Legendäre Imago 1:1 Die größte begehbare Kamera der Welt
Handy-Fotos: Kaum gesehen, schon vom nächsten Bild überstrahlt. In Berlin steht das Gegenteil dieser Augenwischerei: die Imago 1:1, eine begehbare Kamera.
Handy-Fotos: Kaum gesehen, schon vom nächsten Bild überstrahlt. In Berlin steht das Gegenteil dieser Augenwischerei: die Imago 1:1, eine begehbare Kamera.
Die Kamera Imago 1:1 ist das Gegenteil von all dem, was das Bildermachen, Schauen und Teilen in unserem Alltag ausmacht: Sie ist unhandlich, riesengroß und die weltweit größte begehbare Kamera. Die Bedienung verlangt Finesse, und im Moment des Auslösens muss die Frisur sitzen und das Lächeln auch. Ein Abzug kostet rund 400 Euro. Fotopapier ist rar und teuer. Man leistet sich also in der Regel nur eine Aufnahme. Diese Umstände aber machen die Kamera Imago zum Sinnbild für den Wert eines Bildes in einer Zeit, da das einzelne Foto sonst nichts mehr zählt.
Die Imago braucht keinen Fotografen. Wer sich fotografieren lässt, geht hinein, schließt die Tür und sieht sich seinem seitenrichtigen Spiegelbild gegenüber. Hell erleuchtet von Strahlern und Softboxen, entscheidet man durch seine Positionierung im Raum über die Schärfe im Bild. Man drückt auf den Auslöser, und das eigene Abbild wird mithilfe einer speziellen Optik in der angrenzenden Kammer auf ein Positivpapier im Format von 60 Zentimetern mal zwei Metern projiziert. Etwa zehn Minuten später ist es fertig: das lebensgroße Schwarz-Weiß- Porträt, ein Unikat, von dem es kein Negativ gibt. Die digitale Technik des grenzenlosen Aufnehmens, Löschens und Reproduzierens scheint plötzlich Lichtjahre entfernt.
Erfunden wurde der Apparat, der wie ein futuristisches Objekt aus vergangenen Tagen wirkt, Anfang der 70er-Jahre von dem Physiker Werner Kraus und dem Goldschmied Erhard Hößle. Das Fotoverfahren wurde ursprünglich für Daimler-Benz entwickelt, um Sprühnebel von Einspritzdüsen zu fotografieren.
Die Kamera war dann als intellektuelle Spielerei und für den privaten Rahmen gedacht, doch die Imago stieß bald auf öffentliches Interesse, die Bilder wurden im Haus der Kunst in München ausgestellt und der Apparat unter anderem 1974 auf der Weltausstellung der Fotografie in Nürnberg und 1976 auf der photokina in Köln präsentiert.
Dann war plötzlich Schluss. So wie die Filme für Kleinbildkameras vom Markt verschwanden, stellte Mitte der 80er Jahre Agfa die Produktion des Fotopapiers ein, das auch für die Kamera Imago genutzt wurde. Die Imago verschwand im Depot der Pinakothek der Moderne in München.
2004 machte sich die Tochter des Physikers, Susanna Kraus, auf die Suche nach passendem Fotopapier. Es dauerte zwei Jahre, dann taten sich mehrere europäische Hersteller zusammen, um das Papier im gewünschten Format zu entwickeln und zu produzieren. Ilford Switzerland stellte fortan die sogenannte Direkt-Positivemulsion zu wirtschaftlich absolut nicht lukrativen Mengen speziell für Susanna Kraus her. Die Imago schlug ein. 2006, anlässlich des „Monats der Fotografie“ in Wien wieder in Betrieb genommen, zog sie eine spezielle Klientel an.
Psychoanalytiker waren fasziniert von diesem „geheimnisvollen Kasterl“, das dich im Spiegel mit deinem Echtbild konfrontiert. Susanna Kraus berichtete von zahlreichen intensiven Selbstdarstellungen.
Das sprach sich herum, die Imago ging auf Tournee: 2007 Gastspiel in einem Zelt des Zirkus Roncalli in München, 2008 Leihgabe für zehn Monate an das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe. Der damalige Direktor Peter Weibel und auch ZKM-Hausphilosoph Peter Sloterdijk waren begeistert von Idee und Apparat und nutzten die Gelegenheit für Selbstporträts.
