Der Eintritt betrug zehn D-Mark, der Begriff Heavy Metal war unbekannt, Angus Young zeigte seinen nackten Hintern: AC/DC spielten ihr erstes Konzert in Stuttgart 1977 im Siegle-Haus. Musiccircus-Chef Hans-Peter Haag, der es organisiert hat, erinnert sich.
Uwe Bogen
12.07.2024 - 06:00 Uhr
Hans-Peter Haag, damals Student des Bauingenieurwesens, hatte 1977 in Stuttgart gerade erst mit vier Partnern die Musiccircus GmbH gegründet. Da hörte er aus London davon, dass eine australische Band, die in England erste Erfolge feierte, in Deutschland touren wolle. „Wir wussten nicht, wie man ihre Musik einordnen sollte“, sagt der noch heute aktive Konzertveranstalter, „war das Punk oder was?“
Das Sieglehaus war damals beliebt für Rockkonzerte
Laut und heftig jedenfalls ging’s bei AC/DC zu, die ihren Namen nach der englischen Abkürzung für „Wechselstrom/Gleichstrom“ gewählt haben. „Den Begriff Heavy Metal gab’s damals nicht“, sagt Haag, der 47 Jahre später noch immer Chef des Musiccircus ist und nun erneut bei der Organisation eines Auftritts der Ausnahmeband beteiligt ist, zusammen mit den Kollegen von SKS Russ. Am kommenden Mittwoch, 17. Juli, spielen AC/DC auf dem Wasen, alle 80 000 Karten sind verkauft.
Damals war alles noch ein paar Nummern kleiner. Als Location wählte das junge Konzertbüro für den 28. September 1977 das Gustav-Siegle-Haus. Diese Bühne in der Altstadt war in den 70er und 80er Jahren sehr beliebt für Rockkonzerte – und duftete wie kaum ein anderer Veranstaltungsort nach Großstadt.
Eine Karte für AC/DC im September 1977 im Gustav-Siegle-Haus hat zehn D-Mark gekostet. Foto: privat
Ausverkauft war das erste Stuttgarter Konzert von AC/DC nicht. Der Eintritt von zehn D-Mark war relativ günstig für die damalige Zeit. Für Yes mussten 1977 bereits 20 D-Mark bezahlt werden. Heute kostet ein Stehplatz bei den Australiern auf dem Wasen 152 Euro. Froh waren die jungen Veranstalter, dass damals etwa 700 Leute ins Sieglehaus kamen. „Damit war’s etwa halb voll.“ Hans-Peter Haag erzählt, wie es damals war: „Angus Young wurde damals von Sänger Bon Scott auf den Schultern durchs Publikum getragen, die Hosen hat er auch damals schon runtergelassen.“
Angeblich war Angus Young damals erst 16 Jahre alt
In der Presseinfo der Plattenfirma WEA von 1977, die Haag für unsere Redaktion herausgesucht hat, steht: „Die Band-Mitglieder sehen aus, als wenn sie sich gerade in einem Kinder-Secondhand-Laden eingekleidet haben. Strampelhöschen, Ringelpullover, Baseball-Schuhe.“ Leadgitarrist Angus Young, ist weiter zu lesen, lege auf der Bühne etwa vier Kilometer zurück und spiele wie ein junger Gott. Die Plattenfirma behauptete damals, er sei 16. Sein größtes Ziel sei es, 17 zu werden und „eine Auswahl an Girls zu haben wie Hugh Hefner.“
Beim Alter habe die Plattenfirma „bissle gemogelt“, vermutet Hans-Peter Haag. Wäre Angus Young 1977 wirklich erst 16 Jahre alt gewesen, wäre er 1961 geboren. Tatsächlich ist sein Geburtsjahr 1955, wie heute in allen Biografien (wahrscheinlich wahrheitsgemäß) zu lesen ist.
Vor dem großen Wasenkonzert hat der Musiccircus-Chef die damalige Set-List mit der heutigen verglichen – und siehe da: Es gibt Übereinstimmungen, auch nach so langer Zeit! „Highway to Hell“ konnte 1977 noch nicht gespielt werden – dieser Hit wurde erst 1979 veröffentlich. Doch „Whole Lotta Rosie“ und „TNT“ finden sich 1977 wie auch 2024 im Tour-Repertoire von AC/DC.
Beim Konzert der Band 1977 im Siegle-Haus ging laut Hans-Peter Haag nichts zu Bruch, die Besucherzahl war okay, zu hohe Erwartungen hatte man ja nicht. Am Ende musste der Musiccircus nicht draufzahlen. Beim nächsten Konzert von AC/DC 1980 in Böblingen (in der Sporthalle, die es nicht mehr gibt), war Haag nicht dabei. Am selben Abend spielte Howard Carpendale in Heilbronn, um den er sich kümmern musste.
„Bon Scott lief mit Angus auf den Schultern direkt an mir vorbei“
Im Internetportal unseres Stuttgart-Albums erinnern sich etliche an den legendären Auftritt von AC/DC 1977 im Gustav-Siegle-Haus. Reinhard Jahnke schreibt: „ Ich war auch dabei. Bon Scott lief mit Angus auf den Schultern direkt an mir vorbei.“ Klaus Ollenburg glaubt, dass damals „höchstens 300 Leute da waren“, und erinnert sich: „Der Sound war einfach zu laut.“ Dan Peter ergänzt: „Die Anlage war für den Saal auch viel zu groß und laut.“ Und von Harry Spielvogel stammt diese Erinnerung: „Die etatmäßige Vorgruppe war ausgefallen und ersatzweise spielte dafür die Stuttgarter Band Cannock. Damals traten viele gute Gruppen im Siegle-Haus auf, etwa Ultravox und Dr. Feelgood. Oh meine Güte, ist das lange her!“
Wie gewohnt in Schuluniform: der Gitarrist Angus Young im Jahr 2010 auf dem Wasen. Foto: Factum
Weitere Auftritte von AC/DC in unserer Gegend: 1986 hat die Band nach 1980 ein zweites Mal in der Sporthalle Böblingen gespielt. In der Schleyerhalle war sie 1988, 1991, 1996 sowie im Jahr 2000 an zwei Abenden hintereinander. Auf dem Wasen spielten die Australier bereits im Jahr 2010. Damals kamen 65 000 Fans. In unserer Zeitung war zu lesen: „AC/DC sind ein Überbleibsel aus der Zeit, als man mit einer krächzenden Stimme, zwei Gitarren, drei Akkorden und einer ordentlichen Portion Rotzigkeit die Welt erobern konnte. Die haben auf dem Wasen ihre robust-solide Version davon vorgespielt, wie Rock’n’Roll klingen kann.“
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