Stuttgart - Es war eine Woche des Missvergnügens für die deutschen Autobauer. Die etwas verblasste Dieselkrise war schlagartig wieder präsent. Selbst die Rekordzahlen von Daimler konnten die Enthüllungen über die wissenschaftlich kaschierte Lobbyarbeit der Konzerne nicht überstrahlen. Anstatt sich über den Milliardengewinn der Stuttgarter zu freuen, erregte sich die Öffentlichkeit über einen Versuch mit zehn Affen in Amerika. Deren Befinden schien wichtiger zu sein als das Wohlergehen eines der wichtigsten deutschen Unternehmens, von dem gerade in Baden-Württemberg ein Gutteil des Wohlstands abhängt. Eine typisch deutsche Diskussion also, mit verrutschten Maßstäben?
Ja und nein. Um die Affen oder das Für und Wider von Tierversuchen geht es nur vordergründig. Die Bilder von Makaken, die in Glaskästen eingesperrt Dieselabgase einatmen mussten, verhalfen aber einem Thema zu jener Aufmerksamkeit, die es schon lange gebraucht hätte. Anstatt alle Anstrengungen darauf zu konzentrieren, saubere Dieselmotoren zu entwickeln, bemühten sich die Konzerne, mit Hilfe ihres Lobbyvereins EUGT die Schädlichkeit der Abgase zu relativieren. Nicht nur Motoren wurden manipuliert – bei Volkswagen eingestandenermaßen, anderswo mutmaßlich –, auch die öffentliche Meinung und die Entscheidungsträger in Politik und Behörden sollten manipuliert werden.
„Menschenversuche“ in den Großstädten
Diesem Ziel sollte der Affenversuch mit einem manipulierten Testfahrzeug dienen, erst das macht ihn so verwerflich. Und dazu sollte auch das eigentlich harmlose Aachener Experiment benutzt werden, bei dem Menschen dem Reizgas Stickstoffdioxid ausgesetzt wurden. Das wenig aussagekräftige Ergebnis passte bestens in die Strategie der EUGT, durch Studien Zweifel an den Gesundheitsrisiken durch Schadstoffe und an der Wirksamkeit von Gegenmaßnahmen wie etwa Umweltzonen zu wecken. Die Aachener Forscher, eigentlich an Belastungen am Arbeitsplatz interessiert, ließen sich dafür allzu blauäugig einspannen. Künftig dürften sie genauer hinschauen, von wem sie Geld nehmen und wofür ihre Befunde instrumentalisiert werden sollen. Wenn man sich über „Menschenversuche“ aufregen will, dann wäre dies eher angebracht angesichts der faktischen Großversuche in deutschen Städten – zum Beispiel am Stuttgarter Neckartor –, wo seit Jahren nicht genug getan wird, um die europaweiten Grenzwerte endlich einzuhalten.
Nun, da die seit Jahren im Halbdunkeln stattfindende Lobbyarbeit einmal grell ausgeleuchtet wurde, zeigen sich die Konzerne tief zerknirscht. Eine Distanzierung jagt die nächste, man demonstriert Demut und entschuldigt sich. Wieder soll es, wie bei den Motormanipulationen, um das „Fehlverhalten Einzelner“ gehen. Die Öffentlichkeit wird mit ersten Konsequenzen besänftigt: mal wird ein Cheflobbyist abgelöst (VW), mal ein Umweltbeauftragter (Daimler) oder ein Referent (BMW) – aber stets nur vorläufig. Der Begriff Bauernopfer wirkt dafür noch zu hoch gegriffen. Waren die Vorstände wirklich so ahnungslos wie die berühmten drei Affen: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen?
Unterm Radar der Konzernchefs?
Es wäre nicht viel besser, als wenn sie eingebunden gewesen wären. Verantwortung hat man auch, wenn man sie nicht wahrnimmt. Doch es erscheint schwer vorstellbar, dass die Lobbyarbeit samt den jetzt sichtbaren Auswüchsen gleichsam unterhalb des Radars der Konzernspitzen stattfand. Wenn diese es ernst meinen mit der umfassenden Aufarbeitung, dann dürfen nicht nur einzelne Subalterne in den Blick genommen werden. Dann muss es um Strukturen in den Konzernen und um die Verantwortung auch ganz oben gehen. Das wird nicht leicht fallen. Doch die Konzerne sollten nicht darauf bauen, dass die öffentliche Aufmerksamkeit bald wieder nachlässt. Es liegt in ihrem eigenen Interesse, sich schonungslos zu durchleuchten.
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