Leichtathletik-WM „Noch einmal über mich hinauswachsen“ – Alexander Stepanov und sein WM-Debüt

Alexander Stepanov bei seinem Sieg über die 800 Meter bei der Deutschen Meisterschaft. Foto: IMAGO/Chai v.d. Laage

Alexander Stepanov hat in den vergangenen Jahren eine erstaunliche Entwicklung hingelegt. Nun startet der Leichtathlet aus Stuttgart erstmals bei der WM.

Sport: Dirk Preiß (dip)

Der Treffpunkt wirkt auf den ersten Blick nicht wirklich passend. Es ist ein Dienstagabend. Es ist das Sportgelände der SKG Botnang. Der Gesprächspartner ist ein Leichtathlet, ein Mittelstreckenläufer. Aber: Von einer 400-Meter-Laufbahn ist hier am Rande des Stuttgarter Stadtteils weit und breit nichts zu sehen. Und doch bietet der Standort für Alexander Stepanov einen großen Vorteil. „Die Zeit, die wir für Fahrten zu anderen Sportstätten brauchen würden, können wir hier für das Training nutzen“, sagt Oleg Stepanov, der Vater und Trainer des 20-Jährigen. Und für bestimmte Trainingsinhalte brauche es eben auch keine 400-Meter-Bahn.

 

Damit ist das schon mal geklärt. Im Folgenden aber wird klar: Ansonsten ist die Laufbahn schon bedeutsam für das Leben des Athleten. Zweimal läuft er für gewöhnlich die Runde, die 800-Meter-Distanz ist seine Strecke, von der er mittlerweile behaupten kann: Keiner in Deutschland läuft sie aktuell schneller.

Bei den deutschen Meisterschaften, als Alexander Stepanov erstmals den nationalen Titel gewann, betrug sein Vorsprung zwar nur wenige Hundertstelsekunden – aber beim Blick auf die persönlichen Bestleistungen der sieben hinter ihm platzierten Läufer fällt auf: Der Abstand ist groß zur nationalen Konkurrenz. Was viel mit der beeindruckenden Entwicklung des jungen Mannes zu tun hat, der seit 2017 für den VfL Sindelfingen an den Start geht.

2022 lief er noch eine Zeit jenseits der 1:50 Minuten, 2023 waren es dann schon 1:48,32 Minuten, 2024 war Stepanov dann noch einmal rund zwei Sekunden schneller. Und das, obwohl die Saison alles andere als wunschgemäß gelaufen war.

In der Sport-Prüfung des Abiturs riss er sich beim Fußball zwei Bänder im Sprunggelenk, musste fortan sechs Wochen lang einen Spezialschuh tragen. Nach vier Wochen Training wurde er danach aber schon Vierter bei der deutschen Meisterschaft, verbesserte später im Jahr noch einmal seine persönliche Bestzeit – und legte dann 2025 so richtig nach.

Alexaner Stepanov feiert in Tokio sein WM-Debüt

„Seit dem Abitur“, sagt er, „konnte ich nun rund ein Jahr unter Profibedingungen den Sport betreiben. Das hat Wirkung gezeigt.“ Vor allem am 14. Juni in Pfungstadt. „Da“, sagt sein Vater Oleg, „hat alles gepasst.“ Sein Sohn lief die 800 Meter in 1:44,17 Sekunden. „Als ich die Zeit im Ziel gesehen habe, konnte ich es erst gar nicht fassen“, erinnert sich Alexander Stepanov. Kein Wunder: Denn in der deutschen Leichtathletik kommt so etwas ja nicht ganz so häufig vor.

Letztmals als Deutscher schneller als Stepanov war ein gewisser René Herms – im Jahr 2004. Weshalb sogar Nils Schumann, der Olympiasieger von 2000, jubelte: „Wow! Endlich wieder einer im 44er-Club.“ Und bei der Weltmeisterschaft in Tokio.

Die startet an diesem Wochenende – und gehörte eigentlich gar nicht zur Planung von Alexander und Oleg Stepanov. Als Saisonhöhepunkt war die U-23-EM vorgesehen. Mit dem Lauf von Pfungstadt aber hatte er die WM-Norm erfüllt, weshalb er nun bereits im Vorbereitungscamp weilt und am Wochenende nach Tokio weiter reist. Am Dienstag steht dann der Vorlauf über 800 Meter an. In den geht er zuversichtlich und voll motiviert („Ich freue mich, gegen Athleten zu laufen, zu denen ich bislang aufgeschaut habe“), aber auch mit ein wenig Ungewissheit.

Der Moment, als Alexander Stepanov realisiert, dass er die 800 Meter in 1:44,17 gelaufen ist. Foto: IMAGO/HEN-FOTO

„Ich laufe zum ersten Mal so spät in der Saison noch ein wichtiges Rennen über 800 Meter“, sagt Alexander Stepanov – der sich dennoch ein ehrgeiziges Ziel gesetzt hat: den Einzug ins Halbfinale. „Dafür“, sagt er, „muss ich noch einmal über mich hinauswachsen.“ Eine Zeit von erneut unter 1:45 Minuten ist womöglich notwendig, um unter die 24 Besten zu kommen, die dann zwei Tage nach dem Vorlauf um den Finaleinzug laufen dürfen. Wenn das nicht gelingt? „Dann habe ich immerhin Erfahrungen gesammelt.“

Auch die sind nicht zu unterschätzen auf einer Distanz, die einerseits körperlich hart ist, weil sie den Athleten sowohl Schnelligkeit als auch Ausdauer in extremem Maß abverlangt. „Viele sagen“, meint Alexander Stepanov, „es sei die härteste Laufdisziplin.“ Andererseits spielen Technik und Taktik auch eine große Rolle.

Der junge Stuttgarter betont, ihm sei die Mittelstrecke quasi „in die Wiege gelegt“ worden. Schon seine Eltern waren auf diesen Distanzen stark. Bei ihm selbst, sagt er, habe es dann 2023 einen entscheidenden Moment gegeben, der ihn endgültig auf die 800 Meter festgelegt hat: die U-20-EM. Dort wurde er zwar lediglich Sechster und spricht im Rückblick von taktischen Fehlern. Aber er hat eben auch gemerkt: „Ich kann mit den Besten mithalten.“ 2023 sagt er daher, „war der Knackpunkt“.

Das Fußballspielen beim ASV Botnang hat er aufgegeben, konzentriert sich nun auf die Leichtathletik, ehe er Anfang 2025 eine Ausbildung bei der Polizei beginnt. Trotzdem will er noch mehr herauskitzeln aus seinem Potenzial. Was dafür nötig ist? In vielen kleinen Bereichen noch professioneller werden, im Training auf Bewährtes setzen, aber auch neue Reize setzen. Oleg Stepanov versichert: „Alexander ist da sehr offen.“

Sportliches Ziel ist der deutsche Rekord von Willi Wülbeck (1:43,65), sind aber auch die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles, vor denen aber noch viele Rennen auch bei den großen Meetings stehen sollen. Und nun eben erst einmal das WM-Debüt.  

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