Dass in Leif Müllers Leben Fußball und Musik eine große Rolle spielen, liegt auch an Müllers Vater: Hans Peter „Hansi“ Müller gehört zu den VfB-Legenden, die den Club aus Bad Cannstatt an bessere Zeiten erinnern, an eine Frottesana-Ära längst vergangener Tage: So hieß der Trikotsponsor des VfB in der Saison 1976/77. Müller senior, Spitzname „Der schöne Hansi“, wurde 1980 Europameister mit der Nationalmannschaft, spielte nach seiner Zeit beim VfB Stuttgart unter anderem für Inter Mailand – und gab seinem Sohn eine musikalische Früherziehung zwischen Fleetwood Mac, Led Zeppelin und Eros Ramazotti mit auf den Weg.
Musikalische Früherziehung im Musikhaus Lerche
„Mit Eros war mein Vater gut befreundet. Es gibt Kindheitsaufnahmen von mir, auf denen ich mit dem Sänger Fußball spiele“, erinnert sich Leif Müller und sagt dann den schönen Satz: „Musik war bei uns immer da.“ Der Vater sei Stammgast im Musikhaus Lerche gewesen. Die Älteren werden sich erinnern: Die Lerche war eine Art analoges Spotify, eine Institution an der Königstraße, die Generationen von Stuttgartern zu einem grundsoliden Pop-Basiswissen verholfen hat. „Dazu war mein Vater ein Technikfreak. In sein Auto hat er sich zusätzliche Subwoofer einbauen lassen“, sagt Leif Müller, der mit seinen 31 Jahren noch die vordigitale Zeit erlebt hat – was unter anderem dazu führt, dass man sich mit ihm wunderbar über den Walkman und CDs unterhalten kann. „Von einer USA-Reise hat mein Vater elektronische Musik mitgebracht, versehen mit einem Warnaufkleber: ‚Caution: Ultra Low Base‘ – Vorsicht vor dem Bass.“
Heute zeichnet Leif Müller selbst für die hohe Kunst der tiefen Bässe verantwortlich. In seinem Studio an der Willy-Brandt-Straße produziert er in Stuttgart-Mitte elektronische Musik mit Herz und Kopf, die direkt in die Beine geht. Wenn er nicht gerade direkt neben der S-21-Baustelle an neuen Klängen feilt, legt Müller als DJ auf: im Club, bei Firmen-Events oder bei der Hochzeit von Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg.
Zwischen schwarzem Molton erzählt Leif Müller vom grünen Rasen
Müllers Studio befindet sich in einer ehemaligen Polizeiwache neben der Konzertspielstätte Röhre, die schon lange Geschichte ist. Im Zimmer neben Müller ist ein Künstler aus Island mit seinen Betrachtungen der Welt beschäftigt. Als Müller von seinen zwei großen Leidenschaften Musik und Fußball erzählt, sagt Erik Sturm kurz Hallo. Der Künstler, dessen Feinstaub-Werke im Stuttgarter Kunstmuseum hängen, ist der Kopf hinter der Bespielung des Gebäudes.
Zwischen schwarzem Moltongewebe erzählt Leif Müller vom grünen Rasen. Im Alter von zwölf begann er, in der Jugend des VfB zu spielen. „Es war ein Kindheitstraum, irgendwann in die Fußstapfen meines Vaters zu treten“, sagt der Musiker, der mit Holger Badstuber in einer Mannschaft spielte und im Cotta-Gymnasium mit Serdar Tasci die Schulbank drückte. Müller erzählt herrliche Anekdoten vom späteren deutschen Meister Tasci, der eine Klassenarbeit mit einem beachtlichen Spickzettel auf dem Schoß durchstand. Oder von Thomas Tuchel, den Müller ein Jahr lang als Jugendtrainer erlebte.
Leif Müller ist im Besitz brisanter Fotos
Zum popkulturellen Stuttgart-Wissen gehört es, dass Tuchel in der legendären Radio Bar am Rotebühlplatz gearbeitet hat. Was viele nicht wissen: Tuchel hat auch gemodelt. Gefährlich für den heutigen Trainer von Paris St-Germain: Leif Müller verfügt in seinem ganz persönlichen Foto-Giftschrank über eindrucksvolle Bilddokumente der Zeitgeschichte. „Thomas Tuchel war das Titelmotiv einer DJ-Software, etwas schräg mit Blumenkette, Hawaiihemd und Kopfhörern am Strand in Szene gesetzt.“
Mit Tuchel als Jugendtrainer sei Müller gut klargekommen. Mit der Atmosphäre in der VfB-Jugend irgendwann nicht mehr. „Wenn es in den Hochleistungsbereich kommt, schaut jeder nur noch auf sich. Der Teamgedanke geht flöten. Außerdem musste ich mir oft Sprüche wegen meinem Vater anhören“, erzählt Müller. Achtmal Training in der Woche, fünfmal vor der Schule, dreimal am Nachmittag, am Wochenende ein Jugendspiel in Leverkusen oder anderswo, dazu Stress in der Schule: „Das hat mich körperlich und mental irgendwann fertiggemacht“, sagt Leif Müller. Mit knapp 17 beendet er seine Fußballer-Laufbahn auf der Position des rechten Verteidigers und tauscht Schienbeinschoner gegen Kopfhörer ein.
