Lehrermangel und Bildungskrise Warum Baden-Württemberg über Schulschließungen nachdenken muss

In dieser Grundschule werden 16 Kinder von der ersten bis zur vierten Klasse gemeinsam unterrichtet. Foto: dpa/Marijan Murat

Baden-Württemberg hat viel mehr und deutlich kleinere Schulen als andere Länder. Das ist zum Qualitätsproblem für den Bildungsstandort im Südwesten geworden.

Politik/Baden-Württemberg : Bärbel Krauß (luß)

Baden-Württemberg hat viel mehr und viel kleinere Schulen als andere Bundesländer. Das liegt nur zum kleinen Teil am Ausbau des früher dreigliedrigen Schulsystems um die Werkreal- und Gemeinschaftsschulen. Früher hätte man die Daten des Statistischen Bundesamts achselzuckend als „typisch Musterländle“ zur Kenntnis genommen: Nordrhein-Westfalen hat 77 Prozent mehr Schüler als Baden-Württemberg, aber nur sechs Prozent mehr Schulen. Obwohl Baden-Württemberg halb so groß ist wie Bayern und etwa zehn Prozent weniger Schüler hat, gibt es mit 4393 öffentlichen allgemeinbildenden Schulen gut zehn Prozent mehr als bei den Nachbarn (3955).

 

Früher waren Schulen viele und gut

Aber früher war auch die Zeit, da das Land zusammen mit Bayern Spitzenplätze bei bundesweiten Schulleistungsvergleichen belegte und Anschluss an die internationale Konkurrenz halten konnte. Das ist lange vorbei. Egal ob Pisa, Vera oder IQB-Bildungstrend: Während Bayern weiter glänzt, ist Baden-Württemberg abgerutscht.

Viele Schüler erwerben die Grundfähigkeiten nicht richtig

Inzwischen verfehlen im Südwesten an die 40 Prozent der Drittklässler beim Lesen, Schreiben, Rechtschreiben und Rechnen die Mindestanforderungen entweder ganz oder erreichen sie nur mit Ach und Krach. Damit verfehlt Baden-Württemberg seine wichtigste bildungspolitische Verpflichtung: jedem jungen Menschen ohne Rücksicht auf Herkunft oder wirtschaftliche Lage eine seiner Begabung entsprechende Erziehung und Ausbildung zu gewähren. So fordert es die Landesverfassung. Wenn es derart vielen Kindern schon am elementaren Können fehlt, erfüllt das Schulsystem seinen Kernauftrag nicht.

Experten raten zu Fusionen

Der Ausbau und die Verdichtung der Bildungsinfrastruktur, die Sicherung eines hohen Leistungsniveaus und die Strukturförderung im ländlichen Raum haben im Südwesten jahrzehntelang Hand in Hand funktioniert. Aber als die Schülerzahlen 2003 zu sinken begannen und sich erst seit 2019 auf niedrigem Niveau konsolidierten, ist die Größe – oder genauer: die Kleinheit der Schulen im Südwesten – zur Belastung geworden. Ressourcen fließen in die bloße Erhaltung der Struktur, ohne dass sich das positiv auf Unterrichtsqualität, Lehrerversorgung und Bildungserfolg auswirken würde.

In ihrem Gutachten zur Bekämpfung des Lehrermangels hat die Ständige Wissenschaftliche Kommission (SWK) der Kultusministerkonferenz problematisiert, dass im ländlichen Raum ein wohnortnahes Schulangebot nur um den Preis sehr kleiner Klassen zu gewährleisten sei. Das Gremium empfahl, „im Interesse der Versorgung aller Schulen mit einem qualitativ hochwertigen Unterrichtsangebot“ eine Schulentwicklungsplanung mit dem Ziel, kleinere Schulen zu größeren Einheiten zusammenzufassen.

Gerade für den Südwesten ist dieser Vorschlag wichtig. Denn nicht nur ist Baden-Württemberg das Bundesland mit den zweitmeisten und drittkleinsten allgemeinbildenden öffentlichen Schulen in Deutschland. Eine genaue Auswertung der Daten des Statistischen Bundesamtes belegt, dass der Südwesten bei allen Schularten überdurchschnittlich viele und besonders kleine Schulen hat. „Ende der 1990er Jahre begannen die Schülerzahlen zu schrumpfen“, sagt Olaf Köller, einer der profiliertesten deutschen Bildungsforscher und Vorsitzender der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission. „Einige Länder haben damals begonnen, Schulen im ländlichen Raum zu fusionieren. Aber ein flächendeckender Trend ist das nicht geworden“, betont er.

Köller geht es nicht darum, Stadt-Land-Unterschiede einzuebnen, sondern um effiziente Organisation. Er sieht jede Schule, „die unter die Zweizügigkeit gerät und in jeder Jahrgangsstufe nur eine Klasse hat, als tendenziell gefährdet“ an. Bei weiterführenden Schulen bis zur zehnten Klasse nennt er eine kritische Grenze von 150 Schülern.

Kritische Grenze bei 150 Schülern

Krankheitsvertretungen sind bei kleinen Kollegien schwieriger

Köller verweist aber noch auf ein zweites Problem: Zwar sei in kleinen Schulen oft das Schüler-Lehrer-Verhältnis günstig. „Doch das führt dazu, dass an Großstadtschulen mit sehr heterogener und schwieriger Schülerschaft teilweise eine ungünstige Betreuungsrelation angeboten werden muss.“ Hinzu kommt, dass etwa in kleinen Kollegien Krankheitsvertretungen schwieriger organisiert werden können. In Baden-Württemberg sitzen im Durchschnitt 18 Personen im Lehrerzimmer, in Rheinland-Pfalz sind es 23, im Saarland 28, in Nordrhein-Westfalen 34.

Damit beantwortet sich die Frage, ob weniger Schulen angesichts niedriger Schülerzahl und lückenhafter Lehrerversorgung ein Weg zu mehr Bildungserfolg in der Fläche sein können, fast selbst. Schulen in der von Köller als kritisch eingestuften Größe gibt es in Baden-Württemberg viele: Weniger als 100 Schüler haben 776 Grundschulen, 44 Haupt- und Werkrealschulen, eine Realschule, drei allgemeinbildende Gymnasien und sieben Gemeinschaftsschulen.

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