Besichtigung im Weinberg Nie ist das Lese-Team wichtiger als jetzt

Von Henning Maak 

Rund 20 Besucher machen sich bei einer Vorernte-Besichtigung ein Bild von den Reben.

Winzermeister Heiko Fink (links) erklärt den Besuchern, auf was bei der Lese geachtet werden muss. Foto: factum/Bach
Winzermeister Heiko Fink (links) erklärt den Besuchern, auf was bei der Lese geachtet werden muss. Foto: factum/Bach

Leonberg - Der Nachtfrost zwischen dem 19. und 22. April dieses Jahres hat Obstbauern und Winzern sehr zu schaffen gemacht. „Beim Obst sind die Blüten erfroren, da ist nichts nachgewachsen. Bei den Weinstöcken sind nur die Triebe erfroren, deswegen gibt es überhaupt noch einen Ertrag“, erklärt Winzermeister Heiko Fink. Wie der genau aussah, darüber haben sich rund 20 Interessierte bei einer Vorernte-Besichtigung des Obst-, Garten- und Weinbauvereins Eltingen-Leonberg (OGWV) am Sonntagvormittag in der Oberen Feinau informieren können. „Etwa die Hälfte sind Experten, die selbst Weinbau betreiben, aber die anderen 50 Prozent sind Laien“, erklärt Albert Kaspari, der Vorsitzende des OGWV, der unter anderem den OB-Kandidaten Martin Kaufmann unter den Gästen begrüßte.

Viele Trauben sind angestochen

Wie OGWV-Mitglied Fink erläutert, sei normalerweise der 3. Oktober ein guter Tag, um mit der Weinlese zu beginnen. Diesmal dürfe man aber nicht so lange warten. „Im Prinzip sollte man jetzt anfangen, außer wenn es regnet, dann kommt zu viel Wasser mit“, sagt der Winzermeister. Das bestätigte einer der Besucher: „In 35 Jahren habe ich noch nie so früh mit der Lese anfangen müssen. Viel öfter kam es vor, dass wir sehr viel später bis in den November hinein gearbeitet haben“, sagt er.

Laut Kaspari war eines der Probleme des Nachtfrosts im April, dass die Blüte schnell vorbei gewesen sei und die Trauben weniger ausgerieselt hätten. „Es sind weniger Stängel abgefallen, dadurch sind die Beeren voller geworden und platzen eher“, erläutert Kaspari. Dies habe Wespen und Fliegen angelockt. Tatsächlich sind auffällig viele Trauben – sowohl rote als auch weiße – angestochen. „Normalerweise ist das für Wespen und Fliegen ein viel zu hoher Aufwand. Aber in diesem Jahr haben sie auf den Streuobstwiesen eben keine herunter gefallenen Früchte gefunden“, erklärt der Winzermeister.

Quantitativ werde der Jahrgang 2017 somit nicht zu den stärksten gehören. „Wie gut die Qualität sein wird, hängt nun ganz stark von der Professionalität der Lese-Mannschaft ab, die die schlechten Trauben erkennen und aussortieren muss“, meint Fink. Dem stimmt der Geologe Thomas Friedrich, ebenfalls Mitglied im OGWV Eltingen-Leonberg, uneingeschränkt zu: „Jede Lese-Aktion ist in diesem Jahr sehr aufwendig. Der Weinpreis müsste dieses Jahr eigentlich so hoch sein, dass der Preis für ein Viertele zweistellig wird“, meinte er.

Kerzen und Hubschrauber bringen nichts

Einige hatten in den frostigen Aprilnächten extra Hubschrauberflüge organisiert, um die Trauben zu retten: „Aber das hätte nur etwas gebracht, wenn die obere Luftschicht wärmer gewesen wäre und der Hubschrauber diese herunterzudrücken vermocht hätte. Doch oben war es genau so kalt wie unten“, sagt Friedrich. Auch der Versuch mancher Wengerter, mit zahlreichen Kerzen zwischen den Reben etwas zu retten, habe nichts genutzt: „Das hat eine Erwärmung um zwei Grad Celsius bewirkt, aber damit waren es immer noch vier Grad unter Null“, erläutert der Geologe.

Für die Eltinger und Leonberger Winzer ist es nur ein geringer Trost, dass sie mit ihrem Leid nicht allein sind. „Auch viele der Heilbronner Gebiete sind betroffen“, weiß Kaspari aus Gesprächen. Und sein Bruder, der im Moselgebiet Wein anbaue, habe ihm erzählt, die Riesling-Ernte beginne dort diese Woche – so früh wie seit Jahrzehnten nicht mehr.