Lehrerin Caro Blofeld über das Schulsystem „Wir müssten eigentlich die ganze Hütte abreißen und neu bauen“

Motörhead-T-Shirt, Lederjacke: Caro Blofeld sieht nicht aus wie eine typische Lehrerin. Aber was ist schon typisch? Die 38-Jährige unterrichtet an einer Berufsschule. Foto: S’moove Design

Caro Blofeld ist Lehrerin aus Leidenschaft. Sie liebt Heavy Metal und nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um den Zustand der Schulen geht. Für sie ist klar: Digitalunterricht darf keine Übergangslösung sein.

Stuttgart - Caro Blofeld mag Metal, schreibt Bücher, twittert häufig und gibt im Netz Einblicke in die geheimnisvolle Welt des Lehrerzimmers. Doch wie sieht die 38-Jährige eigentlich die aktuelle Situation? Im Interview erklärt sie, was sie viel mehr fürchtet als Lernlücken, was in der öffentlichen Debatte falsch läuft und warum Onlineunterricht nach Stundenplan die Hölle ist.

 

Hallo, Frau Blofeld. Das Kultusministerium wiederholt ja immer wieder, dass es alles tut um die Klassenzimmer im aktuellen Schuljahr sicher zu machen. Wie sicher ist das Schuljahr 2021/22.

Alles ist ja subjektiv. Wenn das Land alles tut, was es kann, finde ich, dann ist da noch Luft nach oben. Unter alles verstehe ich ein bisschen mehr. Fenster öffnen und testen – das ist in meinem Fall alles.

Wie war ihr eigener Schulstart?

Echt unspektakulär. Ich hatte es mir aufregender vorgestellt. Im Grunde sind wir genauso so gestartet, wie wir im letzten Schuljahr aufgehört haben.

Das Thema Luftfilter bietet Stoff für ein Drama. In Stuttgart erhalten erst einmal 250 schlecht lüftbare Klassenzimmer Luftfilter, weitere folgen. Der Haken: Die ersten Geräte werden im Oktober geliefert.

Das reicht einfach nicht. Klar, über die Finanzverteilung kann man viel diskutieren, es gibt verschiedene Töpfe und die Lufthansa (Anmerkung der Redaktion: Der Konzern hat aktuell vier Milliarden Euro an Corona-Staatshilfen abgerufen) ist nicht die Schule. Für mich ist das trotzdem ein Missverhältnis. Ich habe ganz aktuell gelesen, dass im Landtag Besuche von Schulklassen noch nicht möglich sind. Wenn die Schulen jetzt sichere Orte sind, die keine Luftfilter brauchen, warum dürfen dann Schüler nicht in den Landtag, obwohl dort sogar Luftfilter installiert sind?

Wie groß ist denn ihre Angst vor einem erneuten Lockdown oder ist die Angst vor einer Durchseuchung der Schülerinnen und Schüler sogar noch größer?

Ich denke nicht, dass es in meinem Bereich bei den weiterführenden Schulen zu einem Lockdown kommt. Die einfache Begründung: Alle Schüler hatten ein Impfangebot, ob sie das wahrnehmen oder nicht, liegt in deren Eigenverantwortung. Ich habe aber auch die große Befürchtung, dass sich alle anstecken, die es noch nicht hatten oder geimpft sind.

Haben Sie schon Döner (Anmerkung der Redaktion: der Vorschlag von GEW-Chefin Monika Stein) an ihre Schüler verteilt?

Nein, wir als Schule halten uns da raus. Das dürfen wir nicht. Nach meinem Eindruck weist die Altersgruppe, die sich impfen lassen darf, mittlerweile einen Impfschnitt auf, der in manchen Gegenden höher ist als der Bundesdurchschnitt. Die jungen Leute sind offenbar gescheiter als die großen.

Wie gehen sie damit um, dass Lehrer ihrem Arbeitgeber sagen müssen, dass sie geimpft sind?

Ich wüsste nicht, dass das im Lehrerzimmer ein großes Aufregerthema ist. Ich persönlich finde das richtig. Ich habe Verantwortung für meine Schüler, wenn die noch nicht geimpft sind. Impfen ist keine Privatsache, vor allem nicht in unserem Job, auch wenn ich mich mit dieser Aussage bei vielen unbeliebt machen werde.

Egal, ob Masken- oder Testpflicht. Die Vorgaben haben sich häufig und sehr kurzfristig geändert. Treibt das einen als Lehrer nicht zur Verzweiflung?

Ja, das hat mich am meisten belastet. Die Schüler fragen schließlich nach. Die haben, egal wie alt sie sind, das Grundvertrauen in die Lehrkraft, dass die weiß, was zu tun ist. Es ist wahnsinnig belastend, wenn man Schülern und Eltern am Freitag nicht sagen kann, was am Montag passiert. Oftmals sind die Vorgaben schlicht nicht umsetzbar. Räumlich war vieles zum Beispiel gar nicht möglich, vielleicht in einer Grundschule mit acht Klassen, aber nicht in einem großen Berufsschulzentrum.

