Leonberg Angst ist noch nicht verschwunden

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Zwei Jahre nach den missglückten Erdwärmebohrungen in der Eltinger Thomas-Mann-Straße sind die meisten Anwohner für die Schäden an ihren Häusern finanziell entschädigt worden. Die Furcht vor weiteren Bodenbewegungen ist jedoch geblieben.

Heinz Arnold (li.)  vor seinem abgestützten Haus mit  Nachbar Kurt Braun Foto: factum/Bach
Heinz Arnold (li.) vor seinem abgestützten Haus mit Nachbar Kurt Braun Foto: factum/Bach

Leonberg - Bei einer misslungenen Erdwärme-Bohrung im Sommer 2011 werden zwei Grundwasserschichten ­versehentlich miteinander verbunden. Das Wasser fliest nach unten ab, der Boden sackt weg. Die Häuser in der Thomas-Mann-Straße werden zum Teil schwer ­beschädigt.

Vier unscheinbare Gullideckel am ­Rande des Bordsteins sind der Ursprung der Probleme. „Das sind die Eingänge zu den Bohrlöchern“, erklärt Wolfgang Schaal. Der Gemeinderat der Freien Wähler ist der Sprecher der knapp 30 geschädigten ­Eltinger Hausbesitzer. Eines der Häuser ist zum Sinnbild für die Schäden durch die missglückte Bohrung geworden. Das Heim von Heinz Arnold muss bis heute von ­dicken Holzpfeilern gestützt werden, gut sichtbar ziehen sich breite Risse durch die Fassade. „Wir haben uns mit der Versicherung geeinigt“, sagt der ältere Herr, „die ­Renovierung des Hauses wird gerade ­geplant.“ Auf die Frage, wie er und seine ­Familie zwei Jahre in einem Haus mit ­Rissen in der Wand gelebt hätten, winkt der Rentner resigniert ab. Seine Enkelin wird jedoch konkreter: „Der Wind zieht im Winter durch die Spalten“, sagt Cathrin Ziegler, die im oberen Stockwerk lebt. „Viele Türen lassen sich nicht mehr schließen, weil die ­Rahmen verzogen sind. Durch einige der Risse schimmert am Morgen sogar die Sonne.“

Wie Familie Arnold haben viele Bewohner der Straße noch nicht begonnen, die Schäden zu reparieren. „Oft heißt es, man wolle warten, ob die Erde auch tatsächlich stabil bleibt“, ­erklärt Wolfgang Schaal. Ein Jahr, nachdem in Eltingen der Boden weggesackt ist, ­wurde die Bohrung saniert – mit einem bis dato völlig neuen Verfahren. „Durch Schlitze in der Wand des Hauptbohrlochs wurde ein Zementgemisch in die Hohlräume im Erdreich gepresst“, erklärt Dusan Minic, der Pressesprecher des Böblinger Landratsamtes. Auf diese Weise sollte die Eltinger Erde dauerhaft stabilisiert werden.

Das geschah im Sommer vergangenen Jahres. „Im Moment gehen wir davon aus, dass diese Sanierung erfolgreich war“, erklärte Minic diese Woche auf Nachfrage. Das Landratsamt wird den Grundwasserpegel unter der Thomas-Mann-Straße nach dem Eingriff zwei Jahre lang überwachen. „Bisher ist der Pegel ­stetig gestiegen. Das ist ein gutes Zeichen“, sagt Minic. Das bedeutet, die Zementfüllung hält. „Es sieht aus, als habe sich die ­Situation im Erdreich normalisiert.“

Darauf hoffen die Eltinger Hausbesitzer. Doch sie trauen dem Frieden nicht. Die Angst, dass der Boden erneut wackelt, ist noch immer groß. „Für die bisher entstandenen Macken wurden wir großzügig entschädigt“, sagt Kurt Braun. Sein Haus steht nur wenige Meter von dem der Familie ­Arnold entfernt. Auch sein Eigenheim wurde im Sommer 2011 massiv beschädigt. „Doch wir mussten mit der Versicherung vereinbaren, dass wir bei weiteren Schäden keine neuen Ansprüche stellen“, sagt er. „Wenn das so kommt, sind wir die ­Gelackmeierten“, fügt er wütend hinzu.

Der Münchner Allianz-Konzern zahlt für die Kosten der Reparaturen. „Die Allianz reguliert die durch das Ereignis vom 27. und 28. Juli 2011 verursachten Schäden im Rahmen der Deckungssumme, die drei ­Millionen Euro beträgt“, erklärt Claudia Herrmann, die Pressesprecherin der ­Versicherung. „Die Höhe der eingetretenen Schäden ist weitgehend ermittelt und wir haben fast allen Betroffenen Angebote unterbreiten können“, sagt sie, „abschließende Regelungen sind mit 24 Geschädigten getroffen worden.“ Wolfgang Schaal ­bestätigt: „Es ist ein wenig Ruhe in unserer Straße eingekehrt.“

Dabei haben die Bodenbewegungen, die vor wenigen Tagen zu Häuserschäden im benachbarten Böblingen geführt haben (siehe Seite V), die Angst vor erneuten Erdstößen in der ­Thomas-Mann-Straße wieder befeuert. „Das zeigt doch, dass man nie wirklich ­sicher ist“, schimpft Kurt Braun. Wie berichtet wurden in Böblingen in den vergangenen Tagen Risse an rund 40 Häusern gemeldet. Der Grund auch hier: unvorhergesehene Bodenbewegungen. „Dort hebt sich die Erde. Bei uns hat sie sich gesenkt“, erklärt Wolfgang Schaal. Auch in Böblingen werden Geothermie-Bohrungen als mögliche Ursache für die ­Erdbewegungen genannt.

Doch auch wenn sich die Eltinger ­Hausbesitzer mit der Allianz über die Höhe der Sanierungskosten für ihre Eigenheime ­geeinigt haben, bleibt ein schwerwiegendes Problem: „Bisher kommt niemand für den kaufmännischen Schaden auf, der hier ­entstanden ist“, betont Schaal. Denn, wer sein Haus samt Grundstück verkaufen will, erzielt wegen des Schadens im Erdreich schlechtere Preise als in Leonberg in ­vergleichbarer Lage üblich. „Für diesen Wertverlust der Immobilien ist bislang ­niemand aufgekommen“, sagt Schaal.

Die Probleme durch die Bohrung in ­Eltingen haben die gesamte Geothermie verändert. „Ausgelöst von den Schadensfällen in Leonberg hat sich die Branche ­gemeinsam mit dem baden-württembergischen Umweltministerium auf Maßnahmen zur Qualitätssicherung ­verständigt“, sagt Gregor Dilger vom Bundesverband Geothermie. Ohne eine Versicherungssumme von mindestens einer Million Euro darf niemand mehr mit einer solchen Bohrung starten. „Auch müssen die Projekte von ­unabhängigen Experten überwacht ­werden“, fügt Dilger hinzu.