Das Theater Hermelin inszeniert „Antigone“. Der Zusatzteil zum Thema Flüchtlinge verfehlt seine Wirkung.
Leonberg - Der Skandal ist ausgeblieben. Hat es ihn je gegeben? Auf eine recht brave Inszenierung der klassischen Tragödie „Antigone“ folgt eine Fortsetzung, die die rund 150 Zuschauer in der Stadthalle etwas ratlos zurücklässt. Provokant angekündigt als „Theater um (k)eine Flüchtlingsunterkunft in Ihrer Nähe“, inklusive eines Proteststurms von Anwohnern infolge eines Gerüchts über eine angeblich heimlich geplante Flüchtlingsunterkunft (wir berichteten), bleibt am Ende nur ein schwach formulierter Appell an die Menschlichkeit. Kein Applaus, keine Diskussion wie angekündigt. Die wütenden Anwohner sind gar nicht erst gekommen.
Doch von vorn. Antigone (Ellen Jacobs), barfuß und im durchsichtigen schwarzen Kleid, beweint den Tod ihres Bruders Polyneikes (Karten Enz), will ihn beerdigen. Doch König Kreon (Dietmar Ilg), modern in Jeans und Jackett, verbietet dies, da Polyneikes die Stadt Theben angegriffen hatte. Unter der Regie von Laura Binder (als Ismene und Eurydike auch auf der Bühne) entspinnt sich die Tragödie in spärlicher Requisite: Zwei unbehauene Säulen, die Heimaterde, in der der Tote begraben werden soll, liegt tatsächlich auf der Bühne.
Für Auflockerung im schweren Theaterstoff sorgt Marco Hiller ganz großartig als Erzähler, der immer wieder in andere Rollen schlüpft, etwa die des blinden Sehers Teiresias. Er ist es auch, der die großen Sätze des Abends sprechen darf. „Kein ärgerer Brauch fiel dem Menschen ein als das Geld.“ Oder: „Woher weiß ein Mensch, was ein Gott denkt?“ Auch gut: „Willst du den Charakter eines Menschen prüfen, so gib ihm Macht.“ Auch Haimon (Zina Emadi), Antigones Verlobter, darf einen weisen Spruch zum Besten geben: „Die Götter pflanzten dem Menschen die Vernunft als höchstes Gut.“ Um die Wirkung zu unterstreichen, erscheinen die Zitate auf einer Leinwand auf der Bühne. Am Schluss wird Kreon, gebrochen von der Tragödie, von den Toten hinfortgezogen. Ende. Die sechs Schauspieler holen sich ihren Applaus ab, bevor der Erzähler erneut die Bühne betritt. „Wer glaubt, ‚Antigone’ sei jetzt zu Ende, der irrt“, sagt er zum Publikum gewandt. Denn nie sei Mitgefühl so notwendig wie jetzt, angesichts von Millionen Flüchtlingen, die vor Bomben, Krieg und Hass fliehen.
Konstantin Wecker darf vom Band „Der Krieg“ zum Besten geben, ein Lied des Dichters Georg Heym, das er vertont hat. „Ich dachte, wir sind hier, um über die Flüchtlinge zu reden“, brüllt es plötzlich aggressiv aus dem Zuschauerraum. Doch es ist keiner der Theaterbesucher, sondern Laura Binder selbst. Es entspinnt sich ein Disput zwischen den Schauspielern, die an verschiedenen Ecken des Saals auftauchen. Sie werfen sich gegenseitig Vorurteile gegen Flüchtlinge, aber auch deren Entkräftung an den Kopf. Auf ein „Das ist unser Land! Wir sind das Volk“ erklingt ein „Das ist unsere Welt! Wir sind die Weltbevölkerung!“ Immer lauter und heftiger schreien sie, bis alles in einem heillosen Durcheinander versinkt. Aufs Stichwort schlägt – rein akustisch – eine Bombe ein, Stroboskop-Licht sorgt für eine unwirkliche Atmosphäre.
Wäre das zusätzliche Stück im Stück an dieser Stelle beendet gewesen, vielleicht hätte die Provokation gefruchtet. Dieser Versuch eines selbst ernannten „Polarisationstheater“, das die Wirklichkeit (Protest gegen Flüchtlingsunterkunft) auf die Bühne geholt, das Theater durch die Werbung dafür aber auch ein Stück weit in die Realität getragen hat. Doch der folgende Monolog vom Band, ein über-pathetisch formulierter Appell an den Humanismus – „lasst uns strahlen im Licht der Menschlichkeit“ – macht die verstörende Wirkung der vorangegangenen Szene zunichte. Kein Applaus. Die Zuschauer stehen auf und verlassen den Saal.