Lenker der Fahrradbranche Mann mit Mission: Besser Biken in Stuttgarts Wäldern

Innovationsgeist und Entwicklungsarbeit - dafür sind Stuttgart und seine Region bekannt. Dass dies im Auto-Mekka auch für die zunehmend boomende Fahrradbranche gilt, wissen meist nur eingefleischte Drahtesel-Fans. In loser Folge porträtieren wir daher Macherinnen und Macher der Bike-Szene, wie Tobias Dannenmann.

Hat Spaß an seinem Job: Tobias Dannenmann vermittelt mit seiner MTB-Schule Besserbiken in Stuttgart die Freude am Radfahren und den achtsamen Umgang mit der Natur. Foto: axelbrunst.com 8 Bilder
Hat Spaß an seinem Job: Tobias Dannenmann vermittelt mit seiner MTB-Schule Besserbiken in Stuttgart die Freude am Radfahren und den achtsamen Umgang mit der Natur. Foto: axelbrunst.com

Stuttgart - Tobias Dannenmanns kleiner Sohn kommt ins Zimmer. Er will zu Papa auf den Schoß. Die Oma versucht ihn in die Küche zu locken, zum Spätzle schaben. Nichts zu machen. Der Dreieinhalbjährige bleibt stur und wo er ist. „Papa ist gerade der Größte“, freut sich Dannenmann. Dass der Kleine später mal Mountainbiker werden will, ist im Erbgut definiert. Ganz klare Sache.

Seit 2016 hat Tobias Dannenmann seine eigene MTB-Schule „Besserbiken“ in Stuttgart. Bevor er sich diesen persönlichen Traum erfüllt, ist sein Lebenslauf ziemlich Crosscountry. Geradeaus kann schließlich jeder. Derzeit ist er mit dem Sohnemann zu Besuch bei seinen Eltern in Hohenstaufen. In seinem Geburtshaus. Was absolut wörtlich zu nehmen ist. „Ich war eine Hausgeburt“, erzählt Dannenmann, „und das Jüngste von sieben Kindern.“ Eher scheu und zurückhaltend, da der älteste Bruder ziemlich taff ist, wächst Tobias in der Selbstversorgeridylle zwischen Wiesen und Wäldern auf.

Kurzes Intermezzo beim Sternekoch im Fernsehturm

Mit 16 lockt es ihn in die große Stadt. Er macht ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Altenheim in Stuttgart, jobbt danach ein bisschen, bevor es ihn hinter den Herd zieht. Bei Sternekoch Armin Karrer ergattert er eine heißbegehrte Ausbildung im damaligen „Weber’s Gourmet“ im Fernsehturm. Doch die Kochschürze wird ihm eng wie ein Korsett. Tag- und Nachtschichten im Club Schocken in der Stadtmitte zu fahren oder hinter der röchelnden Kaffeedampfmaschine im Café Herbertz im Stuttgarter Westen zu stehen, lassen dem Freigeist Luft zum Atmen und Pläne schmieden. Dabei verfestigt sich ein Gedanke: Beruflich etwas mit Sport zu machen, das wär's. An der renommierten Glucker Schule am Kräherwald lässt sich Dannenmann zum Sport- und Gymnastiklehrer ausbilden. „Ich habe immer Lust, was Kreatives mit Menschen zu machen.“ Nach seinem Abschluss sorgt er dafür, dass die Mitarbeiter von Ritter-Sport in Waldenbuch fit bleiben. Alles Etappenziele hin zum eigenen Business.