Ist die Hoffnung da, dass es im neuen Schuljahr besser wird?

Es hat ja schon wieder sehr verwirrend angefangen. Ende August gab es eine Verordnung, am 13. September zum Schulstart kam schon wieder eine neue. Ich hoffe, dass, wenn wir ab dem 27. September dreimal in der Woche testen müssen, auf lange Sicht mal keine Änderung kommt. Und da spreche ich von einem Monat, vielleicht zwei.

Wie groß sind denn die Lernlücken eigentlich wirklich?

Das Schuljahr hat ja erst vor einer Woche angefangen. Wir hatten das Glück, dass wir sehr stabilen Online-Unterricht hatten. Natürlich fallen da Schüler durchs Raster. Das liegt aber oft an der fürchterlich schlechten Datenanbindung. Das sind dann oft die Schüler, die im System Schule mit zu vollen Klassen, zu wenig Lehrkräften und zu wenig Zeit im Präsenzunterricht auch große Probleme bekommen hätten. Bei mir ist so gut wie gar kein Unterricht ausgefallen, aber es ist schon ein Defizit spürbar, aber eher sozialer Art. Viele schlimmer als vermeintliche Lernlücken finde ich, den Druck von außen, der jetzt kommt und den Schülern sagt: „Ihr habt soviel verpasst. Ihr müsst, ihr müsst, ihr müsst.“

Das Land betreibt viel Aktionismus, was die Lernlücken betrifft. Was würde denn wirklich weiterhelfen – abseits des fehlenden Personals?

Die Pandemie hat bei Schülern psychische Spuren hinterlassen. Ich finde es gehören langfristig mehr Sozialarbeiter an alle Schulen. Ich habe in anderen Ländern in Europa gesehen, was es ausmacht, wenn es an jeder Schule ein stabiles Netz an Schulsozialarbeitern, Schulpsychologen und Gesundheitspersonal gibt. Ich verstehe nicht, warum wir das in Deutschland nicht haben. In der kurzen Zeit als wir Wechselunterricht und geteilte Klassen hatten, habe ich gemerkt, wie positiv sich das auswirkt. Kleine Klassen fördern das Lernklima ungemein. Da meine ich 10 bis 15 Schüler. Da habe ich in einer Stunde mehr geschafft, als in manchen Klassen in einer Woche.

Hat da jeder Schüler profitiert davon?

Ja, man hat mehr Zeit für alle. In einem Lernklima der Ruhe helfen sich die Schüler auch gegenseitig. Man bemerkt auch viel schneller, wo die Defizite sind.

Immerhin hat man die Wichtigkeit von Präsenzunterricht erkannt. Gerade die Politik hielt oft wenig vom Fernunterricht, obwohl das einige Schulen grandios gemeistert haben. Warum sieht man immer nur die Risiken des Digitalunterrichts und nie die Chancen und tut sich so schwer damit?

Weil es Geld kostet. Datenschutz ist natürlich wichtig. Man kann aber nur auf Datenschutz pochen, wenn man alternative Möglichkeiten anbietet und die gibt es eben nicht. Moodle hin oder her. Ich erwarte, dass nun vor allem bei jüngeren Schülern der große analoge Rollback kommt, dass das Digitale da wieder komplett verschwindet. Bei uns an der Schule nicht, weil wir als Berufsschule schon vorher sehr gut ausgestattet waren. Der Datenschutz bremst manches aus. Aber das ist kein Grund, wenn man wirklich wollen würde, dann hätte man da schon längst eine Lösung gefunden.

Es gibt ja bislang auch keine Lernplattform und ein richtiges Konzept ist nicht erkennbar.

Das fängt ja schon in der Lehrerbildung an. Manche bilden Referendare ganz toll aus, andere wiederum bereiten ihre Referendare auf eine Zeit vor, wenn das Digitale endlich wieder weg ist. Das ist die falsche Herangehensweise. Klar, es musste aufgrund der Pandemie ganz schnell gehen und dann war das oft kränklich. Viele sehen es jetzt immer noch als Übergangslösung und das sollte es nicht sein. Man sollte zu einem Hybrid-Modell kommen – nicht nur bei den älteren Schülern.

Wie sieht es in ihrem Umfeld aus?

Ich finde Präsenzunterricht auch geil. Es gibt aber auch schlechten Präsenzunterricht, genau wie schlechten Digitalunterricht. Der beste Unterricht ist immer der, mit dem man dem einzelnen Schüler gerecht wird. Wer es frei und eigenständig mag, der fand den Digitalunterricht total toll, aber nur, wenn er nicht nach Stundenplan stattgefunden hat. Onlineunterricht nach Stundenplan ist die Hölle. Jeder der schon mal länger als zwei Stunden in einer Onlinekonferenz war, der weiß, wovon ich spreche. Acht Stunden am Tag vor dem Computersitzen geht nicht. Von vielen war das die Wunschvorstellung: Wir bilden den Stundenplan eins zu eins ab. Das will ich nie wieder. Ich bin großer Fan von Onlineunterricht, aber so funktioniert es nicht.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit Tabletklassen ?

