Leipziger Buchpreis für Anke Stelling Berlin ist nicht Bullerbü

Von Martin Halter 

Die in Stuttgart aufgewachsene Schriftstellerin Anke Stelling hat den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen. In ihrem Roman „Schäfchen im Trockenen“ erzählt sie von einer Großfamilie im Berliner Aufsteigermilieu.

Anke Stelling wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Foto: dpa
Anke Stelling wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Foto: dpa

Stuttgart - Von so etwas hätte Resi, die Hauptfigur von Anke Stellings Roman „Schäfchen im Trockenen“, nur träumen können: 15000 Euro. So hoch ist der renommierte Preis der Leipziger Buchmesse dotiert, den Anke Stelling für Resis Geschichte nun verliehen bekommen hat. Resi fällt allerdings aus ganz anderern Gründen aus allen Wolken: ihre alten Freunde Frank und Vera haben ihr die schöne, bezahlbare Wohnung in bester Berliner Lage gekündigt. Aber eigentlich hätte sie es wissen können. Resi kommt immerhin von Parrhesia, die Wahrheitsliebende, und die Wahrheit ist, wie Ingeborg Bachmann sagt, zumutbar: Eine Familie mit vier Kindern passt nicht ins Trendviertel Friedrichshain, die alten Jugendträume und schönen Utopien vom gemeinsamen Arbeiten und Leben währen nicht ewig. Vor allem, wenn die einen Karriere machen und Immobilien kaufen und die anderen brotlose Untermieter bleiben, prekäre Künstler wie Sven oder die „hoffnungslos unveröffentlichte“ Schriftstellerin Resi. Wer hat (reiche Eltern, ererbtes Selbstbewußtsein, SUV in der Garage, geschmackvolle Freischwinger im Eigenheim), dem wird gegeben. Die anderen ­bleiben ewig im Mief und Muff ihrer Kindheit stecken.

Eigentlich weiß Resi, Schwäbin aus sozial schwachen Verhältnissen, dass Berlin nicht Bullerbü ist. Aber es tut eben doch weh, wenn man den Kindern keinen Fjäll-Raven-Rucksack kaufen und sie in den Ferien höchstens zu den Großeltern schicken kann, während ihre Klassenkameraden nach Barcelona oder Bali fliegen. Wenn man beim „Elendscasting“ der Vermieter und Bauherren nur gewinnt, weil eine Großfamilie im Haus ein willkommenes Aushängeschild für achtsames Miteinander und soziale Diversität ist. Wenn Resi fürs Schreiben nur die Besenkammer hinter der Küche hat – und ihr die betuchten Freunde dann noch Freundschaft und Wohnung kündigen, weil sie in ihrem letzten Roman angeblich unsolidarisch und indiskret war.

Lebenskluge Skepsis

Anke Stelling, 1971 in Ulm geboren, in Stuttgart aufgewachsen und seit den Neunzigern in Berlin lebend, hat das so oder ähnlich erlebt. 2015 schrieb sie in „Bodentiefe Fenster“ über die feinen Risse hinter den Fassaden der Neuen Bürgerlichkeit und wurde tatsächlich des Verrats geziehen. Stelling knöpft sich dennoch wieder die linksliberalen Helikoptermütter vor, die ihre Schäfchen längst ins Trockene gebracht haben, aber sie wird dabei nie denunziatorisch oder gar persönlich. Es ist keine Abrechnung, sondern eine kritische Selbstbefragung: Woher nimmt Resi mit ihren vier Kindern (Stelling hat drei) die Kraft und den Mut zum Schreiben? Bei der Frage „Wie schaffen Sie das nur?“ hört sie immer nur den Subtext: Selber schuld oder Wie blöd ist die denn?

Wer in Berlin-Mitte leben will, Ambitionen und Ansprüche hat, muss auch die entsprechenden Mittel dafür haben. Resi hat nichts, aber im Gegensatz zu ihrer Mutter, die sich klaglos in ihr Schicksal als geschlagene, übersehene und am Ende betrogene Frau fügte, will sie „Protagonistin ihres eigenen Lebens“ werden. Resi lässt sich nichts gefallen, aber sie hadert auch mit sich selbst, mit ihrer provinziellen Unbeholfenheit und Unbeherrschtheit.

Geschichten über Konflikte und feine Distinktionen im grünen Aufsteiger- und Selbstverwirklichungsmilieu gleiten leicht in fade Satiren und larmoyante Klagen ab. Aber dafür hat Resi zu wenig Selbstmitleid und Stelling zu viel Selbstironie und lebenskluge Skepsis. Die langen Jahre des schriftstellerischen Misserfolgs haben ihren Blick für Demütigungen und gönnerhafte Herablassung geschärft. In einer unprätentiösen, aber präzisen Sprache, mit lebendigen Dialogen, plastischen Szenen und geschickt platzierten Rückblenden erzählt sie von Herkunft, Alltag und Träumen einer überforderten Mutter zwischen Schreiben und Kindererziehung, Selbstzweifeln und erzwungener Selbstbescheidung. Und von den alten Widerstandsgesten ihrer Punkphase: Rauchen, Saufen, Wildpinkeln, verbale Provokationen.

Jenseits des S-Bahn-Gürtels

Zugegeben, manchmal geht einem Resi auch auf die Nerven. Sie will überall dazu gehören, aber sich dann lieber doch nicht gemein machen mit all den smarten Rechtsanwälten, Journalisten und anthroposophischen Müttern. „Marzahn statt Kreuzberg“ ist für sie eine Horrorvorstellung, so als ob es kein Leben jenseits des S-Bahn-Gürtels gäbe. Sie geht hart mit ihrer Mutter ins Gericht, die sogar hässliche Fußböden klaglos ertrug. Aber auf Holz­estrich oder Terracotta-Fliesen lebt man nur auf größerem Fuß, nicht unbedingt anders oder besser.

Was sie schreibe, sagt Resi, sei nicht ironisch abgeklärt wie Thomas Mann oder Martin Walser, das „Gegenteil eines gut gebauten, elegant komponierten Romans“. Große, „echte Literatur hat Personal“. Sie kann nur voller Scham, Empörung und bitterem Witz über sich und ihr Leben schreiben. Genau deshalb wurde „Schäfchen im Trockenen“ zu Recht mit dem Leipziger Buchpreis geehrt.