Leonberg Auf Tuchfühlung mit dem Handwerk

Von Bartek Langer 

Flüchtlinge werden in der Stuckateur-Lernschmiede am Berufsschulzentrum in das Bauhandwerk eingeführt. Die Praxiswoche soll ihren Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtern.

Junge Afghanen sammeln in Leonberg Praxiserfahrung.Foto: factum/Bach

Leonberg - Mauern, zimmern, verputzen – im Ausbildungszentrum der Stuckateure am Beruflichen Schulzen­trum Leonberg bekommen Flüchtlinge aus Afghanistan einen Einblick in handwerkliche Berufe. Die Praxiswoche während des Programms „Integration durch Ausbildung – Perspektiven für Flüchtlinge“, das vom Wirtschaftsministerium gefördert und von der Handwerkskammer der Region betreut wird, dient zur Orientierung und soll ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz steigern.

„Vieles ist ganz neu für die Jungs, aber sie sind sehr wissbegierig“, befindet Frank Schweizer, der Leiter des Ausbildungszentrums der Stuckateure, während er das geschäftige Treiben in der Werkstatthalle in Augenschein nimmt. Mit „Jungs“ meint er die Flüchtlinge, die eine Integrationsklasse an der Beruflichen Schule für Holztechnik in Feuerbach besuchen. In dieser Woche sind sie aber Gäste in Leonberg, wo sie einen Einblick in fünf Handwerksberufe bekommen – Stuckateur, Maurer, Fliesenleger, Trockenbaumonteur und Zimmermann. Sie hantieren mit Holz und Farbe, ziehen eine Mauer aus Kalksandsteinen in die Höhe oder probieren sich am Reibeputz. „Wenn später der Geselle eine Wasserwaage verlangt, dann wissen sie, worum es geht“, sagt Schweizer.

Praxiserfahrung enorm wichtig

„Es geht doch nichts über Praxis“, meint Julia Mihajlovski von der Handwerkskammer Region Stuttgart. Als „Kümmerin“ nimmt sie die Teilnehmer an die Hand, um sie bestenfalls in eine handwerkliche Ausbildung zu vermitteln. „Die Betriebe setzen viel voraus, und hier können die Flüchtlinge erste praktische Erfahrungen sammeln“, sagt sie.

Am Ende der Praxiswoche bekommen die Teilnehmer ein Zertifikat. „Das macht sich gut in der Bewerbung“, sagt Mihajlovski. Laut dem Wirtschaftsministerium konnten bislang 600 Flüchtlinge in Ausbildung oder in ein Praktikum gebracht werden. Nicht zuletzt zeige der Workshop auch Alternativen auf. „Bei 350 Berufen ist es nicht einfach, herauszufinden, was einem liegt“, sagt sie. Dabei hält die Ausbilderin Theresa Ziegler die haptische Erfahrung für unerlässlich. Der eine komme mit Holz besser zurecht, der andere mit Beton und Mörtel. „Das ist alles ganz individuell“, weiß die Stuckateurmeisterin.

Die Praxiswoche dient nicht nur der eigenen Orientierung, sondern ist auch Hilfe zur Selbsthilfe. Im vergangenen Jahr blieben im Südwesten rund 7000 Ausbildungsstellen unbesetzt. „Früher war Handwerk ein Selbstläufer, jetzt wird die Luft immer dünner“, weiß auch Frank Schweizer. Heute könne man über den zweiten Bildungsweg die zum Studieren notwendige Hochschulreife erlangen, was von Lehrern zunehmend propagiert werde. „Dabei gibt es viele junge Menschen, die im Handwerk glücklicher wären“, meint er.

Ausgewählt wurden die Teilnehmer über die Potenzialanalyse „Profil Match“ in der Bildungsakademie der Handwerkskammer Region Stuttgart. „Wir mussten erst herausfinden, ob die Geflüchteten fürs Handwerk geeignet sind“, erklärt Michaela Geya, die bei der Handwerksammer zuständig ist fürs Coaching. Dazu mussten sie mit Hilfe einer bildunterstützten Anleitung verschiedene Aufgaben bewerkstelligen, die handwerkliches Geschick voraussetzten. Am Ende zählte nicht nur das Ergebnis, sondern auch die Herangehensweise. „Allein die Auswahl der Säge zeigt, ob man ein Grobmotoriker ist“, sagt Geya.

Enge Zusammenarbeit mit der Handwerkskammer

Dass die Praxiswoche in Leonberg stattfindet, ist kein Zufall. Zwischen dem Ausbildungszentrum und der Handwerkskammer Stuttgart besteht seit vielen Jahren eine enge Zusammenarbeit. Außerdem ist die Lehrstätte als bundesweite Einrichtung anerkannt. Nicht zuletzt trainiert hier auch die Nationalmannschaft der Stuckateure für Europa- und Weltmeisterschaften. „Der letzte Bundessieger kam übrigens vor drei Jahren als afghanischer Flüchtling nach Deutschland“, sagt Frank Schweizer, der das Nationalteam gegründet hat. „Das habe ich auch den Jungs erzählt, um sie für ihre Zukunft noch mehr zu motivieren.“

Rahmatullah Isakhil ist ganz eifrig bei der Sache. Dem 17-Jährigen schwebt eine Ausbildung als Stuckateur vor. „Die Arbeit macht mir viel Spaß, weil es jeden Tag etwas Neues gibt“, meint der Afghane, der bei Pflegeeltern in Vaihingen wohnt. Mit der Praxiswoche und zwei früheren Praktika sieht er sich auf einem guten Weg. Das größte Problem sei: Schwäbisch. „Bei meiner letzten Stelle habe ich die Kollegen gar nicht verstanden!“, sagt er und lacht.