Leitzinserhöhung Auf der Welle der hohen Preise
Die Inflationsrate sinkt allmählich – doch die Europäische Zentralbank und die Gewerkschaften sehen ihren Job noch nicht als erledigt an, meint Matthias Schiermeyer.
Die Inflationsrate sinkt allmählich – doch die Europäische Zentralbank und die Gewerkschaften sehen ihren Job noch nicht als erledigt an, meint Matthias Schiermeyer.
War es das schon mit den hohen Lohnabschlüssen? So könnte man fast vermuten. Denn die exorbitante Inflation lässt nach, die Konsumausgaben nehmen zu, und die Beschäftigten gewinnen Umfragen zufolge an Zuversicht, dass ihr Einkommen bald wieder ausreichen könnte. Wirtschaftsforscher stellen schon für die zweite Jahreshälfte wieder wachsende Realeinkommen in Aussicht. Folglich könnte auch der Druck auf die Gewerkschaften nachlassen, rekordverdächtige Lohnzuwächse durchzusetzen. Ist es also Zeit für eine Trendwende in der Tarifpolitik, wie wohl nicht wenige Wirtschaftsvertreter hoffen mögen?
Dies wäre freilich eine sehr theoretische Betrachtung. Denn die Gewerkschaften haben erkannt, was sich mit dem Bedrohungsszenario von Wohlstandsverlusten alles erreichen lässt. Selten zuvor fiel ihnen die Mobilisierung so leicht, wie nie zuvor haben sie in Arbeitskämpfen Mitglieder hinzugewonnen – dies werden sie in immer mehr Branchen forcieren. Gerade einkommensschwächere Gruppen sehen sich weiterhin mit dem Rücken an der Wand und wollen die Gelegenheit nutzen, deutlich mehr für sich herauszuholen. All dies dürfte die Gewerkschaftsführer motivieren, an der eingeschlagenen Offensive festzuhalten und dabei weiterhin jede Warnung vor einer Lohn-Preis-Spirale beiseite zu wischen.
Die dezent nachlassende Teuerung kann das Arbeitnehmerlager kaum beruhigen, weil das Inflationsniveau nach wie vor sehr hoch ist, gerade bei Lebensmitteln. Die Sorge, dass sich die hohe Inflation verfestigt, hat auch die Europäische Zentralbank (EZB) erfasst – angesichts einer viel kritisierten, weil zu zögerlichen Zinspolitik in der Vergangenheit setzt die EZB ihren rigiden Kurs nun fort.
So unbeirrt, wie beide Seiten erscheinen, so sehr bleibt die Unsicherheit über die weitere Entwicklung erhalten. Klare Umkehrpunkte wird es nicht geben, eher eine schleichende Annäherung an die Normalität.