Berlin - Am Aschermittwoch ist Karneval ja eigentlich vorbei – nicht so bei der SPD. Das wilde Treiben in der Partei wird weitergehen. Neben dem Fehlen eines fixen Enddatums unterscheidet noch ein weiterer Umstand die Kapriolen in der SPD vom turbulenten Gewese der Närrinnen und Narren: Spaß macht das keinem Genossen. Prägende Gemütszustände sind Angst, die Sehnsucht nach dem großen, befreienden Knall, bei manchen: Rachsucht. Daran ändert auch die Aussicht nichts, dass erstmals in der bald 155-jährigen Geschichte dieser stolzen Partei mit Andrea Nahles eine Frau an die Spitze treten soll. Die Genossen tanzen in atemberaubenden Pirouetten dem Abgrund entgegen, in Umfragen trennt die Partei von Otto Wels und Willy Brandt nur noch ein Wimpernschlag von den Rechtspopulisten der AfD.
Das hat gewiss zu tun mit der Diskrepanz zwischen dem historischen Anspruch, als Fortschrittspartei das Leben der Menschen besser zu machen, und der realen, seltsam konservativ anmutenden Zukunftsangst, die der Partei im Zeitalter von Digitalisierung und Globalisierung aus allen Poren dringt. Das allein aber erklärt die desolate Lage nicht. Es ist die schillernde Vielfalt der Ansichten darüber, wie es weitergehen soll, die diese Partei zu zerreißen droht, weil keine allseits respektierte Führung in Sicht ist, die diesen Fliehkräften entgegenwirken könnte.
Tief sitzendes Misstrauen
Die Genossen wirken kopflos, weil zu viele nach den Enttäuschungen, Selbsttäuschungen und Demütigungen der vergangenen zwei Jahrzehnte schlicht keine gewählte politische Führung mehr akzeptieren wollen. All die Urwahl-Debatten, Satzungsdiskussionen, Sonderparteitage und letztlich auch das Mitgliedervotum sind Ausdruck dieses tief sitzenden Misstrauens gegenüber „denen da oben“, das die SPD von innen zersetzt. Vorsitzende vom Schlag Gerhard Schröders und Franz Münteferings haben mit ihren Basta-Attitüden, mit denen sie die Partei auf Linie zwangen, der SPD wenigstens nichts vorgemacht.
Sigmar Gabriel und Martin Schulz hingegen haben anfangs honigsüß Euphorie entfacht und die Hoffnung geweckt, dass mehr Beteiligung, mehr fruchtbarer Streit möglich und die Zeit der Top-down-Entscheidungen vorbei sein würde. Aber letztlich lieferten beide mit ihren gebrochenen Schwüren, atemberaubenden Richtungswechseln und dem unappetitlichen Ende ihrer Männerfreundschaft vielen in der Partei den endgültigen Nachweis für die These, dass aus dieser alten Nomenklatura, zu der auch Nahles zählt, in diesem Frühjahr kein frisches Grün mit leuchtend roten Blüten mehr sprießen wird.
Das Mitgliedervotum wird zum Lotteriespiel
Dennoch führt in diesen Wochen an Nahles kein Weg vorbei. Die überraschende Kandidatur der bundesweit kaum bekannten Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange ändert daran nicht. Nur Nahles verfügt mit ihren Gesprächskontakten in alle Parteigliederungen hinein über die Bindekraft, die SPD abermals in eine große Koalition zu führen und trotzdem zu erneuern, gerade weil sie ein Gespür dafür hat, wie sehr die Genossen am Bündnis mit der Union leiden. So ehrenwert und nachvollziehbar deshalb die Kandidatur Langes auch sein mag, so sehr könnte die 41-Jährige am Ende dann doch ihrem eigenen Ziel schaden, die SPD zu beleben. Denn ihre Kandidatur wird den Fokus der Öffentlichkeit auf die Auseinandersetzung einer Außenseiterin mit einer Vertreterin des Parteiestablishments lenken. Es wird kaum Raum bleiben, die erzielten Erfolge in den Koalitionsverhandlungen zu diskutieren. Das Mitgliedervotum zur Groko wird so mehr denn je zu einem Lotteriespiel. Stimmen die Mitglieder in einem irrationalen Akt der Verzweiflung mit Nein, muss Nahles ihre Koffer im Willy-Brandt-Haus gar nicht erst auspacken. Das Angebot der SPD bei Neuwahlen wäre ein Scherbenhaufen. Wer würde den noch wählen?
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