Leinfelden-Echterdingen - - Leinfelden-Echterdingen war und ist, laut Philipp Schwarz, Leiter des städtischen Planungsamtes, beliebt unter Gewerbetreibenden. „Sie sind dort nah an der Landeshauptstadt Stuttgart, direkt am Flughafen und der Autobahn. Die Verkehrsanbindung ist hervorragend.“ Die Nachfrage ist entsprechend hoch. Oberbürgermeister Roland Klenk musste allerdings schon namhafte Unternehmen ziehen lassen, weil er ihnen nichts anbieten konnte. Die Kommune will zu neuen Flächen kommen und bestehende Gewerbegebiete zeitgemäßer gestalten. Das habe auch mit dem Wandel der Automobilbranche, weg vom Verbrennungsmotor hin zum Elektroauto, zu tun, der auch die Stuttgarter Region umtreibe. „Hier muss sich die Stadt neue Dinge ausdenken.“
Zwei Büros, zwei Schlagworte
Von Oktober an läuft deshalb in Leinfelden-Echterdingen ein Prozess an, welchen die dazu nun vom Gemeinderat beauftragten Büros mit den Schlagworten „Transformation“ und „Vision“ umschreiben. Das Institut für Stadt- und Regionalentwicklung Nürtingen IfSR wird für ein Honorar von 39 359 Euro schauen, wie sich das Gewerbegebiet Echterdingen Nord – exemplarisch für andere Gewerbegebiete – verändern lässt. Wie es attraktiver, zukunftsfähiger und ökologischer werden kann. „Der Bestand muss fit gemacht werden, damit er neue Themen aufnehmen kann“, sagt Schwarz. Laut Alfred Ruther-Mehlis von IfSR gibt es in dem Gebiet einige Leerstände, Umstrukturierungen und viele Schnittstellen zur Landschaft, die gestaltet werden könnten. „Damit die Leute in der Mittagspause in öffentliche Grünflächen können“, erklärt Schwarz unserer Zeitung.
In einigen Teilbereichen solle gezielt nachverdichtet werden, meint das Büro. Es sei zu überlegen, welche Teile des Gebiets künftig welches Profil erhalten sollen. Möglicherweise müsste man auch das Wohnen und das Arbeiten entflechten, um dem Gewerbe mehr Luft zum Atmen zu geben. Das Arbeitsumfeld der Mitarbeiter sollte attraktiver und umweltfreundlicher werden. Als ein Beispiel nannte der Experte ein Carsharing-Angebot der Unternehmen untereinander. Der Fahrrad- und Fußgängerverkehr sollte auch im Gewerbegebiet verbessert werden. Schwarz könnte sich vorstellen aus der Nikolaus-Otto-Straße mittels Bäumen und Grünflächen einen attraktiven Boulevard zu machen.
Kommunikation ist für Ruther-Mehlis ein sehr wichtiges Mittel. Alle Betriebe, Bürger und Eigentümer sollen partizipieren, an einem Tisch geholt werden. „Wir wollen auch mit Mitarbeitern ins Gespräch kommen, nicht nur mit den Firmenchefs“, sagte er in der Gemeinderatssitzung. Und: „Die Transformation läuft bereits, sie sollte aber gestaltet werden.“ Ein gelungenes Beispiel dafür ist laut Stadtplaner Schwarz der Neubau Vision One am Echterdinger Ortseingang. Er könnte sich vorstellen, dem Gebiet wenige Schritte weiter mit einem weiteren markanten Gebäude mehr Kontur zu verleihen. Bestehende Gebäude könnten mit einer höheren Bebauung besser genutzt werden.
Stadtentwicklung von morgen
Das zweite Büro im Boot ist das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO Stuttgart. Es will sich in den Rötlesäckern an „eine Stadtentwicklung von morgen“ wagen, wie Steffen Braun ausführte, um „Unternehmen von morgen anzuziehen“. Das Institut wird dazu eine Vision, eine Leitidee 2030+ entwickeln. Kosten: 60 035 Euro. Die bisher unbebauten Ackerflächen liegen in Unteraichen zwischen dem Meisenweg und der Maybachstraße. Oberbürgermeister Roland Klenk möchte das Gebiet schon lange erschließen. Das Fraunhofer-Institut will mit Vertretern der Wirtschaft und aufbauend auf bestehende Gutachten dort „einen Zukunftsraum“ aufbauen, in dem Gewerbe und Wohnen möglich ist. Auch hier sollen alle Protagonisten an einen Tisch geholt werden. „Es müsse von vornherein mit offenen Karten gespielt werden“, betonte Klenk. „Dort kann es viel um das Thema klimaneutrales Bauen und um Recycling gehen, also dass alles wieder in die Produktionskreisläufe zurückkommt“, erklärt Schwarz. „Beide Gebiete sollen parallel entwickelt werden und sich gegenseitig befruchten“, sagt er. Angedacht ist, dass sich dazu die Teams der beiden Büros immer wieder treffen und sich austauschen. Aber auch ein Flächentausch könnte möglich werden. Eine Firma baut also in den Rötlesäckern ein klimaneutrales Gebäude, ihre bisherige Gewerbefläche in Echterdingen Nord kann dann umgenutzt oder renaturiert werden. Bis März 2022 soll es für beide Gebiete eine Idee geben, wie es weitergehen kann. Dann wird der Gemeinderat entscheiden, ob daraus mehr wird.
Reaktionen der Kommunalpolitik
CDU, L.E. Bürger/DiB und FW/FDP bewerteten das Vorgehen„als große Chance“, auch weil sich in Leinfelden-Echterdingen schon sehr viele „innovative Betriebe angesiedelt haben“, wie Eberhard Wächter sagte. Seitens der SPD gab es kritische Stimmen: „Wie wollen Sie die Menschen, die nicht hier leben, an einen Tisch bekommen?“, fragte Erich Klauser. In Echterdingen Nord gebe es sehr viele kleine Grundstücke, sehr viele Eigentümer. Einige Grüne stimmten am Ende gegen eine Untersuchung der Rötlesäcker. „Wenn wir von der Transformation profitieren, dann brauchen wir nicht in den Außenbereich gehen“, erklärte Ingrid Grischtschenko.