DJ Len Faki aus Stuttgart Unser Mann im Berghain
Len Faki stammt aus Stuttgart, ist ein Star der elektronischen Musik – und war der erste DJ, der jemals im weltbekannten Berliner Kultclub Berghain auflegte. Jetzt feiert das Berghain 20. Geburtstag.
Len Faki stammt aus Stuttgart, ist ein Star der elektronischen Musik – und war der erste DJ, der jemals im weltbekannten Berliner Kultclub Berghain auflegte. Jetzt feiert das Berghain 20. Geburtstag.
Kurz vor Mitternacht an einem Samstag in Berlin: Ständig ploppen neue Nachrichten in den einschlägigen Reddit- und Telegram-Gruppen auf: „Hows the q?“ (Wie lang ist die Schlange?) wird wieder und wieder gefragt. Obwohl die Metalltür zu den Maschinenhallen des ehemaligen Heizkraftwerks in Friedrichshain noch geschlossen ist, schlängeln sich tatsächlich schon jetzt einige hundert Menschen vorbei am Kiosk, der als Wegmarke gilt um abzuschätzen, wie lange es dauert, bis man es zum Eingang dieses fast schon mythischen Berliner Techno-Clubs geschafft hat: das Berghain.
Seit 20 Jahren wird hier immer von Samstagnacht bis Montagvormittag gefeiert. Das Berghain gilt als eine der coolsten Technodiscos der Welt, auch weil es den Ruf hat, der Club mit der „härtesten Tür“ zu sein: Wer rein will, braucht nämlich nicht nur Geduld beim Schlangestehen, sondern muss auch von zu Szene-Stars aufgestiegenen Türstehern wie Sven Marquardt oder Mischa Fanghaenel eingelassen werden. Und daran – so die Legende – sind auch schon Britney Spears, Lady Gaga oder Elon Musk gescheitert.
„Kommt, lasst uns jetzt reingehen!“, sagt ein Mann mit schicker Glatze. Gerade hat er noch für ein Erinnerungsfoto posiert, jetzt spaziert er fröhlich an der Schlange vorbei und hämmert frech an die Tür. Die geht auf. Ein kurzer skeptischer Blick. „Mensch Len, du bist spät dran!“, sagt der Mann drinnen und macht die Tür größer auf. Len ist Len Faki und DJ. Er ist heute fürs Opening bei der Klubnacht im Berghain verantwortlich, und während seine Entourage noch auf der Gästeliste abgehakt wird, macht er sich schnell auf den Weg ans DJ-Pult beim Dancefloor in der Maschinenhalle ein Stockwerk höher, um sein viereinhalbstündiges Set zu beginnen.
An demselben Platz steht Len Faki schon einmal am 18. Dezember 2004. Auch da ist er fürs Opening zuständig. Er ist damit der allererste Berghain-DJ. „Damals wusste man nicht, was daraus werden wird“, sagt Faki, „irgendwie hatten wir aber schon ein bisschen das Gefühl, dass das ein historischer Moment ist“. Schließlich betrat man damals Neuland: „Inzwischen gibt es zwar in einigen Ländern Clubs, die auch so einen Industriallook haben“, sagt Faki, „aber vor zwanzig Jahren war das noch einzigartig. So einen Club wie das Berghain gab es nirgendwo.“
Tatsächlich beginnt am 18. Dezember 2004 die Erfolgsgeschichte des Berghain und von Len Faki, der dort so oft aufgetreten ist, dass er den Überblick verloren hat. Eine Zeit lang hat er alle drei bis vier Wochen mit seinem Minimal Techno, bei dem wunderbar organisch knisternde Sounds auf mechanisch zuckende elektronische Beats treffen, dieses Industriegebäude beben lassen. Die ekstatischen Partys im Berghain sind legendär – und das hat nicht unbedingt damit zu tun, dass auf den Tanzflächen gerne exzentrisch oder kaum bekleidete Menschen zum brachialen Stampfen der Musik herumzappeln, dass in dunklen Ecken und manchmal auch im grellen Scheinwerferlicht Menschen gelegentlich beim Sex entdeckt werden oder dass dort (wie in den meisten Berliner Clubs) aus irgendwelchen Gründen Partygäste stets in Gruppen auf die Toilette gehen.
Nein, tatsächlich sind die Partys deshalb legendär, weil nicht nur die Location mit ihrer kühlen Industriearchitektur für Technopartys großartig ist, sondern weil hier immer wieder die besten DJs der Welt zu Gast sind. Einer davon ist Len Faki. Und obwohl das Berghain alles andere als ein heimeliger Ort ist, sagt er: „Das Berghain ist schon ein bisschen mein Wohnzimmer.“
Wer sich jetzt allerdings fragt, wie es in Len Fakis Wohnzimmer aussieht, wird enttäuscht: Im Berghain gilt strengstes Fotoverbot. Wer es schafft, an den Türstehern vorbei zu kommen, muss an seinem Mobiltelefon alle Kameras abkleben. Weil Len, der eigentlich Levent heißt und als Kind türkischer Gastarbeiter im Kreis Esslingen aufwächst, inzwischen aber auf der ganzen Welt spielt, von London nach Barcelona, von Los Angeles nach Miami jettet, sind seine Auftritte im Berghain seltener geworden. Trotzdem gilt der 49-Jährige immer noch als Resident DJ im Berghain. Und außer Ben Klock und Marcel Dettmann dürfte es kaum einen DJ geben, der hier häufiger gespielt hat.
