Lehrer werden ohne Abi Direkteinstieg in den Lehrberuf – „Die beste Zeit meines Lebens“

Neues lernen gehört zur Ausbildung dazu: Jule Harfmann (links) hat viel neues Wissen im künstlerischen Bereich erworben, Alicia Heinz spielt jetzt Klavier. Foto: Fachseminar Kirchheim/Teck/Torsten Wenzler/privat

In Baden-Württemberg kann man ohne Abitur und Studium Fachlehrkraft werden. Zwei Frauen aus Stuttgart berichten von ihrer Motivation, ihren Erfahrungen und den Perspektiven.

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Man merkt Jule Harfmann die Begeisterung für ihren Job an. Die 23-jährige Stuttgarterin absolviert derzeit ihr Praktikum an der Brunnenrealschule in Bad Cannstatt. Nach den Sommerferien wird sie dort ihr Referendariat antreten und die Schülerinnen und Schüler in den Fächern Sport sowie Alltagskultur und Gesundheit unterrichten. Authentizität und eine gute Lehrer-Schüler-Beziehung, ein abwechslungsreicher Unterricht und moderne Methoden sind ihr dabei besonders wichtig. „Für diesen Job sollte man Herzblut mitbringen. Denn die Schüler merken es, wenn man selbst nicht motiviert ist“, sagt Jule Harfmann.

 

Lehrerin werden, war aber nicht immer ihr Berufsziel. Jule Harfmann machte nach ihrem Realschulabschluss eine Ausbildung zur Diät-Assistentin und Ernährungstherapeutin. Doch nach einiger Zeit in diesem Job habe sie gemerkt, „dass es mir schwerfällt, immer mit kranken Menschen zusammenzusein“. Was ihr an ihrer Arbeit stets besonders gefallen habe, sei der pädagogische Aspekt. „vor allem Kindern habe ich gerne Wissen vermittelt. Darum werde ich nun Lehrerin“, sagt sie.

Was es für die Ausbildung zum Fachlehrer braucht

Normalerweise führt der Weg über das Abitur und ein Studium ins Referendariat und dann in den Schuldienst. In Baden-Württemberg gibt es aber seit einigen Jahren auch spezielle Ausbildungswege zum Lehrerberuf ohne Hochschulstudium. Dafür benötigt man einen mittleren Bildungsabschluss und eine abgeschlossene Berufsausbildung. In einer dreijährigen bezahlten Vollzeitausbildung kann man dann Fachlehrer werden.

Zu diesem Schritt entschied sich auch Alicia Heinz. Bis dato sei ihr berufliches Leben bunt gewesen, erzählt die 28-jährige Stuttgarterin. Nach dem Realschulabschluss begann sie eine Ausbildung zur Schauspielerin und Musicaldarstellerin. Zu Ende brachte sie diese nicht, weil sie schwanger wurde. Anschließend machte sie eine Ausbildung im Textilbereich und schloss diese als staatliche geprüfte Designerin für Mode ab. Danach arbeitete sie im Verkauf und studierte noch zwei Semester Kindheitspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg.

„Ich bin schon immer gern mit Kindern zusammen gewesen. Die Arbeit im Kindergarten vor und während meines Pädagogikstudiums hat mir dann auch großen Spaß gemacht. Aber zu 100 Prozent gepasst hat es nicht“, sagt Alicia Heinz. Von einer Freundin habe sie vom Direkteinstieg in den Lehrerberuf erfahren. „Ich wusste vorher nicht, dass es so etwas gibt, und war total baff.“

Fachlehrkräfte werden in Baden-Württemberg in folgenden Fächern ausgebildet:

  • Bildende Kunst
  • Musik
  • Sport
  • Technik
  • Alltagskultur und Gesundheit – in der Schule entspricht das dem Kernfach Alltagskultur, Ernährung, Soziales (AES)

Alicia Heinz wählte die Fächer Alltagskultur und Gesundheit sowie Musik. Bei diesen habe sie die Möglichkeit, Wissen aus ihrem bisherigen Ausbildungs- und Berufsleben einzubringen. Aber sie muss auch viel Neues lernen, so zum Beispiel Klavier als Begleitinstrument. Doch auch da kann sie auf Vorkenntnisse aufbauen, denn die 28-Jährige spielt Geige und hatte während ihrer Ausbildung zur Musicaldarstellerin Musiktheorie. Trotzdem: „Sich hinsetzen und üben, muss man schon regelmäßig“, sagt Alicia Heinz. Doch insgesamt fällt den beiden jungen Frauen das Lernen leichter als früher in der Schule. Weil man genau wisse, wofür man es mache, sagt Jule Harfmann.

