Leinfelden-Echterdingen Die Schneiderin spinnt Fäden nach Afrika

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In unserer Serie „Mein 2017“ sprechen wir mit Menschen, die im vergangenen Jahr etwas Außergewöhnliches erlebt haben. Wir fragen nach, wie es ihnen geht, was sich inzwischen verändert hat und blicken auch ein wenig in die Zukunft. Heute: Sarah Müller, die sich selbstständig gemacht hat – auch in Afrika.

Sarah Müller hatte nie geplant, ein Modelabel zu gründen, das Europa und Afrika verbindet. Foto: Klein
Sarah Müller hatte nie geplant, ein Modelabel zu gründen, das Europa und Afrika verbindet. Foto: Klein

Leinfelden-Echterdingen - Sarah Müller aus Echterdingen hat zwei Arbeitsplätze, und zwischen diesen liegen Tausende Kilometer. Der eine ist ihr Atelier in Musberg, der andere eine Werkstatt in Lusigetti nahe der kenianischen Hauptstadt Nairobi.

Dass es so kommen würde, war nie geplant. Die Schneiderin wollte nur ein halbes Jahr Dienst im Kinderheim und Ausbildungszentrum Karai Children’s Vocational Centre leisten. Darum flog sie im September 2016 nach Kenia und hatte dort die Idee, etwas für und mit den Leuten des Ausbildungszentrums aufzubauen.

Den Ausschlag gab, dass sie Carolin Nyambura kennenlernte, sie hatte dort ihre Lehre als Schneiderin abgeschlossen und fand keine Arbeit. „Ich habe mir gesagt, dass wir etwas für sie finden müssen“, sagt die 25-jährige Müller. Sie gründete Nyuzi Blackwhite. „Nyuzi bedeutet auf Suaheli, der dortigen Sprache, Fäden. Für mich sind das die Fäden, die verbinden“, sagt sie. Den weißen und den sogenannten schwarzen Kontinent.

Nyambura und zwei andere Frauen nähen in Kenia Babytragetücher aus Stoff sowie Taschen und Rucksäcke aus alten Viehfutter- und Zementsäcken und Müller verkauft diese in Deutschland. Das tut sie das ganze Jahr auf Dawanda, einem Marktplatz von Kreativen im Internet, und sie hat sie auf Weihnachtsmärkten angeboten.

Sie wollte das Land nicht als Touristin kennenlernen

„Mich hat Afrika schon immer interessiert“, sagt Müller. Was das ausgelöst hat, weiß sie nicht. Nach ihrer Lehre arbeitete sie bei einem großen Modelabel und erfuhr, dass ein Bekannter ihrer Mutter sich als Berufsschullehrer der Keniahilfe Schwäbische Alb vor Ort engagiert. Das passte. „Ich wollte Kenia nicht als Touristin kennenlernen, sondern dort leben.“ Sie kündigte ihren Job und ging unterstützt vom Baden-Württemberg-Stipendium nach Kenia.

„Das Leben dort war für mich zu Anfang arg fremd“, erinnert sie sich. Das Dorf Lusigetti sei so groß wie Musberg, bestehe aus Wellblechhütten, einem Supermarkt und dem Kinderheim mit angeschlossener Berufsschule. „Ich hatte so viele Eindrücke in den ersten Tagen, dass ich abends total müde war.“ Sie sog alles in sich auf. „Ich bin eingetaucht, und es war, als wäre ich in einer Blase, in der alles ganz anders ist.“ Sie nennt ein Beispiel: „Die Kinder kamen zu mir angerannt und riefen ,Musungu‘, also ,Weiße‘. So bekam ich mit, wie sich dunkelhäutige Menschen bei uns fühlen müssen.“

Aus Abfall Neues herstellen

Müller unterrichtete die jungen Erwachsenen, lernte aber auch von ihnen: „Ich habe mir zeigen lassen, wie die den Saum umnähen.“ Und ihr fiel auf, wie viel Müll herumlag. „Das war erschreckend.“ Dazu zählten auch leere Viehfutter- und Zementsäcke. Seit Müller Nyuzi gegründet hat, sind es weniger geworden. „Wir nähen daraus Taschen“, erzählt sie. Aus Abfall etwas Neues herzustellen, nennt man Upcycling. „Damit Carolin und andere davon leben können, verkaufen wir die Taschen in Deutschland.“ Vorher musste Müller die Schneiderinnen schulen. „Ich habe ihnen eine Pappschablone gemacht, und sie wurden besser und besser.“

Wieder zurück in Deutschland war ihr erster Verkauf ernüchternd. „Ich habe auf dem Flohmarkt auf dem Karlsplatz drei Taschen verkauft. Damit hatte ich die Standgebühr wieder drin“, erzählt sie. Der Durchbruch kam dann in Leinfelden-Echterdingen. „Beim Ostermarkt an der Eselsmühle habe ich mehr verkauft. Da wusste ich, dass ich dran bleiben möchte.“

Immer wieder musste Müller Probleme lösen und kennt sich inzwischen auch mit Zollbestimmungen aus. Die Waren lässt sie per Post schicken, und das dauert mitunter lange. „Manchmal kommen die Taschen just in time an“, sagt sie. Das war gerade in der Vorweihnachtszeit schwierig, wenn die Taschen schon längst wieder auf ihrem Weihnachtsmarktstand liegen sollten. Die Kommunikation ist kein Problem: „Wir haben jeden Tag über Whatsapp Kontakt.“

Ihr Blick auf Geld hat sich verändert

Mittlerweile hat Nyuzi Blackwhite die ersten Großkunden, wie eine Handwerkskammer, die 80 Taschen als Geschenk für die Kammersieger bestellt hat. „Es gibt einen Markt für unsere Produkte“, sagt Müller. Leben kann sie noch nicht von ihrer Arbeit. „Ich jobbe nebenher halbtags.“ Durch ihre Zeit in Afrika hat sich ihr Blick auf Geld verändert. „Früher habe ich gerne Mode gekauft. Heute überlege ich zweimal, ob ich fünf Euro ausgebe. Das ist in Kenia eine halbe Monatsmiete.“ Ihr ist aber auch klar, dass es auf der anderen Seite Kunden in Deutschland braucht, die Geld für ihre Taschen ausgeben.

Derzeit ist Müller wieder an ihrem Arbeitsplatz in Kenia, entwickelt neue Produkte und produziert bereits für das Weihnachtsgeschäft 2018. Denn nach dem Fest ist vor dem Fest.