Wir haben schon seit Jahren Tabletklassen im beruflichen Bildungswesen. Das darf aber nicht heißen: „Wir statten die Schüler mit digitalen Endgeräten aus. Und man macht halt das, was man vorher analog gemacht hat, nun mit dem Tablet. Wir brauchen neue Bildungspläne, neue Didaktiken, eine neue Methodik, Fortbildungen – eine ganz andere Herangehensweise. Das gibt es aber derzeit alles nicht. Es ist digitale Kosmetik, was gerade passiert.

Jeder oder Jede, die mal in der Schule war, weiß genau, wie es eigentlich besser geht. Auf die Experten vor Ort hört man nicht. Warum eigentlich ?

Wenn man das täte, würde man die Büchse der Pandora öffnen. Das Feedback, das kommen würde, wäre gar nicht schön. Natürlich kann man sich vieles schönreden. Aber egal, an welcher Schule man ist: 99,9 Prozent der Räume sind eben nicht querlüftbar, in ganz vielen Räumen gehen die Fenster nicht mehr richtig auf. 99 Prozent der Schulen haben kein stabiles WLAN, viele haben nicht mal eine Internetanbindung. Das wäre nichts, was man bis zur nächsten Wahl beheben kann. Man hat das zu lange liegenlassen. Das ist mit dem Hausputz vergleichbar. Wenn man zu lange nichts macht, dann ist es irgendwann so dreckig, dass man gar nicht mehr weiß, wo man anfangen soll. Man möchte im System Schule immer nur kurz mal durchwischen und den ein oder anderen Fleck wegmachen. Wir müssten eigentlich die ganze Hütte abreißen und neu bauen. Das will natürlich keiner.

Das Geld ist immer entscheidend. Aber gibt es denn eine Maßnahme, die wirklich was bringen würden?

Ich finde es schön, wenn mal in der öffentlichen Debatte ankommt, dass es nicht die Schule gibt. Man hätte am Anfang der Pandemie differenzieren müssen. Nach dem Motto: Wir lassen die Grundschulen offen, weil die kleinen Kinder das brauchen, sorgen dafür, dass diese Schulen sicher sind und die über 16-Jährigen können wir zumindest zum Teil in den Digitalunterricht schicken. Nein, es muss immer alles in eine Debatte gesteckt werden: die Schule, die Lehrkräfte, die Kinder. Ich unterrichte aber gar keine Kinder.

Sie haben kürzlich ihr zweites Buch „Goethe würde Metal hören“ veröffentlicht und sie sind bekennender Metal-Fan. Wie viel Heavy Metal steckt denn in der Schule oder ist das immer noch zu viel Volksmusik?

Das meiste Heavy Metal sind die Schüler - und das Lehrerkollegium. Aber es ist doch noch viel Volksmusik, Schlager vor allem. Es wird immer das verkauft, was der Masse taugt und das ist immer das Lied von „Alles ist in Ordnung, schöne heile Welt“ und das ist eben nicht Heavy Metal.

Trotzdem scheinen Sie richtig Spaß an ihrem Job zu haben?

Auf jeden Fall. Deswegen rege ich mich wahnsinnig über so Debatten auf, man müsste die Lehrpläne entrümpeln. Da denke ich immer, habe ich die ganzen Jahre nur Sperrmüll unterrichtet. Die Fächer, die ich unterrichte, liebe ich, da habe ich wirklich Bock drauf. Mich in dem engen System Schule trotzdem frei entfalten zu können, ist toll.

Auch wenn die Baustellen groß sind. Die Musik spendet ja oft ein bisschen Trost und Ablenkung. Welche Metal-Songs helfen da aktuell weiter?

Das Motto der Stunde im Bildungssystem ist sicherlich, „... And Justice for All“ von Metallica. Gerecht ist aber nicht, wenn es allen gleich schlecht geht. „Angry Again“ von Megadeth habe die ich letzten Monaten viel gehört. Heute erst lief „Future World“ von Helloween Im Radio, um was Positives zum Abschluss zu nennen.

Wer ist Caro Blofeld?

Metal und Schule
Die 38-Jährige hat Geschichte und Germanistik auf Lehramt studiert und unterrichtet seit zehn Jahren an einer beruflichen Schule in Ostwürttemberg. Den Namen ihrer Schule nennt sie bewusst nicht. Für diese zu sprechen, stehe ihr als einfache Lehrkraft auch gar nicht zu, sagt Blofeld. Sie ist auf Twitter aktiv, kommentiert dort rege unter anderem Schulthemen, zeichnet zusammen mit einem Lehrerkollegen für die Podcast-Reihe „Lehrerzimmer Leaks“ verantwortlich und hat jüngst ihr zweites Buch „Goethe würde Metal hören“ im Eigenverlag herausgegeben. Ihr erstes Buch hieß „Teach Em All: Mein Lehrerleben zwischen Wacken und Werther“. Für alle diese Aktivitäten hat sie auch ihren Namen ein wenig geändert. In Wirklichkeit heißt sie ein klein bisschen anders.

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