Schon 1952 ist sie an den Start gegangen: Die britische Musikzeitschrift „New Musical Express“, kurz „NME“, hat die Popgeschichte begleitet und geprägt. Nun verschwindet sie vom Kiosk. Man konnte das schon länger kommen sehen.

London - Wenn Medienhäuser den Besitzer wechseln, bricht bei Redakteuren stets die Angst vor Entlassungen aus. Mitarbeiter der britischen Verlagsgruppe Time Inc. UK, der 57 Zeitschriften gehören, sehen ihre Befürchtungen nun sehr schnell bestätigt. Anfang vergangener Woche war bekannt geworden, dass die Private-Equity-Firma Epiris Time Inc. UK erworben hatte. Bereits am Mittwoch dieser Woche wurde bekannt, wer das erste Opfer der neuen Herren ist: die legendäre Musikzeitschrift NME. Die Print-Ausgabe des Wochentitels, dessen Abkürzung für New Musical Express steht, wird eingestellt, online soll er aber weiterleben.

Am Freitag erscheint die letzte gedruckte Ausgabe, fast genau 66 Jahre nach dem Start am 7. März 1952. Die Fans der Zeitschrift gaben ihr den Beinamen „The Bible“, Skeptiker waren genervt davon, dass das Blatt ständig Hypes kreierte und fixiert darauf war, britische Bands aufzutreiben, die man als die nächsten Kinks oder Smiths verkaufen konnte.

Politik und Verzweiflung

Ende der 1970er Jahre trug der NME maßgeblich dazu bei, dass sich Punk und New Wave etablieren konnten. In der Hochzeit des Thatcherismus politisierte sich die Zeitschrift: Gleich zweimal fand sich Neil Kinnock auf dem Cover, der von 1983 bis 1992 Vorsitzender der Labour Party war. Später wurde der NME zum Zentralorgan des Britpop, der Band Oasis waren allein 1997 sieben Titelgeschichten gewidmet. Mit dem Niedergang des Britpop begann aber auch der des NME.

Als die Auflage 2015 auf 15 000 Exemplare gesunken war, entschloss sich der Verlag, die gedruckte Ausgabe fortan kostenlos anzubieten: eine Verzweiflungstat. Das Ende hat zum Teil branchenstrukturelle Gründe. Man braucht schon lange keine Musikzeitschrift mehr, um sich über Musik zu informieren. Jeder Musikfan kann sich bei Spotify jeden neuen Tonträger anzuhören, bevor er ihn kauft - falls er überhaupt die Absicht hat, das zu tun.

Irgendwas mit Punk

Zum Teil sind die Gründe für den Niedergang aber hausgemacht. Seit 1989 hat die Zeitschrift zur kreativ maßgeblichen Popmusik der jeweiligen Gegenwart - Hip-Hop, Techno, R&B nebst Verzweigungen - nicht den richtigen Zugang gefunden oder finden wollen. Symptomatisch: Das Titelblatt der Ausgabe der vergangenen Woche zeigt Shame, eine dieser unspektakulären Irgendwas-mit-Punkbands, wie sie seit Jahrzehnten auf den Bäumen wachsen.