Auf der einen Seite 205 Grundschülerinnen und -schüler, knapp 80 Prozent mit sogenanntem Migrationshintergrund. Auf der anderen Seite die Lehrerinnen und Lehrer, über 80 Prozent ohne sogenannten Migrationshintergrund. Eine krasse Asymmetrie – und doch ein mutmaßlich guter Schnitt an der Grundschule Esslingen-Mettingen; offizielle Zahlen werden zu dem Thema ja keine erhoben. Zudem zählt in Mettingen zu den drei migrantischen Lehrkräften im 17-köpfigen Kollegium die Chefin selbst – bislang eine große Seltenheit, dass eine Schulleiterin für die Schüler „eine von uns“ ist. Für 100 Prozent der Schüler, wohlgemerkt. Darauf legt Efrosini Caravassili wert, kommissarische Rektorin der Mettinger Grundschule. Überhaupt ist die polarisierende Sichtweise der einen und der anderen Seite so gar nicht ihr Ding.
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Auch dann nicht, wenn es um die Frage geht, ob es mehr Lehrer mit Migrationshintergrund braucht; eine Frage, wie sie der Landesverband der kommunalen Migrantenvertretungen (Laka) unlängst gestellt und gleich auch beantwortet hat: Selbstverständlich braucht es mehr. Was Caravassili nicht bestreitet. Aber: Entscheidend für die ins Feld geführten pädagogischen Vorteile, etwa beim Spracherwerb, sei in erster Linie „die Qualität des Unterrichts“, nicht die Abstammung des Lehrers.
Wichtige Rolle als Vorbild
Ein Anstoß für die Laka-Forderung ist eine Studie des RWI-Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung. Befund der Untersuchung aus dem Jahr 2020: Alle Schülerinnen und Schüler profitieren, wenn auch in unterschiedlichem Maß, von Lehrkräften mit Migrationshintergrund. Neben den in Zensuren einfließenden Fähigkeiten etwa im Umgang mit der Sprache hebt die Studie besonders die Vorbildrolle dieser Lehrkräfte hervor. Über diese Rolle kommt dann ins Spiel, was Caravassili „positive Bindung zwischen Schülern und Lehrer“ nennt. Und dabei könne die Herkunft der Lehrerin, des Lehrers denn doch ins Gewicht fallen: „Das Wissen, wie es ist, in zwei Welten und zwei Sprachen aufgewachsen zu sein, wirkt auf die Schüler vertrauensbildend. Und das stärkt vor allem die zweisprachigen Kinder in der Suche nach ihrer Identität.“ Migrantische Lehrkräfte seien eben die besten Beispiele dafür, dass kulturelle und soziale Vielfalt nicht in das „Normale“ und das „Andere“ zu sortieren ist, sondern einen Gewinn für alle bedeutet.
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„Deutsch als Zweit-, nicht als Fremdsprache“
In der Pädagogenszene steht die Mettinger Rektorin mit diesen Überzeugungen beileibe nicht alleine da. Corina Schimitzek, Leiterin des Staatlichen Schulamts Nürtingen, kann „die Forderung nach mehr Lehrkräften mit Migrationshintergrund nur begrüßen“ – ausdrücklich auch „in höheren Funktionsstellen wie Rektorat oder Konrektorat“. Ein Anliegen, das sie auch an die betreffenden Lehrkräfte selbst richtet: „Ich würde mir wünschen, dass aus diesem Kreis mehr Interesse kommt, in höheren Positionen Verantwortung zu übernehmen.“ Für Schimitzek geht es vor allem darum, dass „mehr Migranten sichtbar werden als erfolgreiche Vermittler von Bildung.“ Auch sie verweist auf die „Vorbildfunktion“ von Lehrkräften mit Migrationshintergrund, auf die „Fähigkeit zur Einfühlung“ von Doppelsprachlern beim Unterrichten „von Deutsch als Zweit-, nicht als Fremdsprache.“
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Von Nachbarn mit Büchern versorgt
Genau so hat auch Efrosini Caravassili die Sprache des Landes gelernt, in dem sie geboren wurde. Griechisch ist ihre Muttersprache und war einzige Sprache, die zuhause gesprochen wurde. Eine Erzieherin im Kindergarten, eine Grundschullehrerin und Nachbarn, die sie mit Büchern versorgten, waren prägende Personen auf dem Weg zu einem Spracherwerb, der zu einem perfekten und völlig akzentfreien Deutsch führte. Natürlich ist auch das vorbildlich – mit ganz pragmatischen Vorteilen: Zum einen sei „bei den Schülern, vor allem aber bei den Eltern mit Migrationsgeschichte die Hemmschwelle niedriger, auf mich zuzugehen, wenn sie ein Anliegen haben“. Akzeptiert werde sie von allen, unabhängig vom nationalen Herkommen, Anfeindungen habe sie noch nie erlebt. Zum andern sensibilisiere die Erfahrung der Zweisprachigkeit für die Gestaltung einer „sprachanregenden Lernumgebung“, von mehrsprachigem Unterrichtsmaterial bis zu Bibliotheksbesuchen. Für die Herausbildung also von Schlüsselfähigkeiten für den Sprung auf weiterführende Schulen.
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„Es geht um Chancengerechtigkeit“
In den Gymnasien nimmt der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund zwar ab, der der Lehrer aber geschätzt noch mehr: „Es gibt nur wenige“, sagt Jörg Leihenseder, der geschäftsführende Schulleiter der Esslinger Gymnasien, der sich durchaus wünschen würde, dass sich „die Pluralität in der Schülerschaft auch in der Lehrerschaft“ spiegelt. Braucht es also gezielte Maßnahmen, wie sie der Laka von der Politik fordert, um junge Menschen mit migrantischer Geschichte zum Lehrerberuf zu veranlassen? Für Caravassili muss eher die Chancengerechtigkeit in den Mittelpunkt gestellt werden, sodass mehr Kinder mit Migrationshintergrund eine erfolgreiche Bildungsbiografie absolvieren. Vielleicht werde dann auch die Zahl derer steigen, die sich für ein Lehramtsstudium entscheiden Gegenüber Anwerbeslogans ist Caravassili skeptisch: „Ein Berufswunsch kann nicht von außen kommen.“
Keine Zahlen, eine Studie
Keine Erhebung
Wie viele Lehrkräfte mit Migrationshintergrund in Baden-Württemberg unterrichten, ist unbekannt. Weder das Regierungspräsidium noch das Kultusministerium erheben Zahlen.
Schüler
Bekannt ist indes die Zahl der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund, sofern man die enge Definition der amtlichen Schulstatistik zugrunde legt (nicht in Deutschland geboren oder Deutsch ist nicht Muttersprache oder ausländischer Pass). In Esslingen haben demzufolge 46 Prozent der Grundschüler, 50 Prozent der Gesamtschüler, 65 Prozent der Realschüler und 25 Prozent der Gymnasiasten einen Migrationshintergrund. In den Berufsschulen des Landkreises schwankt der Anteil je nach Schule zwischen 17 und 54 Prozent.
Positive Wirkung
Laut einer Studie des RWI-Leibniz-Instituts von 2020 haben Lehrkräfte mit Migrationshintergrund insbesondere eine positive Wirkung auf die Lesefertigkeit der Schülerinnen und Schüler. Sie übertrifft andere Faktoren wie das Geschlecht (Mädchen haben beim Lesen einen Vorsprung vor Jungen) oder den Unterschied zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund.