Lehrstuhl in Tübingen Das Experiment mit dem Islam

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Tübingen startet als erste Universität mit einem Zentrum für islamische Theologie. Die Ziele sind hochgesteckt - doch der Anfang ist holprig.

An der Universität Tübingen gibt es jetzt ein Zentrum fuer Islamische Theologie. Foto: dapd 3 Bilder
An der Universität Tübingen gibt es jetzt ein Zentrum fuer Islamische Theologie. Foto: dapd

Tübigen - Der Anspruch ist hoch. "Das Zentrum für islamische Theologie will internationale Akzente setzen und international wissenschaftlich wahrgenommen werden." So positioniert Bernd Engler, Rektor der Universität Tübingen, die neue Institution, die in Tübingen am 10. Oktober ihren Lehrbetrieb aufnehmen wird. Es geht um nichts weniger als um die Akademisierung der islamischen Theologie, findet Stefan Schreiner, Inhaber des Lehrstuhls für Religionswissenschaften mit dem Schwerpunkt Judaistik und Islamistik. Dabei handle es sich um ein "Experiment ohne Präzedenz", betont Schreiner.

Das neue Zentrum in Tübingen wird eines von vier bundesweiten Zentren für islamische Theologie sein. Weitere entstehen in Münster/Osnabrück, in Erlangen-Nürnberg und in Frankfurt/Gießen. Sie werden im nächsten Jahr mit den Vorlesungen beginnen. Jedes Zentrum wird vom Bund mit vier Millionen Euro gefördert. Tübingen hat im Anschluss an die Bundesförderung jährliche Zuschüsse von 1,3 Millionen Euro aus der Landeskasse zu erwarten.

Die Einrichtung der Zentren trägt der Bedeutung des Islams in Deutschland Rechnung, diese Einschätzung von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) teilt Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) als Kirchenbeauftragter der Landesregierung schon lange. Allein im Land leben 600.000 Menschen muslimischen Glaubens. Schavan erhofft sich von den Zentren einen verstärkten theologischen Diskurs sowie einen Beitrag dazu, dass die vier Millionen Muslime in Deutschland, "in unserer Gesellschaft beheimatet sein können", sagt Schavan.

Das Tübinger Zentrum will auch Lehrer ausbilden

"Die muslimischen Gemeinschaften haben im Zuge der religiösen Pluralisierung Anspruch auf Religionsunterricht an staatlichen Schulen sowie auf Repräsentanz im Hochschulsystem", hatte Kretschmann schon als Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag im Juli 2010 postuliert. Er sah es schlicht als "eine integrationspolitische Notwendigkeit" an, dass islamische Religionslehrer sowie Imame an deutschen Universitäten ausgebildet werden. Seit Jahren wird die Einführung von islamischem Religionsunterricht an den Schulen gefordert. Doch es fehlte an Lehrern.

Das Tübinger Zentrum will auch Lehrer ausbilden, doch die Details müssen noch mit dem Kultusministerium geklärt werden, sagt Rektor Engler. Für das Lehramt werde ein eigenes Curriculum erstellt, das sich aber mit dem des jetzt beginnenden Bachelorstudiengangs überschneiden werde. "Wir wollen höchstmögliche Flexibilität, um auch nach den ersten Semestern noch einen Quereinstieg zu ermöglichen", sagte Engler. Auch eine Beifachlösung für Lehramtsstudenten mit anderen Hauptfächern müsse noch geregelt werden. Das Hauptanliegen des Zentrums sei aber, ein breites theologisches Angebot zu machen, sagt Stefan Schreiner. "Wir verstehen es nicht zuerst als berufsorientierende Einrichtung."

Der achtsemestrige Bachelorstudiengang "Islamische Theologie" ist eine bekenntnisbezogene Disziplin. Sie verbindet islamische Theologie mit allgemeinen geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Der Islam im europäischen Kontext könnte sich zu einer Spezialität entwickeln. Über die bekenntnisrelevanten Fragen entscheidet ein Beirat mit sieben Mitgliedern. Der Studiengang sei sunnitisch orientiert, sagt das Beiratsmitglied Muhamed Bascelic. Jedoch soll "ein Mindestmaß an innerislamischem Pluralismus" abgebildet werden, schreibt die Universität. Geplant sind sechs Lehrstühle zu Koran- und Hadith-Wissenschaften, zu islamischem Recht, Glaubenslehre, Geschichte und Religionspädagogik. Es wird in deutscher Sprache gelehrt.

Bei vielen hapert's mit der deutschen Sprache

Doch die Experten sind dünn gesät, auch wegen der sprachlichen Hürde. Rektor Engler zeigte sich "ausgesprochen glücklich", dass Omar Hamdan auf den Lehrstuhl für Koranwissenschaften berufen werden konnte. Der gebürtige Israeli sunnitischen Glaubens hatte 1995 in Tübingen promoviert. Engler lobte ihn als ausgewiesenen Islamwissenschaftler, der bestens international vernetzt sei. Zwei Juniorprofessoren stehen kurz vor ihrer Berufung. "Wir legen zuvörderst Wert darauf, bestqualifizierte Lehrkräfte zu gewinnen", sagte Engler. Notfalls lasse man sich lieber Zeit mit den Stellenbesetzungen. Wenn die Studenten jedoch ins dritte Semester kommen, sei weiteres Personal notwendig, um Lücken im Lehrplan zu schließen.

Auch bei den Studenten ist der Andrang nicht so hoch wie erwartet. 40 Studienplätze bietet das Zentrum. 42 Bewerbungen aus aller Welt seien eingegangen, aufgenommen wurden 24 junge Männer und Frauen. Viele scheiterten an den sprachlichen Voraussetzungen. Deutsch müssen sie können, Muslim zu sein ist dagegen keine Voraussetzung. Die erfüllt jedoch Farina Stockamp. Die 21-Jährige aus Niedersachsen konvertierte vom evangelischen Glauben zum Islam. "Der Islam entspricht meiner Lebenseinstellung" sagt die Studentin der "Sprachen, Geschichte und Kulturen des Nahen Ostens". Sie wird islamische Theologie im Parallelstudium betreiben. "Mir fehlte der theologische Tiefgang", sagt sie, "den hoffe ich hier zu finden."

Adnan Fetic, der vor 14 Jahren aus Bosnien-Herzegowina nach Deutschland kam, entstammt einer Imam-Familie. Der 21-Jährige konstatiert: "In Deutschland fehlen muslimische Fachkräfte." Er hofft, dass das Zentrum "eine neue Generation fachkompetenter Kader heranbildet". Ob er selbst später Imam oder Lehrer oder Wissenschaftler wird, lässt er offen. Gebraucht würden alle Berufsbilder.