Lehrermangel in Stuttgart Hohe Mieten und Ganztag schrecken junge Lehrer ab

, aktualisiert am 23.06.2025 - 11:10 Uhr
Wie gewinnt man junge Menschen für den Lehrerberuf? Das Kultusministerium hat dazu ein Maßnahmenpaket geschnürt. Foto: dpa

Das Stuttgarter Schulamt spricht von einer„angespannte Versorgungssituation“. Wie dramatisch ist die Lage und was bedeutet das für Kinder, Eltern und Lehrkräfte?

Familie/Bildung/Soziales: Alexandra Kratz (atz)

Die gute Nachricht zuerst: Das Kultusministerium erwartet im Grundschulbereich für die nahe Zukunft keinen generellen Mangel an ausgebildeten Lehrkräften. Hauptgrund dafür sei die Erhöhung der Studienkapazitäten von 970 auf 1672 Plätze bis zum Studienjahr 2018/2019. Das helfe bereits, weil die zusätzlichen Absolventinnen und Absolventen sich bereits für den Schuldienst bewerben, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme. Allerdings gebe es regionale Unterschiede.

 

So werden Lehrkräfte an Grundschulen in Stuttgart immer knapper. Das Staatliche Schulamt erwartet für das kommende Schuljahr eine „angespannte Versorgungssituation“. Dies habe sich aus den Bedarfsgesprächen mit den Schulleitungen ergeben, schreibt die Schulrätin Claudia Scherer in einer schriftlichen Stellungnahme und ergänzt: „Wir sind deshalb frühzeitig mit unseren Schulleitungen im Austausch, um gemeinsam gute Lösungen für jede Schule zu finden.“

Vor Kurzem hat das Staatliche Schulamt alle zu einem Gespräch eingeladen. Obgleich das Thema nicht neu sei, habe es einen solchen Termin in den Jahren zuvor nicht gegeben, sagt eine langjährige Stuttgarter Rektorin und ergänzt: Es sei aber auch kein Krisengespräch gewesen. Die Intention des Staatlichen Schulamts sei gewesen, Transparenz herzustellen und die Schulen untereinander zu Solidarität aufzurufen. Dieser Ansatz sei positiv.

Schulamt rechnet mit weiteren Neueinstellungen

Das Staatliche Schulamt möchte „zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Angaben zum Versorgungsgrad beziehungsweise zu fehlenden Lehrerstellen machen“. Denn viele Maßnahmen und Prozesse seien noch im Gange. So würden aktuell:

  • Neu- und Folgeverträge für Vertragskräfte geschlossen
  • Versetzungen innerhalb des Schulamts umgesetzt
  • für den Juli weitere Neueinstellungen erwartet
Eine Überschreitung des Klassenteilers – in de Grundschulen liegt er derzeit bei 28 – ist in Ausnahmefällen möglich. Foto: dpa/Bernd Weißbrod

Viele Grundschulen in Stuttgart wissen nicht, welche Lehrkräfte im kommenden Schuljahr bei ihnen unterrichten und ob es genügend sein werden. Diese Unsicherheit sei ein großes Problem, sagt die Rektorin. Sie könne nicht planen und den Kolleginnen und Kollegen nicht sagen, in welcher Klasse sie künftig unterrichten werden. „Für manche ist das sehr belastend“, so die Schulleiterin.

Das Ziel des Staatlichen Schulamts ist es, „mit möglichst stabilen Verhältnissen in das neue Schuljahr zu starten“. Dazu sei es erforderlich, bei der Zuweisung von Lehrkräften vorausschauend zu handeln und die gemäß Organisationserlass zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu nutzen. Dazu gehört auch eine Überschreitung des Klassenteilers, der in der Grundschule bei 28 Schülerinnen und Schüler liegt. Auch dieser Punkt war bei dem Treffen der Grundschulleitungen angesprochen worden. Das Staatliche Schulamt schreibt in seiner Stellungnahme, dass eine solche Maßnahme „in seltenen Einzelfällen eine letzte Möglichkeit“ sei. Dabei sei jedoch immer die konkrete Situation der Schule zu betrachten.

Schon jetzt sehr große und heterogene Klassen

Eine Überschreitung des Klassenteilers lehnt die Stuttgarter Rektorin ab. Schon jetzt seien die Klassen sehr groß und sehr heterogen, was für die Lehrkräfte herausfordernd sei. Zudem seien die meisten Klassenzimmer zu klein. Bei mehr als 28 Kindern in einem Raum müssten alle ständig auf ihren Stühlen sitzen bleiben, was aus pädagogischer Sicht an einer Grundschule nicht sinnvoll sei.

Das Staatliche Schulamt und das Kultusministerium betonen, eine Vielzahl von Maßnahmen zu prüfen, um dem Lehrermangel zu begegnen. Dabei gehe es zum Beispiel darum, Lehrkräfte von zusätzlichen Aufgaben zu befreien und neues Personal für die Schulen in Stuttgart zu gewinnen.

Doch gerade die Landeshauptstadt sei für viele junge Lehrerinnen und Lehrer unattraktiv, sagt die erfahrene Rektorin. Denn die Mieten seien hoch, eine Stuttgart-Zulage wie beispielsweise für Kita-Fachkräfte gebe es nicht. Und auch der in der Stadt mittlerweile weit verbreitete Ganztag schrecke potenzielle Kolleginnen und Kollegen ab. Denn er bedeute einen deutlichen Mehraufwand, der bisher nicht honoriert werde.

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