Unter dem Namen „Südstatt“ firmieren seit 15 Jahren mehrere Label-Gründerinnen im Lehenviertel in Stuttgart. Sie teilen sich die Fläche eines früheren Lebensmittelladens.

Dunkelgraue Kacheln bestimmen das Bild der Fassade an der Römerstraße 50 im Stuttgarter Süden. Die Fliesen sind auch an den Wänden im Eingangsbereich allgegenwärtig. Anders als die um 1900 entstandenen und von den Fliegerbomben verschonten Gründerzeithäusern im Lehenviertel mit ihren Erkern, Türmchen und verzierten Fassaden herrscht an dieser Ecke der Liststraße eher der glattgeplättelte Keramik-Stil der Wiederaufbaujahre.

 

Als Kontrast zum uniformen Grau der Kacheln leuchtet über dem seitlichen Eingang und den Schaufenstern ein weinrotes Schild mit dem weißen Schriftzug „Südstatt – Ateliers & Verkauf“. Drinnen geht es eher bunt, vielfältig und kreativ zu. Die eine macht Mode, die andere schafft gefilzte Objekte, die dritte entwirft Schmuckstücke und fertigt sie von Hand. Manuela Dörr, Kathrin Großmann und Anna Bánkuti haben hier das passende Umfeld für ihre Ideen gefunden. Jede hat ihr eigenes Label und ihre eigene Werkstatt. Gleichzeitig nutzen sie die 150 Quadratmeter des früheren Tante-Emma-Ladens auch als Verkaufsraum.

Dabei sei das Vorhaben ursprünglich lediglich als „temporäres Ladenprojekt für fünf oder sechs Wochen an Weihnachten 2009“ geplant gewesen, berichtet Modedesignerin Manuela Dörr, die hier in den Räumen ihre eigene Kleider-Kollektion kreiert. „Doch dann hat uns der Vermieter ein Angebot gemacht, damit wir länger bleiben können.“ Und sie schlugen ein. So wurde aus einem kurzen Pop-up-Store-Intermezzo ein langfristiges Projekt. Im Dezember feiern die „Südstattlerinnen“, wie sie sich selbst nennen, ihr 15-jähriges Bestehen im Lehenviertel.

In der Tradition des Gründerzeitviertels

Der Begriff „Südstatt“ setzt sich aus dem Wort „Süden“ und der Endsilbe von „Werkstatt“ zusammen. Das passt zum ehemaligen Geist des Gründerzeitviertels. Hier gab es einst zahlreiche Werkstätten in den Hinterhöfen und im Vorderhaus betrieben Handwerker im Erdgeschoss ihre Läden. Die drei Geschäftsfrauen knüpfen mit ihrer Werkstatt und dem Laden an diese Ursprünge an. Neben der guten Lage an der Liststraße schätzen sie auch die hiesigen Bewohner, die die Talente der Südstatt-Betreiberinnen zu schätzen wissen und immer wieder kommen. Ein weiterer Faktor, um hierzubleiben, sei die günstige Miete: „Wir haben einen sozialen Vermieter. Er achtet darauf, dass wir hier auch leben können“, so Dörr.

Sie fühlen sich unter all den Künstlern, Musikern, Fotografen, Designern und Akademikern, die hier leben, sichtlich wohl. Aber die Tendenz, dass Ladenflächen, die frei werden, anschließend nicht mehr für den Einzelhandel oder das Kunsthandwerk genutzt werden, bereitet den Frauen auch Sorgen: „Als ich 2009 angefangen habe, gab es auch eine Ladenflaute, dann folgte mit dem Café List in der Nähe eine bessere Phase. Nun kippt es wieder ein bisschen“, konstatiert Manuela Dörr.

Anna Bánkuti, die erst seit vier Jahren dabei ist, ergänzt: „Wenn Leerstand entsteht, wird oft kernsaniert und dann ist die Miete für Laden-Betreiber kaum mehr bezahlbar.“ Dass einstige Läden mehr und mehr zu Büros umgewandelt werden, finden sie alle bedauerlich: „Wir sind darüber eher traurig“, sagt Kathrin Großmann. Denn dadurch nehme die ohnehin nicht üppige Laufkundschaft im Lehenviertel weiter ab.

Das sind die Südstattlerinnen

Kathrin Großmann stellt Fingerfiguren her. Sie erschafft Ensembles, aber auch Mobilés, Blumenampeln, Werke aus Wolle und Papier. Die Kunsttherapeutin verwendet gerne Naturfasern und Schafwolle, recycelt auch Stoffe. Sie sammelt Garne, Knöpfe, Perlen und Fundstücke und arbeitet sie in ihre Stücke ein.

Manuela Dörr hat mit „Vanouken“ eine eigene Linie als Modedesignerin geschaffen, entwirft und schneidert Stücke: „Ich mache sportive und eher schlichte Oberteile, auch Röcke oder Hosen. Das sind in erster Linie Wohlfühlsachen, markante Modestücke mit besonderen Details und in guter Qualität“, sagt die Mitgründerin.

Anna Bánkuti hat an der Stuttgarter Kunstakademie studiert und Schmuckdesign in Pforzheim. Der Grundgedanke bei ihrer Linie „Anzu“ sei, Schmuck und Kunst miteinander zu verbinden. „Ich mache erst den Entwurf und zeichne jedes Stück von Hand. Später wird der Schmuck als Unikat bei mir in der Werkstatt handgefertigt“, sagt sie.