Stuttgart - Erwartungsvoll und hoffnungsfroh starten in den nächsten Tagen etwa 94 000 Erstklässler an den baden-württembergischen Grundschulen ins Schülerdasein. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) dürfte dagegen skeptisch auf das Schuljahr blicken. Denn auch in diesem Jahr können nicht alle Lehrerstellen besetzt werden. Gerade an den Grundschulen fehlt es hinten und vorne. Zudem stellt der Rechnungshof dem Ministerium pünktlich zum Schuljahresbeginn ein miserables Zeugnis bei der Vorbereitung der digitalen Bildungsplattform für Schulen aus. Der grüne Koalitionspartner geht auf Abstand und die Lehrerverbände klagen, im Ministerium und in der Schulverwaltung regiere das Chaos.
Das ist Kritik, die ins Kontor schlägt. Alle Welt verlangt mehr Tempo bei der Digitalisierung der Schulen, und das Kultusministerium muss sich sagen lassen, es habe das ehrgeizige Projekt Bildungsplattform unzureichend gemanagt. Man kann dagegen halten, Eisenmann habe das falsch aufgesetzte Vorhaben rechtzeitig gestoppt und lenke es jetzt in die richtigen Bahnen. Was aber bleibt, ist der Eindruck, dass es mit der Digitalisierung der Schulen nicht vorangeht.
Kurzfristige Erfolge fehlen
Noch gravierender ist das Thema Unterrichtsversorgung. Susanne Eisenmann ist gewiss nicht untätig. Sie hat die Maßnahmen gegen den Lehrermangel bereits angestoßen, die Experten jetzt empfehlen. Dass die Studienkapazitäten für Grundschullehrer nicht rechtzeitig ausgeweitet wurden, ist ihr nicht anzulasten. Aber es müssen mehr Studienplätze geschaffen werden. Sie ist die erste, die den Unterrichtsausfall systematisch erheben lässt, um künftige Fehlplanungen zu vermeiden. Doch es fehlen kurzfristige Erfolge im Kampf gegen das Defizit.
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Eisenmann wehrt sich zurecht dagegen, Quereinsteiger mit vierwöchiger Schnellbleiche auf Grundschüler loszulassen, um ihnen Lesen und Schreiben beizubringen, wie es etwa das Land Berlin tausendfach praktiziert. Kinder brauchen gut ausgebildete Lehrer. Dass sie es aber grundsätzlich ablehnt, dass sich befristet beschäftigte Lehrer mit Unterrichtserfahrung für den ordentlichen Schuldienst qualifizieren können, ohne noch ein Referendariat zu machen, ist wenig nachvollziehbar. Dabei könnte dies zumindest verhindern, dass Vertretungslehrer frustriert der Schule den Rücken kehren und der Mangel noch größer wird.
Blockade und Stillstand drohen
Skeptisch stimmt zudem, dass sich die Grünen anschicken, in zentralen Feldern der Bildungspolitik auf Distanz zur CDU-Ministerin zu gehen. Anscheinend unüberbrückbare Differenzen tun sich auf bei den Ganztagsschulen, der Betreuung und der Zukunft kleiner Hauptschulen. Es drohen Blockade und Stillstand.
Noch sind es eineinhalb Jahre bis zur Landtagswahl. Was sich jetzt abzeichnet ist nur ein Vorgeschmack. Die Kultusministerin wird als Spitzenkandidatin der CDU immer stärker in den Fokus rücken und sie wird einen Spagat hinlegen müssen. Sie wird ihre Kompetenz auf den Feldern außerhalb der Bildungspolitik beweisen müssen, gleichzeitig werden die Erwartungen steigen, dass sie auf ihrem Gebiet konkrete Ergebnisse liefert. Kritiker befürchten schon jetzt, dass sie angesichts des Fulltime-Jobs Spitzenkandidatin die Bildungspolitik vernachlässigen werde. Zumal es mit messbaren Erfolgen schwierig werden dürfte. Das schlägt auf die Stimmung. Selbst wenn Eisenmann in den Etatberatungen Stellen gewinnt, hat sie nicht die Lehrer, um diese zu besetzen.
Helfen könnten multiprofessionelle Teams, nach denen Schulen zunehmend rufen. Sozialarbeiter, Verwaltungsleute, Psychologen könnten die Lehrer entlasten, damit sich wenigstens die vorhandenen Pädagogen ganz dem Unterricht widmen können. Das wäre ein Erfolg für alle.