Leonberg Die B 295 – Porträt einer Straße

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Die B 295 führt vom ländlichen Idyll des Schwarzwaldes bei Calw bis ins industrialisierte Feuerbach. Sie ist Lebensader, Sehnsuchtsort, bringt Freude und Ärgernis, Wohlstand und Prosperität, Lärm und tödliche Unfälle mit sich. Eine Bereisung der Bundesstraße.

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Foto: Rafael Binkowski

Die B 295 führt vom ländlichen Idyll des Schwarzwaldes bei Calw bis ins industrialisierte Feuerbach. Sie ist Lebensader, Sehnsuchtsort, bringt Freude und Ärgernis, Wohlstand und Prosperität, Lärm und tödliche Unfälle mit sich. Wir haben die Bundesstraße abgefahren und erlebt, von ihren profanen Anfängen an einer Kreuzung mit McDonalds bei Calw, über die wachsende Kleinstadt Renningen mit dem Bosch-Entwicklungszentrum, das kleine Einkaufsparadies Leonberg bis zum urbanen Kosmos von Feuerbach und der Stadtautobahn am Pragsatteln.

Erste Station: Calw. Was hätte Hermann Hesse wohl gesagt, wenn er an dieser Kreuzung stehen würde? Ganz profan ist hier der Beginn der B 295, im Calwer Stadtteil Heumaden, dort residiert ein McDonalds. Vielleicht hätte Hesse gesagt: „Alles Wissen und alles Vermehren unseres Wissens, endet nicht mit einem Schlusspunkt, sondern mit einem Fragezeichen.“ Ein Fragezeichen ist die B 295 hier auch: Was verspricht uns der Weg nach Stuttgart?

Als Calws berühmtester Sohn in der Stadt gelebt hat, gab es noch keinen McDonalds. Und doch ist das Fastfood-Restaurant ein Symbol des Aufschwungs, der sich schon seit der Antike stets an Straßen festgemacht hat. So beginnt eine Lebensader der malerischen Hesse-Stadt.

Solche philosophische Betrachtungen interessieren die 17-jährige Jaqueline Weigert nicht besonders. Sie bestellt ihr Mittagessen: „Einmal das Big-Mac-Menü mit Ketchup.“ Die Schülerin liebt Fastfood. Die Bundesstraße? Ja, mit der ist sie natürlich aufgewachsen. „Mit der kommt man schnell nach Stuttgart“, sagt sie und nimmt einen Schluck aus der Cola.

Und damit ist die wichtigste Funktion der B 295 an ihrem Anfang in Calw beschrieben: den Schwarzwald mit der Metropole zu verbinden. Im Jahr 1975 sind hier nur knapp 10 000 Fahrzeuge über den Asphalt gerollt, heute sind es 18 000 am Tag. Darunter immer mehr Lastwagen.

Althengstett: Streit um die Hesse-Bahn

Ländlich-idyllisch geht es weiter. Althengstett liegt in einer herrlichen Landschaft, mit gelben Kornfeldern und tiefdunklen Bäumen. Der Ort war der Startschuss für ein großes Konkurrenzprojekt zur B 295 – der Hermann-Hesse-Bahn von Calw nach Renningen. Hier ist der grüne Minister Winfried Hermann 2013 mit dem Rad entlang gefahren, und hat danach verkündet: „Dieses Bahnprojekt ist das Wichtigste in ganz Baden-Württemberg.“ Es folgte jahrelanger Streit, und eine Einigung. Die Hesse-Bahn wird bald gebaut. Doch bis dahin ist die Bundesstraße die einzige schnelle Verbindung. Lastwagen donnern vorüber. Ein einsames Motel bietet Brummifahrern oder Touristen Rast über Nacht. Silvia Kissling, die Inhaberin, ist freundlich und hat ein offenes Ohr für jeden Besucher. 39 Euro kostet hier die Nacht.

Die Blechlawine hat aber auch Schattenseiten. Eine besonders tragische ist kurz nach Althengstett zu sehen: Es ist ein kleines Kreuz am Straßenrand zwischen Neuhengstett und Simmozheim. Jerome Petro steht darauf. Auch das gehört zur B 295 – tödliche Unfälle nach riskanten Überholmanövern. Es war der 4. März 2006, ein Fahrer überholt auf schneeglatter Fahrbahn, stößt mit einem Linienbus zusammen. Welches Schicksal sich damit verbindet? Ein unbedachter Moment, und das Leben einer ganzen Familie ändert sich von einem Tag auf den anderen.

Achtlos rauschen die Autos an dieser kleinen Gedenkstelle vorbei. Ein Steinkranz, frische Blumen und eine Grabkerze in einer blauen Laterne halten die Erinnerung wach. Auch nach neun Jahren pflegen die Angehörigen diesen Platz. Immer wieder gibt es tödliche Unfälle auf der Straße durch Überholmanöver – dieses Kreuz ist ein Mahnmal an alle.

 

Weil der Stadt: Die umgelegte Straße

Wie herrlich diese Landschaft sich im Heckengäu schlängelt. Atemberaubend schöne Täler. Die Bundesstraße zerschneidet diese Idylle schnurgerade. Weil der Stadt taucht auf mit ihrer imposanten Brenzkirche und der Fachwerkkulisse. Die B 295 ist hier früher durch die Stadt gelaufen, hat die historischen Häuser vom Rest zerschnitten. Daher wurde das Asphaltband hier verlegt, gezähmt, Südumfahrung nennt sich das im Verwaltungsdeutsch.

Und so läuft der Verkehrsstrom heute um die Stadt. Ein Kreisverkehr lenkt die Automassen, entweder in die malerische Heimatstadt von Johannes Kepler, die verstärkt um Touristen wirbt und ihren Marktplatz beleben will. Oder den Berg hinaus. Lärmschutzwände schützen die Bürger vor dem Krach – ein erstes Zeichen der Urbanität. Hier nimmt die Zahl der Autos zu, es wird bergauf kurz dreispurig. Noch ist die Straße im ländlichen Gewand, aber die Beschleunigung des Ballungsraumes wird spürbar.

 




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