Vorfreude und Enttäuschung: Jessica-Bianca Wessolly reist Mitte September nach Tokio, Velten Schneider musste sein Ticket aufgrund eines gebrochenen Fußes abgeben. Foto: Oscar Moreno
Freud und Leid können eng beieinander liegen. Das zeigt sich aktuell bei den Leichtathleten Jessica-Bianca Wessolly, Alexander Stepanov und Velten Schneider vom VfL Sindelfingen.
Oscar Moreno
12.08.2025 - 11:59 Uhr
Die Sonne scheint leuchtend vom Himmel, aber noch ein kleines bisschen mehr strahlen die Menschen in einem Restaurant bei der Martinskirche. Lockere Gespräche und viel Gelächter. Die Leichtathletik-Abteilung des VfL Sindelfingen ist hier zusammengekommen. „Tokio“ ist eines der meistgesagten Worte an diesem Abend. Denn drei Sportler des Vereins haben ein Ticket dorthin gebucht.
Mitte September steigt die Weltmeisterschaft in eben jener japanischen Hauptstadt. Jessica-Bianca Wessolly, Alexander Stepanov und Velten Schneider haben sich qualifiziert. Diese Leistung soll hier gebührend im Rahmen eines gemeinsamen Abendessens gefeiert wird. Doch gibt es eine kleine Wolke, die einen Schatten wirft. Velten Schneider hat sich verletzt.
Vor drei Wochen bekam er die niederschmetternde Diagnose: dreifach gebrochener Fuß. „Das war einfach nur Pech“, erzählt der 3000-Meter-Hindernisläufer. „Ich musste das Rennen nach dem Sturz im Wassergraben abbrechen, weil es einfach nicht mehr funktioniert hat. Ich bin immer wieder weggeknickt.“ Da wusste der 25-Jährige bereits, dass etwas überhaupt nicht stimmt. „Was mich besonders getroffen hat, ist, dass ich mir selbst keinen Vorwurf machen kann. Ich war super in Form, war nicht übertrainiert oder so“, hadert der Renninger. „Es gibt keine Chance mehr, dass ich es bis zur WM noch schaffe. Mein Platz ist schon an einen Konkurrenten gegangen, obwohl ich es eigentlich mehr verdient hätte“, sagt er und hat dennoch ein Lächeln auf den Lippen.
Der Medizinstudent macht deutlich, wie sehr ihn all das auch psychisch belastet: „Die ersten Wochen waren super hässlich. Ich saß nur zu Hause rum. Da merkt man nochmal richtig, wie stark der Tag vom Sport dominiert wird. Etwas fehlt“, berichtet Velten Schneider, der bereits im Alter von 14 Jahren das Trikot des VfL Sindelfingen trug. Wenigstens in einem Punkt konnte sein Verein ihm einen kleinen Lichtblick schenken: „Da ich gerade auch kein Auto mehr fahren kann, habe ich für die Zeit einen Scooter bekommen, mit dem ich mobil bleibe.“ Trotz der schweren Verletzung wirkt er gefasst und positiv. „Zum Glück habe ich schon mit der Reha begonnen und kann jetzt die Basis für die nächste Saison schaffen“, blickt er nach vorn.
So weit denkt Alexander Stepanov noch überhaupt nicht. Der 800-Meter-Läufer hat den schönsten Teil noch vor sich – er darf Deutschland im fernen Osten vertreten. „Es ist ein absoluter Kindheitstraum, bei einer WM dabei zu sein. Ich habe das immer im Fernsehen mitverfolgt. Unglaublich, dass ich nun selber dort laufen werde“, schwärmt der 20-Jährige. Besonders bei ihm ist, dass er von seinem Vater Oleg trainiert wird. Und das schon seit der Grundschule. „Es gibt weltweit nur eine Handvoll Athleten, die so eine Zeit laufen“, erzählt Stepanov Senior stolz, der einst selbst erfolgreicher Mittelstreckler war. Die starke Verbindung zum Filius ist spürbar.
Alexander Stepanov, der eine Ausbildung bei der Polizei anstrebt, will sich in Tokio keinen Druck machen. So schwer es auch sein mag, will er „die Weltmeisterschaft als eine erste Erfahrung mitnehmen und locker an die Sache herangehen“, erklärt der Stuttgarter seinen Plan.
Amtierender deutscher Meister über 800 Meter: Alexander Stepanov sicherte sich Anfang August DM-Gold in Dresden. Foto: Imago/Chai v.d. Laage
Eine etwas weitere Anfahrt nach Sindelfingen als die Familie Stepanov hat Jessica-Bianca Wessolly. Die Mannheimerin ist in der 200-Meter-Disziplin zu Hause. Seit 2023 fährt sie Siege und Platzierungen in den blau-weißen VfL-Farben ein. „Ich fühle mich hier sehr wohl und gut aufgehoben. Es ist ein familiäres Umfeld, und ich erfahre viel Wertschätzung“, meint die 28-Jährige. Ihre Boarding Card in die asiatische Metropole konnte sie bereits im Winter so gut wie sicher ausdrucken. „In der Halle bin ich bereits die Bestätigungsnorm gelaufen, was mich enorm erleichtert hat“, erinnert sie sich. Eine tolle Leistung, da unter dem Dach die Kurven enger sind, und es somit schwerer wird, extrem schnelle Zeiten zu laufen.
„In erster Linie mache ich mir selber den Druck“, blick die Sprinterin auf die anstehende WM voraus. „Auf globaler Ebene herrscht schon nochmal ein anderes Niveau“, durfte sie das auch bei den Olympischen Spielen 2020 miterleben. „Das war eines meiner tollsten Erlebnisse bisher“.
Ein unvergessliches Großereignis ist Jessica-Bianca Wessolly und Alexander Stepanov in Tokio jetzt bereits sicher. Ob die Sonne auch in Japan so warm für die beiden Leichtathleten des VfL Sindelfingen scheinen wird wie an jenem Abend, wird sich zeigen.