Leinfelden-Echterdingen Dieser Mann kennt die Geheimnisse der Stadt

Stadtarchivar Bernd Klagholz (links) verabschiedet sich in den Ruhestand, Jürgen Helmbrecht übernimmt. Foto: Archiv/ Robin Rudel
Stadtarchivar Bernd Klagholz (links) verabschiedet sich in den Ruhestand, Jürgen Helmbrecht übernimmt. Foto: Archiv/ Robin Rudel

Mehr als drei Jahrzehnte hat Bernd Klagholz das Stadtarchiv von Leinfelden-Echterdingen geleitet und gemeinsam mit dem Förderverein Stadtmuseum 53 Ausstellungen organisiert. Hier erzählt er, was für ihn einen guten Archivar ausmacht.

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Leinfelden-Echterdingen - Eigentlich könnte Bernd Klagholz mit seinem Können vielmehr hausieren gehen. Schließlich hat er als erster Stadtarchivar von Leinfelden-Echterdingen von Oktober 1987 an das historische Gedächtnis der Stadt Leinfelden-Echterdingen gehütet, gepflegt und beständig erweitert und „dabei ein großes Wissen über die Stadt, ihre Menschen und ihre Geschichte zusammengetragen“, berichten Weggefährten. In diesen fast 34 Jahren hat er mit dem Förderverein Stadtmuseum 53 Ausstellungen organisiert; besonders gern erinnert er sich an die beiden stadtübergreifenden Projekte zum Zeppelin-Absturz zwischen Echterdingen und Bernhausen.

Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus auf den Fildern und der Geschichte des KZ-Außenlagers Echterdingen-Bernhausen war ihm eine Herzensangelegenheit. Die öffentlichkeitswirksame Trennung der Stadt von der Deutschen Fotografischen Akademie (DFA) hat ihn eher Nerven gekostet, denn Fotografen forderten die Herausgabe ihrer Bilder an die DFA ein. „Ich konnte jeweils nachweisen, was Eigentum der Stadt und was Eigentum der DFA ist“, sagt er dazu.

Ein bescheidener, empathischer Mensch

Trotz allen Rummels ist er schlicht Bernd Klagholz geblieben: ein ruhiger Typ, bescheiden, zurückhaltend, aber zugleich ein kreativer Kopf und ein sehr empathischer Mensch.

Der 66-Jährige drängt sich nicht auf, steht nicht gerne in der Öffentlichkeit und fühlt sich nicht wohl, wenn zu viel Aufhebens um seine Person gemacht wird. Dazu passt, dass er nicht publik machen will, ob und wie er seinen Abschied feiern wird. Ihm persönlich ist ein solches Fest auch nicht so wichtig, sagt er.

Ihm wäre es vielleicht sogar ganz recht, wenn er sich still und leise in den Ruhestand verabschieden könnte. Um sich dann einer der Biografien zu widmen, die sich auf seinem Nachttisch in Steinenbronn stapeln. Ganz oben liegt ein Buch über Kaiser Karl V., in dessen Reich die Sonne nie unterging. „Ein tolles Werk, das ich nur empfehlen kann“, sagt er. Mit dem Fahrrad erkundet er gern die nahe Umgebung – auf der Suche nach einem Fotomotiv, das freilich auch mit Architektur und Geschichte zu tun haben muss. „Tolle Bilder“ sind ihm gerade von der Kirche in Neckartailfingen gelungen.

Dass Bernd Klagholz verheiratet ist, einen 29-Jährigen Sohn hat, wissen nur die Wenigsten. Das Private hat er stets privat gehalten. „Ich wurde eben nicht groß dazu befragt“, sagt er. Als Autor aber ist er regelmäßig in Erscheinung getreten. Er hat historische Texte für unsere Zeitung geschrieben – zuletzt über die Pocken, einer einst schlimmen Seuche. Die Bände der Schriftenreihe des Stadtarchivs über das Filderkraut, das Siebenmühlental und die ehemals selbstständigen Ortsteile sind mit seinem Namen eng verknüpft.

Was für ihn einen guten Archivar ausmacht? „Beharrlich sein, seine Ziele nicht aus dem Auge verlieren und die Fähigkeit haben, auf Menschen zuzugehen, sie zu motivieren, dass sie beispielsweise Fotografien abgeben oder als Zeitzeugen für ein Interview zu Verfügung zu stehen“, antwortet er. Es sei nicht leicht, die Balance zu finden zwischen dem Sammeln und der Übernahme von Akten, sowie dem Veröffentlichen der Arbeits- und Forschungsergebnisse. Wichtig sei sich zu fragen, was bedeutsam ist, um die Lebenswirklichkeit der Stadt und der Bürger zu dokumentieren. Weil ein guter Archivar großzügige Räume braucht, war der Umzug des Stadtarchivs in das Gebäude der Firma MHZ Hachtel in Musberg für ihn ein Quantensprung. „Davon profitieren wir bis heute“, sagt er.

Eine Arbeit von gesellschaftlicher Relevanz

Spätestens seitdem im September 2005 auf dem US-Airfield die sterblichen Überreste von 34 jüdischen Häftlingen des KZ-Außenlagers​ gefunden wurden und fünf Jahre später die Gedenkstätte am Flughafen eröffnet wurde, habe er festgestellt, dass seine Arbeit „eine ganz hohe gesellschaftliche Relevanz hat“. Er sagt: „Zum Glück habe ich die Bürger, welche den jüdischen Häftlingen mit Lebensmitteln-Spenden ausgeholfen haben, noch rechtzeitig befragt.“ Und: „Sie haben versucht mit ihren bescheidenen Mittel zu helfen, das hat mich sehr berührt.“ Nicht so schnell vergessen wird er auch Ellen Perry, die Tochter eines Mannes, der in dem Lager sein Leben lassen musste. Der Vater wurde verhaftet, nachdem er für seine Tochter ein Stück Butter kaufen wollte. Als Ellen Perry dann den Ort besuchen durfte, wo er ums Leben kam, sei sie vor Weinen regelrecht zusammengebrochen.

Klagholz will eine Gegenposition beziehen zu dem Rechtsextremismus, der sich wieder ausbreitet. Hier müsse man versuchen, auch die jungen Leute mitzunehmen. „Sie sind motiviert, man muss aber auch auf sie zugehen“, sagt er. Die von Oberbürgermeister Roland Klenk angestoßene Arbeit der Gedenkstätten-Stiftung müsse unbedingt weitergehen.

Ende Mai legt der Leiter des Stadtarchivs seine Arbeit in die Hände seines Kollegen Jürgen Helmbrecht. „Da habe ich ein absolut gutes Gefühl“, sagt er. Zuvor muss er in seinem Büro in Musberg, das vor Akten überquillt, Ordnung schaffen. Ein elektronisches Findbuch für die Echterdinger Akten hat er noch rechtzeitig fertig gestellt. „Damit die Forscher der nächsten Generationen das richtige Arbeitsmittel in der Hand haben“, sagt er.




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