Leonberg Dem protestantischen Profil neue Zukunft geben

Ein Bild mit Symbolcharakter: Die Leonberger Stadtkirche ist ein Sanierungsfall. Auch der Kirchenbezirk muss massiv umstrukturiert werden. Foto: Simon Granville

Ein Rückgang der Kirchenmitglieder, weniger Kirchensteuereinnahmen, ein Drittel der Pfarrstellen fallen weg - der evangelische Kirchenbezirk Leonberg steht vor großen Herausforderungen.

Einen neuen, einen gemeinsamen Weg haben zum Jahresbeginn 2025 mehrere bislang selbstständige evangelische Kirchengemeinden im Dekanat Leonberg eingeschlagen – sie fusionierten. Das ist eine Folge des Pfarrplans 2030, den die Bezirkssynode im März 2024 nolens volens abgesegnet hat. Letztendlich geben die Landessynode und der Oberkirchenrat die Marschlinie vor, doch Lösungen ausarbeiten, um zukunftsfähig zu bleiben, müssen die Kirchengemeinden vor Ort im Dialog. Das Ergebnis ist, dass etwa ein Drittel der Pfarrstellen im Kirchenbezirk bis zum Ende der Dekade verloren gehen.

 

„Mit einem so drastischen Einschnitt hatte damals niemand gerechnet“, sagte die Leonberger Dekanin Gabriele Waldbaur im Rückblick auf der jüngsten Herbstsynode. „Trotzdem haben wir gemeinsam diese Aufgabe gut gemeistert“, ist sie voll des Lobes. Sie sei mehr als dankbar, wie konstruktiv alle diesen Prozess begleitet und mitgetragen hätten. Den seinerzeit ausgearbeiteten Zeitstellenplan gelte es nun umzusetzen und die angedachten möglichen Strukturen auch zu realisieren. So fusionierten zum Jahresbeginn 2025 die Kirchengemeinden Rutesheim, Perouse und Silberberg. Das Pfarramt Rutesheim versorgt auch die freiwerdende 100-Prozent-Stelle Perouse mit, zumal ihm die halbe Stelle vom Silberberg zugeschlagen wird. Ebenfalls zum 1. Januar sind auch die Kirchengemeinden von Weil der Stadt und Schafhausen eins geworden. Dies vor dem Hintergrund, dass die Würmtalgemeinde (Münklingen-Hausen) und die Gemeinde Schafhausen ihre 50-prozentigen Seelsorger-Stellen gänzlich verlieren. Komplette Stellen bleiben lediglich in Merklingen sowie in Weil der Stadt erhalten.

Dialoge in den Kirchengemeinden

Doch auch in anderen Gemeinden sind Dialoge im Gange. In Weissach und Flacht wird darüber nachgedacht, wie es gemeinsam weitergehen könnte. Zumal bis zum Ende der Dekade nur noch eine Pfarrstelle übrig bleibt. Die 75 Prozent in Flacht stehen auf der Streichliste. Die Enzkreis-Gemeinden Heimsheim, Friolzheim, Wimsheim und Mönsheim sind auch in Gesprächen über eine enge Kooperation – das könnte ein Verbund oder eine Teilfusion sein. Das wird wohl auch unumgänglich, denn bis 2030 verbleiben nur noch die Pfarrstellen Heimsheim und Wimsheim. Friolzheim wird bei Freiwerden aufgehoben und soll von Heimsheim versorgt werden. Wimsheim wäre dann auch für Mönsheim zuständig.

Was ursprünglich an der Basis begrüßt wurde, um diese Zeit der Umstrukturierung und des Wandels zu erleichtern, erweist sich als wenig interessant für mögliche Bewerberinnen und Bewerber. Die Landeskirche stellt den Kirchenbezirken nämlich ein Bonbon in Aussicht - eine sogenannte Transformationsstelle, die vorerst auf sechs Jahre festgelegt ist. Die Pfarrerin oder der Pfarrer auf dieser Stelle soll aushelfen, wo gerade Ersatz benötigt wird. Im Leonberger Dekanat musste man bisher ernüchtert feststellen, dass das Interesse dafür bei null liegt.

Drastische Einschnitte haben mehrere Ursachen

Diese recht drastischen Einschnitte haben mehrere Ursachen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Bevölkerung zu, was zu einem erheblichen Mitgliederwachstum führte, auf das auch die Württembergische Landeskirche darauf reagierte, dass die Parochien verkleinert und vermehrt wurden. Filialgemeinden wurden eigenständig, Seelsorgebezirke in den Städten wurden selbstständige Parochien. Gebaut wurden neue Kirchen, Pfarrhäuser, Gemeindehäuser, Kindergärten, denn die Kirchensteuereinnahmen flossen reichlich. Zu den traditionellen Pfarrstellen wurden solche mit besonderem und gesamtkirchlichem Auftrag geschaffen. Zahlreiche kirchlichen Einrichtungen entstanden, die den gesellschaftlichen Wandel begleiten.

Aber schon in der 1970er Jahren begannen sich die Rahmenbedingungen schrittweise zu verändern. Die Kaufkraftzugewinne wurden trotz gestiegener Kirchensteuereinnahmen geringer, ab den 1990er Jahren verringerte sich die landeskirchliche Finanzkraft deutlich und der Mitgliederrückgang wird das noch weiter verschärfen – was für alle Konfessionen gilt. Das vor dem Hintergrund, dass aktuell die Christen in Deutschland weniger als die Hälfte der Gesamtbevölkerung ausmachen. Hinzu kommt noch, dass in der evangelischen Landeskirche in Württemberg seit 2020 die geburtenstarken Jahrgänge, die zweit Drittel der Pfarrerschaft der Landeskirche ausmachen, in den Ruhestand treten. Das hat zur Folge, dass sich die Zahl der Pfarrerinnen und Pfarrer im Kirchendienst halbiert.

Fast 3,2 Prozent weniger Einnahmen als im Vorjahr.

Die Auswirkungen weniger werdender Kirchenmitglieder trifft auch den Haushalt 2025 des Kirchenbezirkes Leonberg, der nun mit 160 000 Euro weniger auskommen muss. Das sind, bei einem Haushalt von 4,827 Millionen Euro, fast 3,2 Prozent weniger Einnahmen als im Vorjahr. Doch durch gutes Wirtschaften und mögliche Einsparungen ist es gelungen, das Loch im Haushalt zu stopfen.

Solche Voraussetzungen zwingen unweigerlich zum Handeln. „Wir sind aktuell in einer gefährlichen Zerreißprobe: Einerseits befinden wir uns in einer Situation des Abschieds und der Trauer, in der es vor allem um das Hergeben lieb gewonnener Sicherheiten und Privilegien sowie um innere Neuorientierung geht“, sagt die Dekanin. „Andererseits sehen wir uns täglich berufen, den Wandel aktiv zu gestalten und das, was heute gern protestantisches Profil genannt wird, in eine neue Zeit hinüberzuführen“, ergänzt Gabriele Waldbaur. Doch sie ist zuversichtlich. „Müssen uns diese Veränderungen Angst machen? Ich glaube nicht. Ich bin mir sicher, Gott lässt seine Kirche nicht allein“, ist die Leonberger Dekanin überzeugt.

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