Leiterin des Münchinger Heimatmuseums gestorben Eine quasi unersetzbare Museumschefin

Für Sabine Rathgeb war das Münchinger Heimatmuseum mehr als ein Arbeitsplatz. Foto: Stadt Korntal-Münchingen

Fast 15 Jahre lang hat Sabine Rathgeb das Münchinger Heimatmuseum geleitet. Nun ist sie gestorben, mit gerade mal 54 Jahren. Der Schock in der Stadt sitzt tief. Wie geht es weiter?

Leonberg: Stefanie Köhler (koe)

Noch immer können viele Menschen in Korntal-Münchingen nicht recht fassen, dass Sabine Rathgeb nicht mehr da ist. „Für mich war immer die Frage, wann sie zurückkehrt, nicht ob“, sagt Andreas Walter. Zumal sie auf dem Weg der Besserung war. Der Optimismus des Stadtarchivars wird erschüttert. Nach schwerer Krankheit stirbt die Leiterin des Heimatmuseums Münchingen am 11. August mit 54 Jahren. Ihn treffe das gefühlt dreimal, sagt Andreas Walter. „Ich trauere um meine geschichtlich versierte Arbeitskollegin, engagierte Vereinskameradin und gute Freundin.“

 

Sabine Rathgeb schätzte ihre Heimat und war auch Mitglied im Vorstand des Heimatvereins Münchingen – wie Andreas Walter es ist. Sie habe sich ein „unheimliches Wissen“ zu Herzog Carl Eugen von Württemberg und Franziska von Hohenheim angeeignet. Bei ihren Führungen auf Schloss Solitude schlüpfte sie in die Rolle der Franziska von Hohenheim. „Sie konnte schneidern und stellte sich auch eigene historische Kostüme her“, sagt Andreas Walter. Ebenso gern habe sie gemalt, Landschaften und Gebäude. „Unsere großen Themen waren meist die Kunst.“ Sie habe ihm ein Foto ihres letzten Werkes geschickt – „eine schöne Dünenlandschaft. Umso mehr war ich ergriffen, als das Bild bei der Trauerfeier im Original an ihrem Sarg stand“, sagt Walter. Der Sabine Rathgeb zudem seine „Wegbereiterin“ nennt. „Warum nicht du?“, fragte sie ihn, als die Stadt im Jahr 2022 einen Nachfolger für den Archivar Alexander Brunotte suchte. „Und als ich dachte, dieses Vorhaben scheitert, war sie es, die mir Mut machte.“

Bis zum Schluss engagiert

Oft gleich mehrere Ausstellungen im Jahr konzipierte Sabine Rathgeb, nachdem sie im Jahr 2010 die Leitung des Heimatmuseums übernommen hatte. Ihre letzte Schau vergangenes Jahr hieß „Waschen und Putzen. Schwäbische Frauenpower im Haushalt“. Sie war seit 31. März 2023 zu sehen, wurde gar im Oktober bis Anfang März dieses Jahres verlängert – da war Sabine Rathgeb bereits nicht mehr im Dienst – aber weiter präsent.

Obwohl sie krankgeschrieben war, hat sie das Team im Heimatmuseum sowie Heimatverein unterstützt. Beratend im Hintergrund, sagt der Bürgermeister Alexander Noak (parteilos). Sabine Rathgeb sei nicht nur ein „unheimlich netter und freundlicher Mensch“ gewesen, sondern auch eine „unheimlich engagierte und fleißige Mitarbeiterin“. Das Museum war für sie mehr als bloß ein Arbeitsplatz. Mit ihrem Job habe sie sich identifiziert, mit ihrer Arbeit Identität gestiftet, sagt Noak. „Sie hat das Heimatmuseum geliebt und gelebt, sehr viel Herzblut reingesteckt. Wir verlieren sie auch als Persönlichkeit.“

Begeisterung für Geschichte steckte an

Das Museum war laut Noak immer gut besucht. Voriges Jahr kamen 1247 Besucher, im ersten Halbjahr führte Sabine Rathgeb noch etwa 200 Leute durch die Ausstellung. Das Jahr davor lockte 1682 Menschen.

