Lehrerfortbildung in Baden-Württemberg Das Klima im Klassenzimmer ist entscheidend

Schule muss Spaß machen, dann ist der Lernerfolg am größten, meint der Bildungsforscher John Hattie. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Wie wichtig ist die Atmosphäre im Klassenzimmer für den Lernerfolg? Die Frage spielte beim ersten Schulleitersymposium des Landes in Heilbronn eine Hauptrolle.

Politik/Baden-Württemberg : Bärbel Krauß (luß)

Für manche der 1200 Rektoren aus Baden-Württemberg war es sicher starker Tobak, was sie beim ersten Schulleitersymposium des Landes an diesem Montag zu hören bekommen haben: Die Klassengröße spielt keine Rolle für den Lernerfolg der Schüler. Auch die nächste Lehrplanrevision oder Strukturreform ist nach Meinung des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie eher irrelevant. Entscheidend für den Lernerfolg der Schüler ist aus seiner Sicht dagegen die Atmosphäre im Klassenzimmer, die jeder Lehrer selbst erzeugt.

 

Mit Bildungsforscher Hattie den Lernort Schule neu denken

Hattie ist der Hauptredner, den Thomas Riecke-Baulecke, der Chef des Zentrums für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) zu diesem ersten, gemeinsam mit der Akademie für Innovative Bildung und Management (AIM) in Heilbronn veranstalteten baden-württembergischen Schulleitersymposium eingeladen hat. Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) räumte schon zum Einstieg ein, dass Schulleiter in den aktuell unsicheren Zeiten mit Weltkrisen aller Art bis hin zur Tatsache, dass der „Ampel das Licht ausgegangen ist“, einen der schwierigsten Führungsjobs überhaupt auszuüben hätten. Schulen, so Schopper, seien komplizierte Organisationseinheiten.

Mit seinen Thesen bürstete Hattie die in Deutschland übliche Bildungsdiskussion, die stark um fehlendes Geld, Lehrermangel und die Fragen der Schulstruktur kreisen, ziemlich gegen den Strich. Der Neuseeländer ist nicht irgendein Bildungsforscher: Sein 2009 erstmals erschienenes Werk „Visible Learning“, das die Wirksamkeit von Maßnahmen für den Bildungserfolg aufgrund von mittlerweile 2400 Studien mit fünf Millionen Schüler weltweit systematisch evaluiert hat, hat die Bildungsforschung rund um den Globus beeinflusst.

Vom Computerspiel für den Unterricht lernen

Als charismatischer Redner erwies Hattie sich in Heilbronn ebenfalls. „Ich bekomme oft zu hören: Meine Schule ist anders. Meine Klasse ist anders“, rief er gleich zu Anfang in den voll besetzten Saal. „Aber ich sage Ihnen: Das spielt überhaupt keine Rolle.“

Es gelang dem Pädagogen spielend, die Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Arbeit in launische Thesen zu übersetzen. These eins: Es gebe wenige Einflussfaktoren, die das Lernen echt negativ beeinflussen. Schüler als wenig leistungsfähig abzustempeln, gehöre dazu. Deshalb verhehlt Hattie nicht, dass er sich am deutschen Schulsystem mit seiner tradierten Gliederung reibt. „Meiner Meinung nach, sollte in Deutschland jede Schule ein Gymnasium sein, damit nicht schon Neun- oder Zehnjährige von der Chance ausgeschlossen werden, bestimmte Dinge überhaupt zu lernen.“ These zwei: Während Langeweile der größte Feind der Lehrkräfte sei, sei großes Zutrauen in die Leistungsfähigkeit der Schüler die beste Herangehensweise, um ihren Lernerfolg zu steigern. These drei: „Schüler müssten spüren, dass ihr Lehrer sich für ihren Lernerfolg interessiert.“ Das ist in seinen Augen der zentrale Faktor für erfolgreichen Unterricht. „Ganz ähnlich wie beim Computerspiel Angry Birds müssen wir Schülern Appetit machen auf die nächste Herausforderung, damit sie den nächsten Schwierigkeitsgrad meistern.“ Das Symposium soll künftig alle zwei Jahre stattfinden, kündigte Thomas Riecke-Baulecke an.

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