Leonberg Das Hupkonzert gilt leider nicht einem Tor

Von Arnold Einholz, Kathrin Klette und  

Wenn Fahrschüler beim Fußball nervös werden, das Leo-Center luftiger wirkt, in den Werkstätten gegrillt statt geschraubt wird und Experten die „Idiotenfrisuren“ einiger Spieler analysieren. Eindrücke vom WM-Aus.

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Leonberg - Um 16.03 Uhr, die Straßen leeren sich erst nach und nach, schallt ein Hupkonzert durchs Höfinger Täle. Hurra, das erste Tor! Denkste! Eine etwas verstörte Fahrschülerin, deren rotes Auto als erstes in der Warteschlange vor der Ampel am abgerutschten Hang steht, reagiert für die anderen zu langsam als die Ampel auf grün springt. Und so bekommt sie eine bittere Lektion in Sachen Rücksichtslosigkeit zu spüren.

Einige hundert Meter weiter zieht eine Staubwolke durchs Tal, aufgewirbelt von den vielen Autos, die über den Ascheplatz des TSV Höfingen kurven auf der Suche nach einem Parkplatz. Ganze Scharen pilgern zum Sportheim. Hier haben der Verein und die Gastronomiewelt Glemstal zum Public Viewing eingeladen. Vereinschef Ulrich Hoppe ist zufrieden, keineswegs mit der Leistung der deutschen Elf, dafür mit dem Zuschauerstrom. Mehr als 1200 Fußballfans haben den Weg ins Glemstal gefunden. „Wir haben viele junge Zuschauer, da heißt es beim Alkohol aufpassen“, sagt Hoppe. Er hofft, dass das Public Viewing ein Erfolg wird, denn der gesperrte Schloßberg im vergangenen Jahr hat dem Verein und der Gastronomie richtig zugesetzt.

Mit Trikot und Fahne ausgerüstet

Zur WM gehört natürlich die passende Ausrüstung: Trikot, Schminke, Fähnchen – wenigstens ein kleines Accessoire in Schwarz-Rot-Gold muss sein. „Direkt vor den Spielen gehen die Fan-Shirts und all das natürlich gut weg“, berichtet der Geschäftsführer des Leonberger Karstadts, Andre Bunn. Armbändchen und Trillerpfeifen sind bereits leer geräumt.

Im Gewerbegebiet südlich der Ditzinger Straße ist das Fußballfieber ausgebrochen. Gearbeitet wird hier seit 15.30 Uhr nicht mehr. Bei Elektro-Jeutter sitzt die gesamte Belegschaft inklusive der Seniorchefs Adolf und Marlies Jeutter in einer zum Fernsehraum umfunktionierten Werkstatt. Davor brutzelt ein Grill. „Nach der Halbzeit wird es bestimmt besser“, hofft der Betriebschef Dirk Jeutter.

Auch beim Heizungsspezialisten Käfer und Brenner in der Nachbarschaft stehen die unverkennbar orangen Firmenwagen alle aufgereiht im Hof. In der Kantine herrscht dicke Luft, keiner der zahlreichen Mitarbeiter will so richtig glauben, dass es Deutschland nicht schafft. Firmenchef Eberhard Brenner hat eine Erklärung für das Spiel der deutschen Mannschaft: „Keiner wollte einen Fehler machen.“

Irgendwas ist anders im Leo-Center

Zur gleichen Zeit im Leo-Center. Man merkt sofort: Irgendetwas ist anders. Ein bisschen luftiger, möchte man sagen. Klar, von leeren Gängen kann keine Rede sein. Schließlich gibt es noch ein Leben neben dem Fußball. Die Menschen gehen bummeln oder holen sich etwas zu essen wie sonst auch. „Aber es ist schon deutlich weniger als sonst“, sagt eine Karstadt-Mitarbeiterin. Auch Gisela Schrievers von der Nordsee muss gerade sehr viel seltener etwas über die Theke reichen. „Die meisten schauen sich das Spiel doch zu Hause an.“

Aber nicht alle. Direkt neben dem Imbiss steht die große Leinwand, auf der das Leo-Center die Spiele überträgt und vor der sich doch einige Fans versammelt haben. Zum Halbzeitpfiff ist die Stimmung wie andernorts ziemlich verhalten.

Zeit für ein bisschen Knabberkram: Ein paar Straßen weiter, im Kaufland, bilden sich in der Halbzeitpause lange Schlangen hinter der Kasse. Während des Spiels hält sich der Andrang auch dort in Grenzen. „Aber direkt vor oder nach dem Spiel oder in der Pause wird es richtig voll“, berichtet eine Verkäuferin. „Viele holen sich dann schnell noch ein Bier und Chips , bevor sie wieder zum Fußballschauen gehen.“

Wer trägt welche Frisur?

Drei Nicht-Fußball-Fans haben den schönen Biergarten des TSG-Turnerheims ganz für sich allein. Drinnen sitzen die Experten, die sonst sämtliche Spiele des VfB verfolgen. Und denen schwant frühzeitig Böses: „Die Koreaner sind viel konsequenter“, stellt ein Zuschauer vor der Pause fest.

Als es nicht besser wird, beschäftigen sich die Sportfreunde mit den „Idiotenfrisuren“ einiger Spieler in beiden Teams. Aber selbst diese Art der Ablenkung bringt keine Wende: Deutschland fliegt raus. Für die Fans steht fest: Özil ist mitschuldig. Draußen fließt der Verkehr fast wieder normal. Ohne Corso. Ein normaler Feierabend.




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