Rollenwechsel: Sabine Rathgeb verwandelte sich im Jahr 2011 beim Hobafäschd in Franziska von Hohenheim. Foto: Stadt Korntal-Münchingen

Wer Sabine Rathgeb erlebte, spürte ihre Begeisterung für Geschichte, mit der sie andere ansteckte. Sah in den Ausstellungen, in denen sie immer auch Ortsgeschichte aufbereitet hat, ihre Liebe zum Detail. Sabine Rathgeb durchforstete sowohl das Korntal-Münchinger Stadtarchiv als auch die Staatsarchive in Ludwigsburg und Stuttgart sowie kirchliche Archive. Und brachte auch die passenden Geschichten, Anekdoten mit, mit denen sie ihr Publikum fesselte. „Sie schaffte es durch ihre Erzählungen aus verschiedenen Epochen, die Menschen in diese Zeit zu versetzen“, sagt Andreas Walter. Die Mitmachaktionen sprachen auch jüngere Menschen an. „Die Jüngeren wollen nicht bloß gucken“, meinte Sabine Rathgeb einmal. Der Bürgermeister sagt, sie habe es mit ihren Ausstellungen geschafft, dass die Menschen sich mit dem Ort identifizieren.

„Wir sind noch in der Schockstarre“

Am Heimatmuseum hält die Stadt fest. Als Verwaltung und Gemeinderat übers Jahr 2022 überlegten, wo die Kommune angesichts der Doppelstrukturen in Korntal und Münchingen Geld sparen kann, stellten sie auch das Heimatmuseum auf den Prüfstand. Und befanden es für „zu wertvoll für die Stadt“, so Noak, um daran zu rütteln. Umso dankbarer ist der Rathauschef dem Heimatverein, dass er mit anpackte, damit der Betrieb im Heimatmuseum weitergeht. Derzeit zeigt es „Dachbodenschätze von A-Z“.

Die Stadtverwaltung möchte noch eine Weile verstreichen lassen, ehe sie eine neue Leitung sucht. „Wir sind noch in der Schockstarre und nehmen uns noch etwas Zeit“, sagt Alexander Noak. Nächstes Jahr ist es 50 Jahre her, dass die Stadt Korntal und die Gemeinde Münchingen fusionierten. Mit Blick auf das Jubiläum, die Feierlichkeiten und natürlich die Geschichte hofft der Rathauschef, zum Jahresbeginn jemanden zu haben, der das Ruder übernimmt. Wenngleich die Ansprüche hoch sind: Das Konzept Heimatmuseum funktioniere nur, wenn bei dem oder der Neuen ebenfalls „diese Verbundenheit und Identifikation mit der Stadt“ deutlich zu erkennen seien.

Ein Buch soll veröffentlicht werden

Denn auch wenn es Heimatmuseum Münchingen heißt: Sabine Rathgeb habe immer auch den Blick für Korntal gehabt, sagt Andreas Walter. Die größte Ausstellung für sie wie den Heimatverein sei „Korntal 1819 bis 2019. Rückblicke & Einblicke“ im Rathaus gewesen. „Da hat sie sich richtig reingekniet“, so Walter. Zur Schau hatte Sabine Rathgeb ein mittlerweile weit gediehenes Manuskript ausgearbeitet. „Zu dieser Arbeit fühle ich mich emotional verbunden und verpflichtet, da sie mir in ihrer letzten Nachricht – im letzten Satz – mitteilte: ‚Das Buch liegt mir echt am Herzen’“, erzählt Andreas Walter. „Es wäre schön, wenn wir mit vereinten Kräften das Buch posthum herausgeben könnten.“ Sabine Rathgeb bleibe zwar unvergessen, das Buch aber mache sie „ein bisschen unsterblich“.

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