Einfach ist es nicht, einen Termin mit diesem viel beschäftigten Mann zu vereinbaren. Denn nicht nur beruflich verreist Len Faki sehr gerne. Gerade weil zu seinem Job gehört, viel Zeit in dunklen Clubs zu verbringen, liebt er die Natur, geht oft in Südtirol wandern. Und als es nach ein paar Monaten Vorarbeit endlich mit einem Treffen in Berlin klappt, schlägt er prompt vor, das Interview während eines Spaziergangs durch den Volkspark Friedrichshain zu führen.
Unterwegs erzählt er dann, wie er als Jugendlicher unter anderem als Zeitungsausträger Geld dazu verdient hat, um sich zum Beispiel Schallplatten leisten zu können. Und dass für ihn schon zu Schulzeiten Musik ein ganz wichtiger Teil seines Lebens war. Ohne Walkman und Kopfhörer war er nie unterwegs. Die elektronische Musik hatte er damals aber noch nicht für sich entdeckt.
In seinem früheren Leben war Len Faki Schlagzeuger und Metalfan, stand als Teenager „auf Sepultura und auf das ganze Thrash-Metal-Zeug“. Doch dann schwappt Ende der 1980er Jahre die erste Acid-House-Welle nach Europa und sogar bis in die schwäbische Provinz: „Gerade noch dachte ich: Was ist denn das? Doch da war es schon um mich geschehen.“ Nicht nur diese elektronische Musik fühlt sich wunderbar neu an, sondern auch die Clubkultur, die damit verbunden ist: „Es geht hier nicht nur um Beats und Party, sondern auch um ein Gemeinschaftsgefühl“, sagt Len, „für mich ist Techno letztlich ein politisches Statement“.
Es verlangt allerdings einiges an Hartnäckigkeit von Len Faki, um seine Eltern davon zu überzeugen, dass eine musikalische Karriere das Richtige für ihn ist. „Ich komme ja nicht wirklich aus einem Elternhaus, bei dem künstlerische Betätigungen eine große Rolle spielten“, sagt er, „wenn du in einer Arbeiterfamilie aufwächst, sind Sicherheit und klare Strukturen erst einmal wichtiger“. Es sei nicht einfach gewesen, seinen Eltern zu vermitteln, was er tun will. „Es ist ja auch irgendwie nachvollziehbar, dass die damals verwundert waren: ‚Was willst du werden? DJ? Wie soll das denn gehen?‘ Damals ging es ja gerade erst los mit der DJ-Kultur.“
Doch Len Faki steckt alles Geld, das er hat, in seine Arbeit als DJ, kauft Equipment, eignet sich Skills an und spart ansonsten, wo er nur kann. „Da gab es schon einige harte Phasen in meinem Leben, in denen ich durchaus daran gedacht habe aufzugeben“, sagt er, „wenn du seit drei Wochen nur Kartoffeln mit Ketchup isst, bleiben solche Gedanken nun mal nicht aus“.
Zunächst nennt er sich noch DJ La Monde, seine erste Veröffentlichung erscheint auf dem Mannheimer House-Label Plastic City. 2002 zieht er nach Berlin, 2007 gelingt ihm mit der 12-Inch „Rainbow Delta/Mekong Delta“ der internationale Durchbruch. Mit Stuttgart fühlte er sich aber nach all den Jahren immer noch sehr verbunden. „Ich habe mich im Schwabenland immer wohlgefühlt“, sagt Faki, „aber was mich dann irgendwann in Stuttgart gestört hat, war, dass es dort Mitte der 1990er Jahre so loungig, so etepetete und schick wurde“. Irgendwann sei es nur noch ums Sehen und Gesehenwerden gegangen und darum, mit einem Drink cool draußen zu stehen. „Davor wurde noch in Clubs wie dem Oz oder dem Red Dog echt was geboten“, erinnert er sich. „Das hat die Stadt irgendwie niedergetrampelt. Und dann dachte ich irgendwann: Das packe ich hier nicht mehr. Das ist nicht das, was ich will. Und als ich dann das erste Mal nach Berlin gegangen bin, dachte ich: Wow, das ist doch eine ganz andere Baustelle!“
Auf die Frage, ob er geschwäbelt habe, als er vor 22 Jahren nach Berlin gezogen sei, antwortet Len Faki ohne zu zögern im breiten Schwäbisch „Na klar!“ Der Dialekt breche auch heute noch oft aus ihm heraus: „Immer wenn ich mal zu Besuch zu Hause in Stuttgart bin, schwäbel ich sofort wieder, das kann ich gar nicht steuern, das passiert ganz automatisch. Und meine Freunde hier in Berlin merken auch sofort, wenn ich für ein paar Tage in Stuttgart gewesen bin, weil ich dann stets ein bisschen brauche, bis der schwäbische Einschlag wieder verschwindet“.
Wenn es also einen Beweis benötigt, dass man in Berlin cool und trotzdem Schwabe sein kann, dann erbringt ihn Len Faki. Und während überall die Techno-Clubs schließen, sich nicht alle vom Corona-Lockdown erholt haben, in Berlin selbst ein Club wie das Watergate, das wie das Berghain als einer der besten Clubs der Welt gilt, Ende des Jahres schließt, scheint das Berghain auch nach zwanzig Jahren unkaputtbar.
Als Len Faki um halb fünf Uhr morgens mit immer hysterischer kreischenden Beats, mit immer hypnotischer dröhnenden Bässen die taumelnde Menschenmasse in der Maschinenhalle im Finale seines Berghain-Sets in Trance spielt, stehen draußen in der Kälte bis weit hinter den Kiosk Menschen, die dabei sein wollen bei der Technoparty, die niemals endet.