Was aber ist das Besondere? Imago-Aufnahmen haben durch sehr gezielte Lichtführung, die begrenzte Tiefenschärfe, das individuelle analoge Material und das extrem schmale Hochformat einen großen Wiedererkennungswert. Susanna Kraus setzte die Kamera auch für besondere Kunstprojekte ein. Dafür tauchte sie ins Innere der Technik, machte den Apparat bereit für besondere technische Finessen, wie beispielsweise Langzeitbelichtungen.
Seit 20 Jahren hat die Kamera ihren festen Standort am Moritzplatz in Berlin – ein Anziehungspunkt für Prominenz und anonyme Gesichter gleichermaßen, ein demokratisches Auge für jeden, der sich ihm stellen mochte. Welcher Fotograf kann schon von sich sagen, Künstler wie Nick Cave, Wim Wenders, Devid Striesow, einen buddhistischen Mönch, ein nacktes Hochzeitspaar und Generationen von Interessenten, die einmal jährlich zum Familienfoto kamen, vor der Linse gehabt zu haben?
Susanna Kraus versucht, die Porträts bezahlbar zu halten und die Kamera nicht zur exklusiven Spielwiese für Wohlhabende und die eitle Prominenz werden zu lassen. Auch während der Aufnahme ist die Imago ein demokratischer Apparat. Der Kunde allein hat es in der Hand, wann er abdrückt. Er ist gleichzeitig Motiv und Regisseur des Bildes.
Hand in Hand mit der besonderen Technik produziert man ein Abbild von sich selbst, das man sonst so gut wie nie zu sehen bekommt und das einen womöglich schaudern lässt, wie es so subtil changiert zwischen Schärfe und Unschärfe, zwischen dem pulsierenden Leben und ewigen Stillstand.
„Eben dadurch, dass sie diesen einen Moment herausgreifen und erstarren lassen, bezeugen alle Fotografien das unerbittliche Verfließen der Zeit“, schrieb die Fotophilosophin Susan Sontag in ihrem Standardwerk „Über Fotografie“. Wie Nick Cave und manch anderer hätte sie wohl das Schwarze, das Magische, das Poetische an der Imago geliebt.
Leider endete die Liaison zwischen Susanna Kraus und ihrer Imago traurig: 2024 hatte sie sich entschlossen, das Erbstück des Vaters weiterzugeben, einen neuen, passenden Ort für diese Erfindung zwischen Jahrmarkt, Magie und Spitzenforschung zu finden. Sie suchte einen Käufer. Das gestaltete sich schwierig, solch ein analoger Apparat braucht ein adäquates Umfeld, er sollte nicht wieder 20 Jahre im Depot verschwinden. Im Frühjahr starb Susanna Kraus überraschend im Alter von 68 Jahren.
Jakob Kraus, der als Enkel und Sohn mit der Imago aufgewachsen ist und sie über Jahre hinweg technisch betreut hat, wäre der ideale Nachfolger. Aber Kraus selbst hat ein Bootsbau-Unternehmen in der Uckermark, er kann den Weiterbetrieb nicht aufrechterhalten. „Die Kamera ist nicht dafür gemacht, über Wochen hinweg stillzustehen und dann und wann ein Bild zu machen. Das geht schon wegen der Chemikalien nicht.“
Nun liegt es an ihm und seinem Bruder, einen Käufer für dieses lebensüberspannende Werk zu finden. „Es geht vor allem darum, dass die Kamera in gute Hände kommt. Mein Zwillingsbruder Paul und ich wollen wollen keine Millionen.“ Es gebe aber diverse Verpflichtungen, Susanna Kraus habe viel Forschung für den Weiterbestand betrieben. „Wir können den Apparat nicht für kleines Geld weggeben.“
Das Atelier im Aufbauhaus am Moritzplatz, wo die Kamera zurzeit steht, könnte auf Wunsch übernommen werden. Wenn der Käufer aber vom anderen Ende der Welt komme sollte, würden die Kraus-Brüder die Imago auch dorthin bringen und vor Ort in Betrieb nehmen.
Was möglichst nicht passieren sollte: Dass die Imago zum reinen Ausstellungsstück verkommt, sozusagen als Dinosaurier der analogen Fotografie.