Eigene Grenzerfahrungen helfen dem Mental Coach

Den Startschuss für seine große Liebe zum Biken gibt einst das legendäre MTB-Rennen in Hohenstaufen. „Da stand ich am Zaun und wusste, das willst du später auch mal.“ Befeuert wird die Leidenschaft zudem durch den zweitältesten Bruder. Er ist wie Tobias ein körperbewusster Lebemensch, der längere Zeit in Costa Rica verbringt oder mit dem Rad durch Israel und quer durch Schweden fährt. „Er war immer on fire“, erinnert sich Dannenmann. Bis ihn ein Unfall ausbremst und an den Rollstuhl fesselt. Seitdem widmet Dannenmann seine Erfolge beim Trail-Running seinem großen Bruder. „Ich mach es für dich“, spornt sich der 37-Jährige selbst an, wenn er an seine mentalen und körperlichen Grenzen geht und darüber hinaus. Weil er weiß, wie sich das anfühlt, ist er als Mental Coach gefragt. Von Freizeitbikern, die nach einem bösen Sturz einen wie Dannenmann brauchen, der ihnen wieder in den Sattel hilft. Aber auch von MTB-Größen wie Elisabeth Brandau, die sich vor ihren Meisterschaftsrennen gerne nochmal eine Extraportion mentale Power gönnt.

Spezielle Kurse für die Ladys

Speziell für Frauen hat Dannenmann Lady-Workshops im Programm. „Weil sie an vieles anders rangehen, als Männer“, lautet die simple Erklärung. „Und sich unter ihresgleichen auch eher trauen, technische Fragen zu stellen und ihr ganz eigenes Lerntempo zu fahren." Sobald es Corona zulässt, will Dannenmann eigens hierfür eine Trainerin engagieren.

Haben das Biken im Allgemeinen und seine Schule vor allem 2019 einen richtigen Boom erfahren, geht es bei dem MTB-Lehrer seit der Pandemie abwärts. Große Umsatzeinbußen sind die Folge. Dannenmann wäre jedoch nicht Dannenmann, wenn ihn das in die Knie zwingen würde. Stattdessen feilt er an neuen Ideen und Kooperationen für seine Kinder-Kurse. Klar, dass er mit den Teilnehmern nur auf legalen Strecken wie jenen der Trailsurfers in Beilstein, in Korb im Remstal oder auf der EsNos in Esslingen unterwegs ist. Von den Eltern können die Kids zwar auch jede Menge lernen. Doch wie ein Wheelie oder ein Bunnyhop so richtig gelingt, zeigt am besten der Profi. „Als Trainer kannst du Inspiration sein“, sagt Dannenmann. Wie sein Bruder es für ihn war und er heute für seinen kleinen Sohn sein darf. Das ist seine Motivation, das treibt den 37-Jährigen an.

„Wir wollen eine gute Zeit in der Natur verbringen“

Seit sieben Jahren lebt er mit seiner Frau Oihane Herrero, einer ehemaligen Solistin beim Stuttgarter Ballett, nahe des Marienplatzes im Stuttgarter Süden. Von hier aus nimmt für Dannenmann vieles seinen Lauf. Die Gründung des MTB Verein Stuttgart, etwa, die er mitinitiiert. Oder die Tour auf dem Bike direkt von der Haustür aus in Stuttgarts Wälder. Diese will er – gemeinsam mit den anderen Vereinsmitgliedern – für Radler zum legalen Naherholungsgebiet machen. „Wir sind keine Downhiller. Wir wollen eine gute Zeit in der Natur und mit den anderen Waldnutzern verbringen“, sagt der gebürtige Hohenstaufener, das Landkind, das den Naturgenuss liebt und im Wald befreit aufatmet.

Dannenmann setzt auf Verständigung statt Verbote. „Dass Jugendliche Bock zum Buddeln haben, ist doch klar. Dass sie dabei teilweise die Natur kaputt machen, muss man ihnen erklären.“ Die Energie der jungen Leute möchte der MTB Verein Stuttgart stattdessen für den Bau von legalen Trails nutzen. „Wir wollen raus aus der Kriminalisierung des Radfahrens im Wald.“ Ein wichtiger Schlusssatz bevor der Sohnemann zum Essen drängelt. Schließlich gibt es Linsen mit Spätzle, die macht freilich niemand besser als die Oma. „Und den Kartoffelsalat“, sagt Dannenmann lachend. Allein dafür lohnt es sich, nach Hause zu kommen.

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