Leonberg Das große Pech, Glück zu haben

Beim Spielen wird das Belohnungssystem des Gehirns aktiviert und es werden Glückshormone ausgeschüttet. Foto: dpa
Beim Spielen wird das Belohnungssystem des Gehirns aktiviert und es werden Glückshormone ausgeschüttet. Foto: dpa

Das Suchthilfezentrum der Diakonie hat eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Spielsucht-Problemen gegründet. Geleitet wird sie von einem ehemaligen Glücksspieler, der erst nach vielen Jahren von seiner Sucht losgekommen ist.

Leonberg - Mehr aus Langeweile denn sportlichem Ehrgeiz setzte sich Michael B. (Name von der Redaktion geändert) an einen Spielautomaten und warf einige Münzen durch den Schlitz. Plötzlich leuchtete das Spielgerät hell auf und gab ein wildes Bimmeln von sich. Mit 200 Mark in der Tasche verließ er an diesem Tag die urige Eckkneipe. Das war sein Einstieg in den verhängnisvollen Kreislauf. „Ich hatte einfach das Pech, Glück zu haben“, sagt der Mann, den die Spielsucht beinahe in den Ruin trieb.

Seit zweieinhalb Jahren macht er einen weiten Bogen um entsprechende Etablissements. Dabei muss der 41-Jährige aber nicht selten einen Zickzackkurs einschlagen. Denn Spielhallen, Casinos oder eben Lokale mit Spielautomaten gibt es, wohin man sieht. Und mit den zunehmenden Glücksspielmöglichkeiten steigt auch die Zahl der Spielsüchtigen. Laut einer aktuellen Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gibt es allein im Landkreis Böblingen mehr als 1000 pathologische Glücksspieler. Die meisten von ihnen sind Männer mit einem Migrationshintergrund, doch auch immer mehr Frauen verfallen der Spielsucht.

Angebot kostet nichts

Auf diese alarmierende Entwicklung hat nun das Suchthilfezentrum der Diakonie in Leonberg mit einer Selbsthilfegruppe reagiert. „Das kostenlose Angebot richtet sich an Menschen mit problematischem Glücksspiel, die entweder spielfrei sind und bleiben wollen, oder an diejenigen, die den Wunsch haben, spielfrei zu werden“, erklärt die Therapeutin Margit Asmus von der Einrichtung in der Stuttgarter Straße. Dort werden 40 Menschen mit Spielsucht-Problemen aus dem gesamten Altkreis betreut. Viele von ihnen treffen sich einmal in der Woche zum Erfahrungsaustausch.

„Reden und die Gemeinschaft geben Halt und unterstützen vorbeugend gegen Rückfälle“, weiß Asmus, die bei Bedarf auch ambulante oder stationäre Therapieangebote vermittelt. Großer Wert werde dabei auf Verschwiegenheit gelegt. „Alles, was in der Gruppe passiert, wird vertraulich behandelt“, betont sie. Bei den wöchentlichen Treffen können auch Familienangehörige teilnehmen. „Außenstehenden fällt es schwer, Verständnis für den Spielsüchtigen aufzubringen“, sagt Asmus aus Erfahrung.

Wenn sich die Gedanken nur noch ums Spielen drehen

Wenn einer die Spieler versteht, dann ist dies ein ehemaliger Spieler. Daher leitet Michael B. die Selbsthilfegruppe in Leonberg. Sehnsüchtig habe der Feinmechaniker früher der Gehaltsauszahlung am Monatsende entgegen gefiebert, um die Kohle dann gleich wieder in der Stammkneipe zu verzocken. „Mit dem Geld, das ich in den 18 Jahren verspielt habe, könnte man ein Haus bauen“, sagt B., der aus Geldnot Verwandte anpumpte und Kredite bei der Bank aufnahm. „An einem Punkt verliert man die Selbstkontrolle und die Gedanken drehen sich von da an nur noch ums Spielen“, erklärt er. Das Haushaltsgeld sei aber immer gesichert gewesen. „Deswegen konnte ich meine Spielsucht auch lange Zeit geheim halten“, sagt er. Doch am Ende fügte er sich seinem Gewissen. „Ich konnte meine Frau nicht mehr länger anlügen“, sagt Michael B. Der 41-Jährige wandte sich an das Suchthilfezentrum in Böblingen und schloss sich einer Selbsthilfegruppe an – dieser wohnt er noch bis heute bei. Zwar ist der Familienvater seit Langem abstinent, doch dass es jederzeit zum Rückfall kommen kann, das weiß er. „Ein Spieler bleibt für immer ein Spieler“, sagt er über die inzwischen anerkannte Abhängigkeitserkrankung.

Soziale und finanzielle Probleme

Wie bei anderen Krankheiten, gilt auch hier: Je früher man Hilfe bekommt, desto besser. Allerdings besteht das große Problem der Spielsucht darin, dass die Anzeichen nicht erkennbar sind. „An der Erscheinung des Süchtigen außerhalb der Spielsituation ändert sich nichts“, sagt Margit Asmus, die zugleich aber von den selben Mechanismen wie bei anderen Abhängigkeiten spricht. „Beim Spielen wird das Belohnungssystem des Gehirns aktiviert und es werden Glückshormone ausgeschüttet.“ Wer spielsüchtig ist, bringt sich aber nicht nur um seinen letzten Euro.

„Bei Menschen mit Spielsucht-Problemen kommt es auch zu einer sozialen Isolation“, betont Asmus. Vertrauensvolle Beziehungen gingen in die Brüche, weil sich die Spieler gefühlsmäßig distanzierten.

Auch die Ehe von Michael B. stand auf der Kippe. Doch seine Frau ließ ihn nicht hängen. Dass er auch nach seiner Spielerkarriere ohne ihre Hilfe aufgeschmissen wäre, dessen ist er sich sicher. „Man muss zwar erst einmal von sich aus den Kreislauf durchbrechen, aber wenn man keinen Rückhalt hat, dann wird es schwer, der Versuchung zu widerstehen.“




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