentlich, weil wir der Lebensmittelverschwendung entgegenwirken wollen“, sagt Hilli Pressel. Die Versorgung der bedürftigen Menschen sei eigentlich Aufgabe des Staates, und laut Satzung ist es dem Verein verboten, Waren einzukaufen, „aber die Tafel ist gerade wichtiger denn je für sie“.

Dort fehlt es vor allem an Obst und Gemüse. Im Möhringer Tafelladen liegt in der Kiste mit Kiwis nur noch ein Stück, braune Bananen gibt es noch, sechs Orangen und ein paar Äpfel. Wurzelgemüse, Lauch und Salat sind übrig geblieben, Tomaten und Zucchini sind dagegen immer Mangelware. Milch und Käse sind ausverkauft, Nudeln und Mehl nur selten im Sortiment. Hungern müsse niemand, die Ernährung der Menschen werde jedoch einseitiger und damit ungesünder, sagt Hilli Pressel. Beschwerden hat sie keine gehört, auch nicht über die längeren Schlangen, die bei der Filiale in der Hauptstätter Straße manchmal bis in die Immenhofer Straße hinauf reichen. Sie berichtet vielmehr von rührenden Szenen, wie etwa ein russischer Kunde für eine Ukrainerin übersetzt habe. „Unsere Kunden sind krisenerprobt und jetzt noch dankbarer, dass es uns gibt“, sagt die stellvertretende Projektleiterin.

Täglich kommen mehr Flüchtlinge in den Tafelladen

In der Möhringer Filiale hängt mittlerweile ein Aushang auf Ukrainisch am Eingang, der erklärt, wie das Einkaufen im Tafelladen funktioniert. „Die Lebensmittel werden an unsere Kunden gerecht verteilt“, steht dort zum Beispiel. Weil manche Flüchtlinge dachten, in dem Geschäft würden sie rundum versorgt, wird außerdem auf Anlaufstellen und Unterkünfte hingewiesen. In einer Filiale tauchten plötzlich unbegleitete Minderjährige auf, die direkt vom Zug aus der Ukraine zum Tafelladen geschickt worden waren. Die Leiterin sei ganz schockiert gewesen, berichtet Hilli Pressel – und sie wusste zunächst gar nicht, wie sie den Jugendlichen helfen sollte.

„Es werden jeden Tag mehr ukrainische Flüchtlinge“, sagt Patrick Röhrle von der Möhringer Filiale. Normalerweise darf in den Geschäften nur einkaufen, wer eine Berechtigungskarte hat. Aktuell wird jedoch der ukrainische Pass als Ausweis akzeptiert. „Wir hatten schon Leute, die ohne einen Cent hier standen“, erzählt der stellvertretende Leiter. Sie wurden mit Saft, Joghurt und Brot versorgt, damit sie etwas zu essen haben. Die ukrainische Kundin läuft mit zwei gefüllten Eimern, die dort als Einkaufskörbe dienen, aus dem Tafelladen. Zwei ältere Herren warten davor auf sie, einer stützt sich auf eine Krücke. „Pizza“, erklärt die Frau, als sie den braunen Karton mit Tiefkühlware in ihre Tasche umpackt – und die Männer nicken.

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