Vom Kinderzimmer-DJ zur eigenen Partyreihe „Common Sense People“
Den Grundstein für seine DJ-Laufbahn legt Leif Müller in der Schule. In der fünften Klasse lernt er Konstantin Sibold kennen, derzeit Stuttgarts erfolgreichster DJ-Export. Müller und Sibold erkunden die Welt des Hip-Hop und landen dann, inspiriert durch die Reihe HR3-Clubnight, bei der DJs wie Sven Väth Techno salonfähig machen, im Reich der elektronischen Musik. Die beiden Freunde legen im Kinderzimmer auf, geben dann bei der Abiparty den Sound vor und haben schließlich erste DJ-Gigs in Stuttgart.
Heute leben Leif Müller und Konstantin Sibold gemeinsam in einer WG. In Bezug auf den Status ist Sibold seinem Freund Müller enteilt. 2013 lieferte Sibold einen Ibiza-Sommerhit, legte anschließend mit weiteren erfolgreichen Stücken nach und ist heute Teil des internationalen DJ-Sets. Im Oktober legte Sibold unter anderem in Berlin, Amsterdam, Dubai und Marokko auf. „Wo Konsti heute steht, ist einfach krass. Manchmal ist das nicht einfach für mich: Früher wurde ich immer mit meinem Vater verglichen, heute kommt der Vergleich mit Konstantin sehr schnell“, sagt Leif Müller.
Er erklärt, dass sich das Produzieren und das Auflegen im Genre der elektronischen Musik gegenseitig bedingen: „Du musst Musik veröffentlichen, damit du über deine Stadt hinaus bekannt wirst. Die Leute hören deine Produktionen, wollen dich dann im Club sehen, also steigt dort deine Gage.“
Konstantin Sibolds Aufstieg sei für ihn auch motivierend, der Austausch mit seinem Wegbegleiter von großer Bedeutung. „Wir pflegen beide eine gesunde Distanz zur Szene. Man darf das Nachtleben nicht zu wichtig nehmen, sonst verliert man sich komplett darin.“
Die Erwartungshaltung der Gäste hat sich geändert
Wenn Leif Müller nicht gerade seine eigene Partyreihe Common Sense People veranstaltet, im Berliner Berghain oder auf einem Festival auflegt, spielt er auf Firmenveranstaltungen. Wie unterscheiden sich diese unterschiedlichen Settings? „Im Techno-Club ist die Situation klarer“, sagt er. „Ich weiß, was ich abliefern muss, die Leute wissen, was sie kriegen.“ Bei anderer Gelegenheit seien es Partyamateure: „Die verzeihen dir nicht, wenn mal ein Lied läuft, das sie nicht mögen.“
Seine Gäste wollen oft alles auf Knopfdruck haben. „Als ich mit dem Auflegen anfing, haben die Leute gefragt ,Hast du den oder den Song dabei?‘ Wenn nicht, hatte sich der Dialog erledigt.“ Heute heißt es: „Ich hab ihn auf Handy, schließ es doch an.“ So reduziere man den DJ auf eine menschliche Spotify-Maschine.
Leif Müller hat beobachtet: Die Jugend von heute feiert anders als früher. „Instagram steht über allem. Die sehen große Clubs oder Festivals, in die man früher keinen Einblick hatte, und wollen das vor Ort ganz genauso. Und wenn es sie nicht sofort packt, ziehen sie weiter.“ Die Storys beim Fotonetzwerk Instagram mit maximal 15 Sekunden langen Videosequenzen hätten nicht nur die Sehgewohnheit einer ganzen Generation verändert, sondern auch deren Erwartungshaltung.
Müllers eigene Erwartungen? Nicht mehr im Schatten seines Vaters stehen. Mit dem Fußball hat er seinen Frieden gemacht. „Selbst wenn ich Profi geworden wäre, hätte ich wohl Europameister werden müssen, um nicht mehr nur der Sohn zu sein.“ Ganz abgeschlossen mit der Welt des Fußballs hat er aber nicht. Mit Holger Badstuber ist Müller bis heute befreundet. Ein Abendessen mit dem VfB-Abwehrspieler im Restaurant Ebony im Stuttgarter Westen inspirierte ihn so, dass er anschließend einen perkussiven Track geschrieben und nach dem Lokal benannt hat. „Wenn ich produzieren kann, ohne an das Endergebnis denken zu müssen, ist das wie Meditation für mich“, sagt Müller. Klingt nach einem traumhaften Zustand.