Leichtathletin der LG Filder Eine Frau für die Rekordbücher

Einmal mehr die Schnellste: Katrin Ochs. Foto: Günter Bergmann

Lange war Katrin Ochs reine Hobbysportlerin – heute macht die erneute Siegerin des Degerlocher Dreikönigslaufs „verrückte Dinge“, über die sie selber staunt. Dazu gehört auch die ganz spezielle aktuelle Erfolgs-„Belohnung“. Was steckt hinter dieser Frau?

Lokalsport : Franz Stettmer (frs)

An „das Verrückteste“, das sie in ihrer Karriere je gemacht hat, kann sich Katrin Ochs noch gut erinnern. Es ist etwa drei Jahre her. Es war ein Marathonlauf, die klassischen 42,195 Kilometer – was an und für sich noch nichts so Besonderes wäre. Jedoch: Stattgefunden hat das Rennen nicht etwa wie üblich über Straßen und Wege der freien Natur, sondern in einer Sporthalle. 200-Meter-Rundbahn, immer im Kreis, nach Adam Riese also 211-mal. Vorsicht, Drehwurmgefahr. Und nur was für Bekloppte, wie Otto Normalsportler staunend anmerken mag? Ochs lacht. „Wenn du so etwas durchhältst, musst du im Kopf stark sein“, sagt die Leinfeldenerin.

 

Die Frage danach, ob sie durchgehalten hat, erübrigt sich. Ochs ist stark. Ochs ist leidensfähig. Die 45-Jährige ist quasi das Perpetuum mobile der hiesigen Laufszene. Sie läuft und läuft und läuft. Nicht nur das: Sie gewinnt und gewinnt und gewinnt. Auch an diesem Freitag ist es dann wieder nicht anders gewesen. Beim Dreikönigswettbewerb des LAC Degerloch überquerte wer als schnellste Frau die Ziellinie? Natürlich Ochs – an der Hohen Eiche bei der zwölften Auflage zum elften Mal. Freilich, die aktuellen gut fünf Kilometer dürften für sie eher wie ein bisschen Morgengymnastik gewesen sein, wenn man sie in Relation zu ihren sonstigen Herausforderungen stellt.

In der Leichtathletik Spätstarterin

Gut elf Jahre ist es her, dass Ochs begonnen hat, sportlich durchzustarten. Sie war eine Spätzünderin, gemäß der Kategorien in ihrer Sportart bereits im Seniorinnen-Alter. Nein, auf der faulen Haut war sie auch bis dahin nicht gelegen. Etwas Handball, etwas Fußball, viel Reiten. Nach dem Abitur war „mir dann langweilig“, erzählt Ochs. Sie trat beim TV Nellingen in die Leichtathletik-Abteilung ein, mithin unters Dach ihres auch noch heutigen Vereins LG Filder. Das Schlüsselereignis, das aus Hobby- mehr und mehr Leistungssport werden ließ, kam aber erst weit danach – es war die Begegnung mit ihrem Trainer Helmut Kustermann. Was damals noch keiner ahnen konnte: Es sollte der Anfang einer ganz speziellen Beziehung sein.

Spricht Ochs über ihren Sport, fällt der Name Helmut kaum seltener als der Begriff Laufen. Längst ist der 35 Jahre Ältere für sie nicht nur eben Trainer – er fungiert als Mentor, Motivator, Bezugsperson und treibende Kraft im Hintergrund. Kustermann gibt das Trainingspensum vor. Er betreibt die Wettbewerbsplanung. Er diktiert gegebenenfalls, daraus macht Ochs keinen Hehl, auch mit strenger Hand. „Pünktlichkeit, Disziplin und eine akribische Vorbereitung“ kennzeichneten ihren Mitstreiter. „Und wenn man tatsächlich mal wo aufgeben wollte, kann er ganz schön schimpfen“, sagt Ochs und lacht erneut.

Drei WM- und sechs EM-Medaillen

Gezeitigt hat diese Symbiose zahlreiche Erfolge. In Ochs’ Trophäenschrank zuhause in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung in Leinfelden hängen unter anderem drei WM- und sechs EM-Medaillen. Sie war dreimal deutsche Altersklassen-Meisterin im Marathon und ist amtierende nationale Titelträgerin im 50-Kilometer-Ultramarathon. Über diese Distanz sowie im 2000-Meter-Hindernislauf hält sie im Bereich W 45, also bei den Jahrgängen 1974 bis 1978, die deutschen Rekorde. Und: In Württemberg führte sie im vergangenen Jahr über gleich neun verschiedene Strecken die Jahresbestenliste an.

Laufen bestimmt Ochs’ Alltag – und lässt sich zu deren Glück gut mit ihrem Beruf vereinbaren. Angestellt ist die gebürtige Stuttgarterin, die Textildesign und Freie Malerei studiert hat, im Spielkartenmuseum in Leinfelden. Hat sie Urlaub, ist jener nicht danach ausgerichtet, wo sich womöglich am schönsten im Liegestuhl verweilen lässt, sondern wo interessante Laufwettbewerbe anstehen. So wie zuletzt beim Städtetrip nach Pisa. Oder wie seinerzeit in Dresden, was dann zur bitteren Erfahrung wurde. Ochs stürzte und brach sich den Arm.

Gezwungen war sie damit zu ihrer bislang längsten Laufpause, an die sie sich aus der Mit-Kustermann-Ära erinnern kann – es waren zwei Tage. Ärzte und alle Krankenversicherungsvertreter nun bitte mal kurz weghören: Kaum eingegipst, war Ochs bereits wieder rennend unterwegs.

Zur „Belohnung“ ein 50-Kilometer-Lauf

Andernfalls Entzugserscheinungen? Einspruch, „als süchtig würde ich mich sicher nicht bezeichnen“, sagt Ochs. Doch passt die Begebenheit ins aktuelle Bild. Was es dann eigentlich als Wochenendbelohnung für den jetzigen Degerloch-Sieg gegeben hat? Ihr Trainer hatte da seine eigenen Vorstellungen: Am Abend des selben Tags spulte Ochs weitere 15 Kilometer ab, am Samstag 30 und am Sonntag dann 50. Qualmende Schuhsohlen im heimischen Schönbuch-Wald. In der Branche gilt Ochs als Regenerationswunder. Eine, die, welche Strapazen auch immer sie in den Knochen hat, nicht platt zu kriegen ist. Und schließlich gilt es sich vorzubereiten auf die bereits nächsten Events.

Eines, das sich Kustermann für heuer ausgeschaut hat, lässt selbst Ochs momentan noch schlucken. 1. April, Ubstadt-Weiher: die deutschen Meisterschaften gar im 100-Kilometer-Lauf. Das wäre auch für Ochs eine Premiere. Und spätestens damit die Rückkehr zu den verrückten Dingen. Mal ehrlich: dann nicht doch noch lieber 211 Hallenrunden im Kreis?

Die Sieger in Degerloch

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