Enge Verzahnung von Theorie und Praxis

In ihrer Entscheidung bestätigt fühlt sich Alicia Heinz vor allem an ihren Unterrichtstagen. Der Quereinstieg in den Lehrerberuf zeichnet sich durch eine enge Verzahnung von Theorie und Praxis aus. Alicia Heinz ist am Ende des ersten Ausbildungsjahrs und unterrichtet bereits regelmäßig an der Haldenbergrealschule in Uhingen. „An den Praxistagen können wir das, was wir theoretisch lernen, gleich anwenden. Da merke ich, dass mir das wirklich Spaß macht“, erzählt sie. Mulmig ist ihr vor diesen Unterrichtsstunden nicht. Denn die angehenden Lehrkräfte würden gut darauf vorbereitet und anschließend ein breites Feedback bekommen. „Außerdem habe ich derzeit wirklich Bilderbuchklassen“, sagt Alicia Heinz und lacht.

Sie ist davon überzeugt, dass Quereinsteiger sowohl für die Schülerinnen und Schüler, als auch für die künftigen Kolleginnen und Kollegen einen Mehrwert bringen. „Die meisten von uns kommen aus der Wirtschaft und haben damit einen anderen Blick auf manche Dinge. Außerdem bringen wir Berufs- und Lebenserfahrung mit, das kann nur von Vorteil sein“, sagt sie. Das sieht Jule Harfmann ähnlich. Sie ergänzt: „Jede und jeder von uns bringt Spezialwissen mit, von dem eine Schule profitieren kann, zum Beispiel in Form von besonderen AGs. Wir haben sogar einen Goldschmied.“

Schlechte Erfahrungen, dass sie als Quereinsteigerin von anderen nicht anerkannt wird, hat Alicia Heinz noch nicht gemacht. „Lehrer werden gebraucht, ich denke und hoffe, dass man uns als Entlastung wahrnimmt“, sagt sie. Jule Harfmann fügt hinzu: „Und wenn man sich genau an den Schulen umhört, sind es gar nicht wo wenige, die über den Quereinstieg in den Lehrerberuf gekommen sind.“

Gute Perspektiven und Verdienstmöglichkeiten

Attraktiv ist das auch, weil die Perspektiven gut sind. So bekommen die Quereinsteiger nicht nur während ihrer Ausbildung ein Gehalt. Wer die Ausbildung abschließt, hat zudem gute Perspektiven, in den Schuldienst des Landes übernommen zu werden – und zwar bis zum nicht vollendeten 42. Lebensjahr meist im Beamtenverhältnis, sonst im Angestelltenverhältnis. Quereinsteiger unterrichten meistens an einer Haupt-, Real- oder Gemeinschaftsschule oder einer beruflichen Schule; nur selten werden sie an Grundschulen oder Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) und fast nie am Gymnasien eingesetzt. Fachlehrkräfte verdienen etwas schlechter als ihre studierten Kolleginnen und Kollegen. Nach frühestens zwölf Jahren können sie in den Tarif für Grundschullehrkräfte oder für Lehrkräfte in der Sekundarstufe I aufsteigen.

Am Pädagogischen Fachseminar in Kirchheim/Teck wird in einem ehemaligen Schloss gelehrt und gelernt. Foto: Torsten Wenzler/Fachseminar Kirchheim/Teck

In Baden-Württemberg gibt es vier Fachseminare, an denen man ohne Abi und Hochschulstudium eine Ausbildung zur Lehrkraft absolvieren kann. Alicia Heinz und Jule Harfmann sind am Pädagogischen Fachseminar in Kirchheim/Teck. Dort wird in einem ehemaligen Schloss gelehrt und gelernt. „Das Ambiente ist wirklich atemberaubend. Und die Stimmung ist super. Viele von uns sind sich einig, dass die Zeit in Kirchheim/Teck die bisher beste in unserem Leben ist“, sagt Jule Harfmann.

Tag der offenen Tür und Infonachmittag

Termine
Das Seminar für Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte in Kirchheim unter Teck lädt am Freitag, 11. Juli, von 14 bis 18 Uhr zu einem Tag der offenen Tür ein. Die nächste Informationsveranstaltung zum Thema „Fachlehrer werden ohne Abitur“ findet am Donnerstag, 4. September, von 15 bis 17 Uhr im Berufsinformationszentrum, Nordbahnhofstraße 30-34, statt. Eine Anmeldung unter eveeno.com/lehrer_in-werden-ohne-abitur ist erforderlich.

Ministerium
Weitere Informationen über die Lehrerausbildung ohne Studium, die möglichen Fächer und Ausbildungsorte sind auch auf der Internetseite des Kultusministeriums Baden-Württemberg zu finden.

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