Stuttgart versteckt seine Sehenswürdigkeiten. Warum eigentlich? Die Stadt muss sich endlich auch nach innen besser vermarkten.

Lokales: Jan Sellner (jan)

Stuttgart - Zeigen, was man hat. Das gehört nicht zu den hervorstechenden Eigenschaften des hiesigen Menschenschlages. Man ist zurückhaltend, lebt unauffällig – im Unterschied zu Bewohnern in anderen Teilen der Republik. Anderswo – sagen wir in bestimmten Gegenden Münchens – leben die Gernegroße, in Stuttgart hingegen sind die Gernekleins daheim.

Es ist ja nicht so, dass man nichts hätte. Aber etwas zur Schau stellen . . . nein, das kommt nicht in Frage. In Stuttgart und Umgebung trägt man nicht dick auf, man trägt darunter. Der Mercedes steht, wenn möglich, in der Garage, das Eigenheim heißt Häusle, egal wie groß es ist. Einen schwäbisch sprechenden Prahlhans zu finden, ist praktisch unmöglich. Hier beißt man sich lieber auf die Zunge. Trotz allem südländischen Flair, das diese Gegend seit einigen Jahren verströmt, agiert der Schwabe vorzugsweise „hälenga“ – also versteckt.

Es gibt auch falsche Bescheidenheit

Man kann das positiv wenden – als Ausweis charakteristischer Bescheidenheit. Es gibt aber auch eine falsche Bescheidenheit. Sie zeigt sich überall dort, wo Dinge von allgemeinem Interesse unter den Scheffel gestellt werden. Gemeint sind Stuttgarts Schätze, die es zahlreich gibt – wenn man nur immer wüsste wo.

Ein Beispiel aus dieser Woche. Da wurde das Stuttgarter Rathaus 60 Jahre alt. Bei dieser Gelegenheit fiel der Blick auf den sogenannten Festraum, im Rathausjargon lange „Grablege“ genannt. Das mag daran liegen, dass sich der Besucher in eine Kapelle versetzt fühlt. Die Wirkung entsteht durch ein monumentales Glasfenster der Künstlerin Ida Kerkovius (1879-1970), die zu den führenden Vertreterinnen der Klassischen Moderne in Deutschland zählt. Ein echter Schatz. Doch er wird nirgendwo beworben.

Ein ähnliches Bild bietet sich in der Gaisburger Kirche. Die Fenster dort sowie die Gemälde in der Apsis stammen von der ebenfalls bedeutenden Künstlerin Käte Schaller-Härlin (1877-1973). Sie sind nicht nur erwähnens-, sondern auch unbedingt sehenswert. Hätten Sie’s gewusst? Wenn ja, wohl eher zufällig. Das sind nur zwei Beispiele dafür, wie man in Stuttgart das Wort Geheimtipp versteht: Am besten gar nicht darüber reden.

Was haben Schwarzwalduhren mit Stuttgart zu tun?

Dabei geht es keineswegs nur um große Kunst, sondern ganz allgemein um Sehenswürdigkeiten. Die Cannstatter Mineralbäder, die Weißenhof-Siedlung oder die vielen Aussichtspunkte rund um den Kessel beispielsweise werden weit unter Wert verkauft. In der Tourismus-Info in der Königstraße finden sich dazu keine auffälligen Hinweise. Hingegen kann sich der Einheimische beim Anblick von Schwarzwalduhren schon fragen: Was hat das bitteschön mit uns zu tun? Und was mit den Stuttgarter Schätzen? Immerhin gibt es eine Führung gleichen Namens.

Doch das ist zu wenig. Die Stadt sollte nicht nur die Touristen im Blick haben, die sich für die zweifellos großartigen Automuseen und Musical-Aufführungen interessieren. Sie muss sich auch besser nach innen vermarkten. Es ist doch so, dass viele Stuttgarter selbst nicht wissen, was ihre Stadt alles zu bieten hat. Stadtverwaltung, Marketing, alle zuständigen Stellen sind hier gefordert. Sie sollten sich ein Bild von Stuttgarts Schätzen machen und sie bewerben – gerne groß.

j.sellner@stn.zgs.de